Coaching-Ansätze für Führungs­kräfte in Krisen­zei­ten

Krisen lügen nicht. Sie zeigen, wer wirk­lich führt – und wer nur verwal­tet. Und sie zeigen, in welchem Zustand ein Team ist, bevor die ersten Worte gespro­chen sind.

Wenn Mitar­bei­tende schwei­gen, wo sie sonst reden. Wenn Meetings selt­sam ruhig werden. Wenn Flur­funk die Kommu­ni­ka­tion der Führungs­kraft ersetzt. Dann ist das kein Stim­mungs­pro­blem. Das ist ein System­si­gnal.

Verun­si­che­rung im Team ist keine Schwä­che der Mitar­bei­ten­den. Sie ist eine Infor­ma­tion. Und eine Führungs­kraft, die das versteht, hat in der Krise einen entschei­den­den Vorsprung.

Was die Verun­si­che­rung wirk­lich sagt

Sigurd Claes Jans­sen hat in den 1970er-Jahren ein Modell entwi­ckelt, das so schlicht wie präzise ist: das House of Change – das Haus der Verän­de­rung. Vier Räume, in denen Menschen sich aufhal­ten, wenn Wandel einsetzt.

Der Raum der Zufrie­den­heit: alles läuft, niemand will etwas verän­dern.

Der Raum der Verleug­nung: die Verän­de­rung ist da, aber wir tun so, als wäre sie es nicht.

Der Raum der Verwir­rung: Chaos, Unsi­cher­heit, keine klare Orien­tie­rung mehr.

Der Raum der Erneue­rung: das Team hat die Krise durch­ge­ar­bei­tet, neue Ener­gie entsteht.

Das Entschei­dende: Verun­si­che­rung sitzt im drit­ten Raum – Verwir­rung. Und der Fehler vieler Führungs­kräfte ist, dort nicht anzu­kom­men. Sie versu­chen, ihr Team per Durch­sage aus dem Raum zu holen. Mit Mails. Mit Präsen­ta­tio­nen. Mit Ermu­ti­gungs­for­meln.

Funk­tio­niert nicht. Wer im Raum der Verwir­rung steckt, braucht keine Infor­ma­ti­ons­flut. Er braucht Orien­tie­rung, Kontakt, Reso­nanz.

Die Führungs­kraft als Reso­nanz­raum

Syste­misch gedacht ist eine Führungs­kraft in der Krise nicht zuerst Lösungs­lie­fe­rant. Sie ist Reso­nanz­raum.

Was bedeu­tet das konkret? Sie hält aus, was das Team gerade nicht aushal­ten kann. Sie zeigt, dass Unsi­cher­heit nicht das Ende ist, sondern ein Durch­gangs­sta­dium. Und sie benennt das, was alle spüren – aber keiner ausspricht.

Das klingt weich­ge­spült. Knall­har­ter Fakt: Das ist es nicht. Denn das Schwie­rigste in einer Krise ist nicht, eine Antwort zu haben. Es ist, präsent zu blei­ben, wenn man selbst keine hat.

Hier setzt ein coaching­ba­sier­ter Führungs­an­satz an. Nicht als Thera­pie­er­satz. Nicht als weich­ge­spül­tes Feel­good-Programm. Sondern als metho­di­sches Werk­zeug für Menschen, die andere durch Unsi­cher­heit führen müssen.

Die sieben Säulen der Resi­li­enz – kein Selbst­hilfe-Programm, sondern Führungs­kom­pass

Resi­li­enz wird gerne als persön­li­che Eigen­schaft verkauft. Entwe­der hat man sie – oder nicht. Das ist Unsinn. Zum Glück.

Die sieben Säulen der Resi­li­enz, wie sie Karen Reivich und Andrew Shatté sowie die GPM-Resi­li­enz­for­schung beschrei­ben, sind Kompe­ten­zen. Erlern­bar. Trai­nier­bar. Und vor allem: über­trag­bar – von der Führungs­kraft auf das Team.

  • Emoti­ons­re­gu­la­tion – Wer unter Druck die eigene Reak­tion noch steu­ert, sendet Stabi­li­tät aus. Nicht Kälte. Stabi­li­tät.
  • Impuls­kon­trolle – Die Fähig­keit, nicht sofort zu reagie­ren. In Krisen ist der erste Impuls selten der rich­tige.
  • Kausal­ana­lyse – Was ist wirk­lich passiert? Nicht: Wer ist schuld? Der Unter­schied ist größer als er klingt.
  • Selbst­wirk­sam­keit – Die Über­zeu­gung, dass das eigene Handeln einen Unter­schied macht. Wenn Führungs­kräfte das verlie­ren, verliert das Team es auch.
  • Realis­ti­scher Opti­mis­mus – Nicht: „Alles wird gut.” Sondern: „Wir können damit umge­hen.” Der Unter­schied ist entschei­dend für die Glaub­wür­dig­keit.
  • Empa­thie – Nicht als Sympa­thie­leis­tung, sondern als Infor­ma­ti­ons­ka­nal. Wer versteht, wie sein Team die Krise erlebt, handelt klüger.
  • Reaching out / Kontakt­fä­hig­keit – Die Bereit­schaft, Unter­stüt­zung anzu­neh­men und anzu­bie­ten. In Krisen tendie­ren Führungs­kräfte dazu, sich zu isolie­ren. Das ist fast immer ein Fehler.

Diese sieben Kompe­ten­zen sind kein Selbst­hilfe-Semi­nar. Sie sind die struk­tu­relle Grund­lage dafür, dass eine Führungs­kraft in der Krise hand­lungs­fä­hig bleibt – und ihr Team mitnimmt.

Was Führungs­kräfte jetzt konkret tun können

Theo­rie ist gut. Hand­werk ist besser. Drei Inter­ven­tio­nen, die sofort wirken:

Klare Anwe­sen­heit vor großen Ankün­di­gun­gen. Mitar­bei­tende lesen den Raum, bevor sie den Satz hören. Eine Führungs­kraft, die sicht­bar präsent, ruhig und ansprech­bar ist, sendet bereits eine Botschaft – noch bevor ein Wort gespro­chen ist. Stich­wort: Owning The Room…

Benen­nen, was ist – nicht beschö­ni­gen. „Ich weiß, dass die Situa­tion gerade viele Fragen aufwirft, auf die ich noch keine voll­stän­di­gen Antwor­ten habe” ist ehrli­cher und wirk­sa­mer als „Wir haben alles im Griff.” Teams spüren Lügen. Was sie nicht immer einord­nen können: warum die Führungs­kraft lügt.

Syste­mi­sches Fragen statt Antwor­ten liefern. Führungs­kräfte, die aus dem Coaching-Kontext kommen oder entspre­chend ausge­bil­det sind, kennen die Kraft der syste­mi­schen Frage. Statt: „Hier ist der Plan.” Lieber: „Was braucht ihr gerade von mir?” Diese Frage verän­dert die Dyna­mik. Sie gibt Hand­lungs­raum zurück an das Team – und verhin­dert, dass die Führungs­kraft unge­wollt zum Engpass wird.

Super­vi­sion als Schutz­raum für Führungs­kräfte

Ein Aspekt, der in der Krisen-Führungs­dis­kus­sion zu wenig Platz bekommt: Wer führt die Führungs­kraft?

Team­su­per­vi­sion ist kein Luxus für ange­spannte Phasen. Sie ist struk­tu­rierte Refle­xion für Menschen, die unter Dauer­druck Entschei­dun­gen tref­fen müssen. Nicht als Klage­raum. Als Klar­heits­raum.

In der Super­vi­sion mit Führungs­teams arbeite ich regel­mä­ßig mit dem House of Change als Orien­tie­rungs­rah­men: Wo steht die Führungs­kraft selbst gerade? In welchem Raum agiert sie? Und wie beein­flusst das die Raum­wahr­neh­mung des Teams?

Diese Refle­xion ist kein Bullerbü-Nabel­schau-Programm. Sie ist stra­te­gi­sches Werk­zeug.

Krisen­kom­mu­ni­ka­tion ist Körper­spra­che – und Trai­ning

Eine Führungs­kraft kann alles Rich­tige sagen – und trotz­dem falsch ankom­men. Weil die Stimme zittert. Weil die Schul­tern hoch­ge­zo­gen sind. Weil der Blick­kon­takt fehlt, genau da, wo er gebraucht würde.

Krisen­kom­mu­ni­ka­tion ist nicht nur Inhalt. Sie ist Haltung, Präsenz, Körper­spra­che.

Gemein­sam mit Hart­mut Müller-Gerbes – syste­mi­scher Coach, Change Mana­ger und ehema­li­ger Pres­se­spre­cher von Stein­brück – entwi­ckeln wir Trai­nings­for­mate, die genau diese Schnitt­stelle adres­sie­ren: Was sage ich? Wie wirke ich dabei? Und wie trai­niere ich beides unter realis­ti­schen Bedin­gun­gen?

Fazit: Krisen brau­chen keine Helden. Sie brau­chen kluge Beglei­tung.

Die Idee des uner­schüt­ter­li­chen Krisen­füh­rers, der allein die Lösung kennt, ist eine Erzäh­lung aus dem letz­ten Jahr­tau­send. Moderne Führung in Krisen­zei­ten bedeu­tet etwas ande­res:

Präsent sein. Trans­pa­rent kommu­ni­zie­ren. Das eigene Führungs­ver­hal­ten reflek­tie­ren. Das Team als hand­lungs­fä­hig begrei­fen – und entspre­chend behan­deln.

Dafür braucht es Haltung. Und Methode. Beides lässt sich entwi­ckeln.

🎯 Praxis­for­mat: 100-Minu­ten-Webi­nar bei webtv­cam­pus

Für Führungs­kräfte, die konkrete Werk­zeuge für verun­si­cherte Teams suchen: Gemein­sam mit Hart­mut Müller-Gerbes biete ich bei webtv­cam­pus ein kompak­tes 100-Minu­ten-Webi­nar an – mit direk­tem Praxis­trans­fer, syste­mi­schen Coaching-Ansät­zen und kommu­ni­ka­ti­ven Tools für die Krisen­si­tua­tion.

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🏛️ Vertie­fung: Work­shop bei der Haufe Akade­mie

Wer über das Webi­nar hinaus in die Praxis gehen möchte: Im Work­shop „Körper­spra­che und Konflikte” bei der Haufe Akade­mie trai­nie­ren wir praxis­nah.

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Über die Autoren

Jens Klocke ist syste­mi­scher Coach, geprüf­ter Media­tor und Team­su­per­vi­sor. Er beglei­tet Führungs­kräfte und Teams in Verän­de­rungs- und Krisen­pro­zes­sen – mit syste­mi­scher Metho­dik, klarer Spra­che und einem Auge für das, was zwischen den Zeilen passiert.

Hart­mut Müller-Gerbes ist Jour­na­list, syste­mi­scher Coach und Change Mana­ger. Er verbin­det mediale Kommu­ni­ka­ti­ons­kom­pe­tenz mit syste­mi­scher Exper­tise.

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Jens Klocke
Jens Klocke
Syste­mi­scher Coach, Change-Beglei­ter, Media­tor und Storytel­ler mit 30 Jahren Führungs­er­fah­rung – auch im inter­na­tio­na­len Kontext. Er arbei­tet unter ande­rem für die Haufe-Akade­mie und die TÜV NORD Akade­mie und ist Grimme-Dozent. Sein Fokus: Haltung – im Kopf und im Körper – mit dem Verständ­nis, dass Kommu­ni­ka­tion und Körper­spra­che keine Tools sind, sondern Ausdruck der inne­ren Einstel­lung.
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