“Und solang du das nicht hast, dieses: Stirb und werde! Bist du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde.”
– Johann Wolfgang von Goethe
Heute ist Ostern. Wir feiern das Fest der Auferstehung, indem wir Schokolade essen und Eier suchen. Wir haben die rohe, gewaltige Kraft dieses uralten Mythos in gemütliche Familienrituale verpackt. Dabei ist die Auferstehung der radikalste psychologische Akt, zu dem ein Mensch fähig ist. Es ist der absolute Neuanfang. Das Abstreifen der alten Identität.
Aber es gibt einen Haken an der Geschichte, den wir gerne übersehen: Bevor etwas auferstehen kann, muss es erst einmal sterben. Genau hier scheitern wir bei unserer eigenen Sinnfindung. Wir wollen den strahlenden Neustart, das erfüllte Leben und die innere Klarheit. Aber wir weigern uns kategorisch, die alte Version von uns sterben zu lassen. Den gut bezahlten, aber hohlen Job. Die bequeme, aber tote Beziehung. Das Image, das wir uns mühsam aufgebaut haben.
Wir spielen Zombie. Wir schleppen tote Lebensentwürfe hinter uns her und versuchen jeden Morgen, sie mit einer neuen Schicht Make-up zu beatmen. Wir optimieren das Elend, statt es zu beerdigen. Sinnfindung ist kein Hinzufügen von neuen Hobbys. Es ist ein brutaler, schmerzhafter Schnitt. Du kannst nicht als Schmetterling fliegen, wenn du dich weigerst, als Raupe zu sterben. Die Höhle muss dunkel und kalt werden, bevor der Stein weggerollt wird.
In dieser Woche zerlegen wir das Oster-Protokoll der Neuerfindung. Wir schauen in die Dunkelheit des Grabes, analysieren den schweren Stein vor deinem Ausgang, betrachten die unvermeidlichen Narben und stellen uns dem Feuer des Phönix. Es wird Zeit aufzuwachen.
Welche Leiche schminkst du jeden Morgen neu, weil du dich vor der Beerdigung fürchtest?
