Resilienz ist eine zentrale Fähigkeit im Leben.

Zwar werden wir mit einer bestimm­ten Grund­re­si­li­enz gebo­ren, doch nur etwa 50 % davon gelten als gene­tisch bedingt – der verblei­bende Teil ist erlern­bar und trai­nier­bar.

Zwil­lings­stu­dien* zeigen, dass gene­ti­sche Fakto­ren einen substan­zi­el­len Anteil an den indi­vi­du­el­len Unter­schie­den in der Resi­li­enz erklä­ren. Gleich­zei­tig verdeut­li­chen sie, dass Umwelt­fak­to­ren, persön­li­che Erfah­run­gen und erlernte Bewäl­ti­gungs­stra­te­gien einen ebenso großen Einfluss haben. Resi­li­enz ist damit weder reine Veran­la­gung noch bloßes Trai­ning, sondern das Ergeb­nis eines komple­xen Zusam­men­spiels beider Fakto­ren.

Häufig stärkt das Leben selbst unsere Resi­li­enz – durch schwie­rige Situa­tio­nen, die uns heraus­for­dern und wach­sen lassen. Nicht immer erken­nen wir diesen Prozess sofort. Oft wird er erst im Rück­blick sicht­bar, etwa wenn wir einer neuen Heraus­for­de­rung begeg­nen und fest­stel­len, dass wir über mehr innere Stabi­li­tät, neue Stra­te­gien oder einen besse­ren Umgang mit Belas­tun­gen verfü­gen.

Doch was ist, wenn man Resilienz bewusst und gezielt entwickeln möchte?

Kann man Resi­li­enz trai­nie­ren? Die klare Antwort lautet: Ja.

Die aktu­elle Forschung betrach­tet Resi­li­enz nicht mehr als starre Persön­lich­keits­ei­gen­schaft, sondern als ein dyna­mi­sches System. Gene liefern dabei gewis­ser­ma­ßen die Grund­aus­stat­tung – sie defi­nie­ren eine indi­vi­du­elle Spann­weite. Inner­halb dieser Spann­weite exis­tie­ren jedoch verän­der­bare Stell­schrau­ben, an denen wir im Laufe unse­res Lebens drehen können.

Soziale Bezie­hun­gen, emotio­nale Kompe­ten­zen, Stress­be­wäl­ti­gung und Selbst­wirk­sam­keit zählen zu diesen zentra­len Einfluss­fak­to­ren. Sie entschei­den maßgeb­lich darüber, wie wider­stands­fä­hig wir auf Belas­tun­gen reagie­ren – weit­ge­hend unab­hän­gig von unse­rer gene­ti­schen Ausgangs­lage. Resi­li­enz liegt damit zu einem großen Teil im Bereich des Gestalt­ba­ren.

In dieser Arti­kel­se­rie werde ich Schritt für Schritt auf die zentra­len Säulen der Resi­li­enz einge­hen und zeigen, wie sie konkret gestärkt werden können.

Teil 1: Das soziale Netz

Ich sitze gerade in einem Café in Kolum­bien und trinke einen Cold Brew mit Lulo – einer hier typi­schen Frucht. Meine sozia­len Inter­ak­tio­nen in diesem Café gehen weit über eine einfa­che Bestel­lung hinaus. Kolumbianer:innen sind deut­lich offe­ner und sozia­ler, als ich es aus Deutsch­land gewohnt bin.

Ich habe mich mit meiner Kell­ne­rin und dem Team unter­hal­ten – das Café ist rela­tiv leer, neben mir sind nur noch drei weitere Ange­stellte da. Gemein­sam haben wir über die neue Haar­farbe der Kell­ne­rin gespro­chen, und ich habe Restau­rant­emp­feh­lun­gen für meinen anste­hen­den Geburts­tag bekom­men.

Natür­lich ist das nicht für jede:n etwas. Nicht jede Person möchte sich auf Gesprä­che mit Frem­den einlas­sen. Dennoch erlebe ich hier ein ande­res sozia­les Mitein­an­der als zu Hause in Berlin. Wie oft ich hier mit frem­den Menschen auf der Straße ins Gespräch komme, liegt nicht nur an mir, sondern vor allem an der Offen­heit der Menschen.

Ich lebe hier – genau wie in Berlin – allein in einem Apart­ment. Dennoch fühle ich mich durch diese tägli­chen, oft kurzen Inter­ak­tio­nen leich­ter, verbun­de­ner und emotio­nal stabi­ler. Und genau hier zeigt sich die Bedeu­tung des sozia­len Netzes als Resi­li­enz­fak­tor:

Das Gefühl, dazu­zu­ge­hö­ren, ist eines unse­rer biopsy­cho­lo­gi­schen Grund­be­dürf­nisse. Studien bele­gen, dass selbst kleine soziale Inter­ak­tio­nen das psychi­sche Wohl­be­fin­den posi­tiv beein­flus­sen und Einsam­keit als Risi­ko­fak­tor für psychi­sche Erkran­kun­gen redu­zie­ren können.

So zeigen Wang et al. (2018) in einer syste­ma­ti­schen Über­sichts­ar­beit, dass wahr­ge­nom­mene soziale Unter­stüt­zung stark mit menta­len Gesund­heits­in­di­ka­to­ren wie Depres­sion und Angst zusam­men­hängt.

Damit rückt Resi­li­enz in den Bereich des Gestalt­ba­ren: Sie ist keine starre Eigen­schaft, sondern ein System aus Kompe­ten­zen, das sich im Laufe des Lebens verän­dern lässt. Genau hier setzen moderne Resi­li­en­z­mo­delle an, die einzelne Schutz­fak­to­ren – soge­nannte Resi­li­en­z­säu­len – iden­ti­fi­zie­ren und gezielt stär­ken.

Dieses Beispiel zeigt, dass Resi­li­enz nichts Abstrak­tes ist, sondern im Alltag entsteht – in Bezie­hun­gen, im gegen­sei­ti­gen Wahr­neh­men und in dem, was wir selbst in soziale Verbin­dun­gen einbrin­gen; in den kommen­den Wochen werde ich weitere Säulen der Resi­li­enz betrach­ten, darun­ter Opti­mis­mus, Zukunfts­ori­en­tie­rung, Sinn und Werte.


*🧬2. Psych­ia­tric Resi­li­ence – Longi­tu­di­nale Zwil­lings­stu­die (Adult Twins)

Diese Studie unter­suchte Resi­li­enz gegen­über Stress & psychi­schen Sympto­men in einer großen Zwil­lings­ko­horte (≈ 7.500 Erwach­sene). Ergeb­nis: Gene­ti­sche Einflüsse tragen mode­rat (~31 %) bis stark (~50 %) zur Resi­li­enz bei, und Umwelt­fak­to­ren spie­len eben­falls eine wich­tige Rolle.
➡️ Bedeu­tung: Auch im Erwach­se­nen­al­ter zeigen gene­ti­sche Fakto­ren stabi­len Einfluss, während Umwelt­fak­to­ren die rest­li­che Varia­tion erklä­ren — also Lernen, Erfah­run­gen und Lebens­stil können Resi­li­enz formen.

**Wang, J. et al. (2018). Asso­cia­ti­ons between loneli­ness and percei­ved social support and outco­mes of mental health problems: A syste­ma­tic review. BMC Psych­ia­try.

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