“In der Angst ihres Herzens sprang das Mädchen in den Brunnen, um die Spule zu holen.”
– Frau Holle (Brüder Grimm)
Wir stellen uns den Aufbruch gerne als heroischen Schritt vor. Brust raus, Blick nach vorn, epischer Soundtrack. Die Realität ist meistens profaner und viel beängstigender. Der Aufbruch beginnt oft mit einem Fehler. Dir fällt die Spule ins Wasser. Du hast blutige Finger. Du kriegst Ärger. Die Panik übernimmt das Steuer.
Das Mädchen springt nicht in den Brunnen, weil sie eine Entdeckungsreise buchen will. Sie springt aus nackter Verzweiflung, weil der Druck von oben unerträglich geworden ist. Sie verliert das Bewusstsein. Und wacht auf einer wunderschönen Wiese wieder auf.
Genau das ist die Anatomie vieler Lebenswenden. Wir planen den Wandel nicht, wir werden hineingestoßen. Die Kündigung, der Fehler, der Zusammenbruch. Das ist die Spule, die in die Tiefe fällt. Du musst hinterher. Du musst die vertraute, wenn auch grausame Welt an der Oberfläche verlassen und blind in die Dunkelheit springen. Erst der freie Fall bringt dich an den Ort, an dem du wirklich gebraucht wirst.
Welchen freien Fall versuchst du gerade panisch zu vermeiden, obwohl er dich genau auf die Wiese bringen würde, die du suchst?
