Stell dir vor, jemand würde dir 30.000 Euro schen­ken. Aller­dings mit einer einzi­gen Bedin­gung: Du darfst sie nur für eines ausge­ben. Für Zeit.

Zeit, ohne unmit­tel­ba­ren Druck zu über­le­gen, was als Nächs­tes kommt.

Genau darin kann der eigent­li­che Wert einer Abfin­dung liegen. Nur behan­deln viele Menschen sie nicht so.

Warum viele ihre Abfin­dung nicht als Chance nutzen

Nach einer Kündi­gung wird eine Abfin­dung nicht selten wie Geld in der Spar­so­cke behan­delt: aufbrau­chen, solange es reicht – während gleich­zei­tig möglichst schnell Bewer­bun­gen geschrie­ben werden.

Das Geld wird damit zur Verlän­ge­rung des alten Zustands.

Nicht zum Werk­zeug für einen neuen.

Dabei lässt sich eine Abfin­dung auch anders betrach­ten: als finan­zi­el­les Zeit­fens­ter zwischen zwei beruf­li­chen Abschnit­ten.

Die entschei­dende Frage lautet dann nicht nur:

„Wie lange reicht das Geld?“

Sondern:

„Wofür nutze ich die Zeit, die mir dieses Geld ermög­licht?“

Was die Forschung zeigt: Schnel­ler ist nicht auto­ma­tisch besser

Eine Meta­ana­lyse im Jour­nal of Applied Psycho­logy von van Hooft und Kolle­gen aus dem Jahr 2021 unter­suchte, welche Auswir­kun­gen die Inten­si­tät der Jobsu­che tatsäch­lich hat.

Das zentrale Ergeb­nis: Wer inten­si­ver sucht, erhöht seine Chan­cen, schnel­ler über­haupt eine Stelle zu finden.

Die Inten­si­tät der Suche sagt jedoch wesent­lich weni­ger darüber aus, wie gut die gefun­dene Stelle tatsäch­lich passt.

Verein­facht gesagt:

Tempo kann schnel­ler zu einem Job führen. Aber Tempo garan­tiert keinen passen­den Job.

Genau hier kann sich die gekaufte Zeit auszah­len.

Wer sie nutzt, um zunächst zu klären, was wirk­lich passen soll, sucht anschlie­ßend mögli­cher­weise nicht hekti­scher – sondern ziel­ge­rich­te­ter.

Was diese Zeit wert sein kann

Eine Studie im Jour­nal of Career Deve­lo­p­ment von Smit und Malik aus dem Jahr 2026 beglei­tete sechs Frauen in der Lebens­mitte, die ihre Karriere bewusst neu ausge­rich­tet hatten.

Der beschrie­bene Entwick­lungs­weg führte von einem „Compro­mi­sed Self“ – geprägt durch frühere, wenig passende Berufs­ent­schei­dun­gen – hin zu einem „True Self“, das stär­ker aus einer klaren Sicht auf die eigene Moti­va­tion entstand.

Drei Fakto­ren spiel­ten dabei eine wich­tige Rolle:

  1. Selbst­re­fle­xion
  2. das Gefühl von Hand­lungs­spiel­raum
  3. Unter­stüt­zung von außen

In mehre­ren der unter­such­ten Fälle führte die Neuori­en­tie­rung schließ­lich in die Selbst­stän­dig­keit statt in den nächs­ten Ange­stell­ten­job.

Bemer­kens­wert ist dabei noch etwas ande­res: Die bishe­rige Berufs­er­fah­rung wurde nicht als Ballast behan­delt.

Sie wurde zur Grund­lage für das Neue.

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Neuori­en­tie­rung mit 50 heißt nicht: bei null anfan­gen

Genau darin liegt ein häufi­ger Denk­feh­ler bei einer Kündi­gung in der Lebens­mitte.

Wer nach 20, 25 oder 30 Berufs­jah­ren plötz­lich vor einer Neuori­en­tie­rung steht, beginnt nicht noch einmal bei null.

Er beginnt mit Erfah­rung.

Mit Wissen darüber, was funk­tio­niert hat. Was nicht funk­tio­niert hat. Welche Menschen und Arbeits­for­men guttun. Welche Verant­wor­tung man über­neh­men möchte – und welche viel­leicht nicht mehr.

Eine Abfin­dung kann den finan­zi­el­len Spiel­raum schaf­fen, diese Erfah­run­gen zunächst zu sortie­ren, bevor die nächste Entschei­dung fällt.

Selbst-Check: Wofür ist deine Zeit gekauft?

  1. Wenn die Abfin­dung ein Budget für Zeit ist: Wie viele Monate hast du dir davon bewusst reser­viert?
  2. Wofür würdest du diese Zeit einset­zen, wenn Tempo keine Rolle spie­len würde?
  3. Was an deiner bishe­ri­gen Berufs­er­fah­rung ist Grund­lage – und nicht Ballast?
  4. Wer könnte dir in diesem Zeit­fens­ter die nötige Außen­sicht geben?

Häufige Fragen

Ist eine Abfin­dung eine Entschä­di­gung oder ein Zeit­fens­ter?

Eine Abfin­dung ist zunächst eine finan­zi­elle Leis­tung im Zusam­men­hang mit der Been­di­gung eines Arbeits­ver­hält­nis­ses. Für die persön­li­che Neuori­en­tie­rung kann sie zusätz­lich als finan­zi­el­les Zeit­fens­ter betrach­tet werden: als Möglich­keit, nicht unmit­tel­bar die nächst­beste Stelle anneh­men zu müssen, sondern die nächste Entschei­dung bewuss­ter vorzu­be­rei­ten.

Führt eine schnel­lere Jobsu­che auto­ma­tisch zu einer besse­ren Stelle?

Nein. Die in der Vorlage zitierte Meta­ana­lyse von van Hooft und Kolle­gen zeigt, dass inten­si­vere Jobsu­che zwar mit einer höhe­ren Wahr­schein­lich­keit zusam­men­hängt, über­haupt eine Stelle zu finden. Daraus folgt jedoch nicht auto­ma­tisch eine bessere Passung der gefun­de­nen Stelle.

Lohnt sich eine bewusste Neuori­en­tie­rung mit 50 über­haupt noch?

Eine beruf­li­che Neuori­en­tie­rung kann auch in der Lebens­mitte sinn­voll sein. Die in der Vorlage zitierte Unter­su­chung von Smit und Malik hebt dabei insbe­son­dere Selbst­re­fle­xion, Hand­lungs­spiel­raum und Unter­stüt­zung von außen als wich­tige Fakto­ren hervor.

Weiter­hö­ren und weiter­le­sen

Die ganze Folge „Neuori­en­tie­rung mit 50“ mit Hart­mut Müller-Gerbes und Jens Klocke gibt es im Podcast Coaching2Go auf Spotify.

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Neuorientierung ab 50

Wenn du selbst gekün­digt wurdest, eine Abfin­dung erhal­ten hast oder vor einer beruf­li­chen Neuori­en­tie­rung stehst, findest du im Themen­spe­cial „Gekün­digt und abge­fun­den – Neuori­en­tie­rung ab 50“ weitere Impulse und Unter­stüt­zung.

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Jens Klocke
Jens Klocke
Jens Klocke ist syste­mi­scher Coach, zerti­fi­zier­ter Media­tor (INeKO, Univer­si­tät zu Köln) und Change Mana­ger in Düssel­dorf. Davor hat er rund 30 Jahre als TV-Jour­na­list und Autor gear­bei­tet, unter ande­rem für ARD, ZDF und RTL. Mit seiner Marke Human­t­alks beglei­tet er Führungs­kräfte und Menschen im beruf­li­chen Umbruch. Gemein­sam mit Hart­mut Müller-Gerbes ist er im Coach­ver­zeich­nis Themen­pate für beruf­li­che Neuori­en­tie­rung.