Bis zu 50 Prozent ihrer Arbeits­zeit verbrin­gen Führungs­kräfte mit Konflik­ten, die nicht ihre eige­nen sind.

Oder: Kostet mindes­tens 50.000 Euro. So viel verlie­ren laut einer KPMG-Studie unter 111 Indus­trie­un­ter­neh­men bereits die Hälfte aller Betriebe jähr­lich allein durch Projekte, die an unge­lös­ten Konflik­ten schei­tern oder sich verschlep­pen. In jedem zehn­ten Unter­neh­men sind es über 500.000 Euro – Jahr für Jahr, ohne eigene Zeile in der Bilanz.

Der Grund, warum diese Summe so selten klei­ner wird: Der übli­che Reflex verschlim­mert die Lage eher, als sie zu lösen.

Weil Visua­li­sie­rung hilft.

Der Wagen steckt fest. Schnee, Schlamm, spielt keine Rolle. Die Reifen drehen durch, der Motor heult auf. Der erste Reflex: mehr Gas. Das Ergeb­nis: Der Wagen gräbt sich tiefer ein. Mit jeder Umdre­hung ein Stück weiter unten.

Konflikte im Unter­neh­men folgen demsel­ben Muster – nur dass das Gaspe­dal hier anders heißt: „noch ein Meeting“, „noch ein Vier-Augen-Gespräch“, „noch eine E‑Mail zur Klärung“. Gut gemeint, oft sogar mit der rich­ti­gen Ener­gie unter­legt. Und trotz­dem gräbt sich der Konflikt tiefer ein.

Zuse­hen hilft genauso wenig wie Gasge­ben

Die zweite Reak­tion vieler Entschei­der ist das Gegen­teil: abwar­ten. Aussit­zen. Hoffen, dass sich die Lage von selbst löst, wenn nur genug Zeit vergeht. Auch das ist ein Irrtum – ein Wagen im Schlamm taut nicht von allein auf.

Zwischen diesen zwei Extre­men – Gasge­ben und Aussit­zen – liegt die eigent­li­che Führungs­auf­gabe: erken­nen, wie tief der Konflikt bereits steckt. Und nicht ganz unwich­tig: Spüren, ob die eigene Kraft noch reicht, ihn allein heraus­zu­zie­hen.

Die neun Stufen der Eska­la­tion

Der öster­rei­chi­sche Konflikt­for­scher Fried­rich Glasl hat dafür ein Modell entwi­ckelt, das bis heute Stan­dard in der Media­tion ist: neun Eska­la­ti­ons­stu­fen, gebün­delt in drei Phasen.

Die neun Stufen der Eska­la­tion

Nach Fried­rich Glasl, gebün­delt in drei Phasen

Win-win (Stufe 1–3) Win-lose (Stufe 4–6) Lose-lose (Stufe 7–9)
1
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5
6
7
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9
Verhär­tung
Debatte & Pole­mik
Taten statt Worte
Image & Koali­tio­nen
Gesichts­ver­lust
Droh­stra­te­gien
Vernich­tungs­schläge
Zersplit­te­rung
Gemein­sam in den Abgrund
1 Verhär­tung
2 Debatte und Pole­mik
3 Taten statt Worte
4 Sorge um Image und Koali­tio­nen
5 Gesichts­ver­lust
6 Droh­stra­te­gien
7 Begrenzte Vernich­tungs­schläge
8 Zersplit­te­rung
9 Gemein­sam in den Abgrund

Phase 1 – Win-win (Stufen 1 bis 3)

Verhär­tung: Posi­tio­nen werden klar, man bleibt aber gesprächs­be­reit.

Debatte und Pole­mik: Argu­mente werden geschärft, Schwarz-Weiß-Denken setzt ein.

Taten statt Worte: Eine Seite handelt ohne Abspra­che, die Kommu­ni­ka­tion reißt an. Man strei­tet hart über die Sache, aber die Bezie­hung trägt den Streit noch – beide Seiten können hier noch gewin­nen.

Phase 2 – Win-lose (Stufen 4 bis 6)

Sorge um Image und Koali­tio­nen: Lager­bil­dung im Team, jede Seite sucht Verbün­dete.

Gesichts­ver­lust: persön­li­che Angriffe, öffent­li­che Herab­set­zung.

Droh­stra­te­gien: Ulti­ma­ten, offene Konse­quen­zen-Ankün­di­gun­gen. Es geht nicht mehr um die Sache, sondern ums Gesicht – der eigene Sieg zählt mehr als die gemein­same Lösung.

Phase 3 – Lose-lose (Stufen 7 bis 9)

Begrenzte Vernich­tungs­schläge: der eigene Scha­den wird in Kauf genom­men, Haupt­sa­che der andere leidet mehr.

Zersplit­te­rung: das gegne­ri­sche Gefüge soll zerstört werden.

Gemein­sam in den Abgrund: totale Konfron­ta­tion, auch um den Preis der Selbst­schä­di­gung. Am Ende verlie­ren alle – der Konflikt selbst ist wich­ti­ger gewor­den als das, worum es ursprüng­lich ging.

Die entschei­dende Erkennt­nis für Entschei­der: Etwa ab Stufe 5 – dem Gesichts­ver­lust – reicht interne Mode­ra­tion nicht mehr aus. Wer diesen Punkt allein lösen will – ohne Blick von außen – braucht mehr Kraft, als das System noch hergibt.

Fünf Krite­rien, an denen sich der Zeit­punkt auch für Laien erken­nen lässt

Man muss kein Konflikt­for­scher sein, um die eigene Stufe grob zu bestim­men. Fünf Signale reichen für eine erste, ehrli­che Einschät­zung:

  1. Wieder­ho­lungs­schlei­fen. Dasselbe Thema steht zum wieder­hol­ten Mal auf der Agenda, ohne dass sich etwas bewegt. Jedes Gespräch endet dort, wo das letzte aufge­hört hat.
  2. Kommu­ni­ka­ti­ons­ab­bruch. Direkte Gesprä­che werden selte­ner. Statt­des­sen: E‑Mail-Vertei­ler als Beweis­si­che­rung, Dritte als Boten, Flur­funk statt Klar­text.
  3. Rollen­ver­här­tung. Aus Menschen werden Etiket­ten – „die Buch­hal­tung“, „der Vertrieb“, „die Neuen“. Einzelne verschwin­den hinter Grup­pen­bil­dern.
  4. Kippende Wirkung. Die eige­nen Inter­ven­tio­nen als Führungs­kraft beru­hi­gen die Lage nicht mehr – sie verschär­fen sie. Das Gaspe­dal-Prin­zip, live im eige­nen Team.
  5. Kolla­te­ral­schä­den. Fluk­tua­tion, Krank­heits­tage, sinkende Leis­tung – auch bei Themen, die mit dem eigent­li­chen Streit gar nichts zu tun haben.

Tref­fen ein oder zwei dieser Punkte zu, lohnt sich aufmerk­sa­mes Beob­ach­ten. Tref­fen drei oder mehr zu, ist der rich­tige Zeit­punkt für externe Beglei­tung nicht mehr „irgend­wann bald“ – er ist jetzt.

Warum Entschei­der den eige­nen Konflikt selten allein lösen (soll­ten)

Das liegt selten an fehlen­dem Willen oder fehlen­der Kompe­tenz. Es liegt am soge­nann­ten Johari-Fens­ter, einem Modell der Psycho­lo­gen Joseph Luft und Harring­ton Ingham. Es beschreibt einen Bereich, den Fach­leute den blin­den Fleck nennen: Dinge, die andere an einem selbst sehen, die man selbst aber nicht wahr­nimmt.

Wer mitten im Konflikt steckt, hat diesen blin­den Fleck fast zwangs­läu­fig – nicht, weil ihm die Kompe­tenz fehlt, sondern weil er Teil des Bildes ist, das er beur­tei­len soll. Neutra­li­tät lässt sich nicht anord­nen. Sie entsteht nur von außen, durch jeman­den, der keine der beiden Seiten scho­nen muss, weil er am Montag ohne­hin nicht wieder mit demsel­ben Team am Tisch sitzt.

Früh ziehen statt spät graben

Die eingangs genann­ten Zahlen sind der Preis des Wartens. Ein Abschlepp­wa­gen kommt güns­ti­ger, wenn er geru­fen wird, solange das Loch noch flach ist. Das Prin­zip gilt für Konflikte genauso wie für Autos im Schlamm: Je früher externe Klärung einsetzt, desto weni­ger Kraft, Zeit und Geld kostet sie am Ende. Ab Stufe 6 braucht es oft Monate, was auf Stufe 3 in weni­gen Sitzun­gen zu klären gewe­sen wäre.

Im Rhein­land sagt man: „Et kütt wie et kütt“ – es kommt, wie es kommt. Ein schö­ner Satz für den Feier­abend. Für die dritte Eska­la­ti­ons­stufe im eige­nen Team ist er keine Stra­te­gie, sondern eine Ausrede.

Der nächste Schritt

Wer sich in zwei, drei der oben genann­ten Krite­rien wieder­erkennt, muss den Konflikt nicht allein lösen – und sollte es nach Stufe 5 auch nicht mehr versu­chen.

Oder: Der Wagen bleibt so lange stecken, wie niemand den Abschlepp­wa­gen ruft. Call me 😉

Meet the Coach

Jens Klocke
Jens Klocke
Syste­mi­scher Coach, Change-Beglei­ter, Media­tor und Storytel­ler mit 30 Jahren Führungs­er­fah­rung – auch im inter­na­tio­na­len Kontext. Er arbei­tet unter ande­rem für die Haufe-Akade­mie und die TÜV NORD Akade­mie und ist Grimme-Dozent. Sein Fokus: Haltung – im Kopf und im Körper – mit dem Verständ­nis, dass Kommu­ni­ka­tion und Körper­spra­che keine Tools sind, sondern Ausdruck der inne­ren Einstel­lung.