“Die Saat muss völlig zerstört werden, damit die Pflanze wachsen kann.”
– Sufi-Weisheit
In der Ostergeschichte gibt es diesen unbeliebten Zeitraum. Den Karsamstag. Der Tag zwischen Tod und Auferstehung. Es passiert absolut nichts. Es ist dunkel, kalt und leise. In der Naturwissenschaft ist das der Kokon: Die Raupe zersetzt sich zu einer undefinierbaren Flüssigkeit, bevor sie sich neu zusammensetzt. Nichts hat in diesem Moment eine Form.
Wir hassen diesen Zustand der totalen Leere. Wenn wir einen Schnitt machen – eine Kündigung, eine Trennung, ein radikaler Neuanfang –, wollen wir am nächsten Morgen sofort den neuen Sinn, die große Erfüllung spüren. Wenn die Stille einsetzt, geraten wir in Panik. Wir stürzen uns in blinden Aktionismus, laden Dating-Apps herunter, kaufen Online-Kurse, machen Pläne. Alles, um die Dunkelheit des Grabes nicht aushalten zu müssen.
Dabei ist diese orientierungslose Leere keine Fehlfunktion. Sie ist der wichtigste Teil der Transformation. Der neue Sinn kann nicht entstehen, solange der Lärm des alten Lebens noch in deinen Ohren dröhnt. Du musst dich auflösen, bevor du dich neu zusammensetzen kannst. Wer die Leere überspringt, recycelt nur seine alten Fehler in neuer Verpackung.
Mit welchem Lärm betäubst du gerade die Stille, die du eigentlich bräuchtest, um dich neu zusammenzusetzen?
