Es beginnt selten mit einem Pauken­schlag, auch wenn es oft mit einem solchen endet.

Kein Streit, kein offe­ner Konflikt, es ist eher ein Tonfall, der sich verän­dert. Eine Einla­dung, die nicht mehr kommt. Infor­ma­tio­nen, die einen zu spät errei­chen. Ein Lachen, das verstummt, wenn man den Raum betritt. Wer von Mobbing betrof­fen ist, kann anfangs meis­tens selbst nicht benen­nen, was passiert.

Mobbing am Arbeits­platz ist kein Rand­phä­no­men. Der aktu­elle Mobbing-Report* des Arbeits­mi­nis­te­ri­ums nennt für Deutsch­land drei Zahlen, die zeigen, welches Ausmaß Mobbing in Unter­neh­men ange­nom­men hat und wie belas­tend es für jeden Einzel­nen und die Unter­neh­mens­kul­tur ist.

6,5. Die Zahl der Beschäf­tig­ten in Prozent, die in den vergan­ge­nen sechs Mona­ten auf der Arbeit gemobbt wurden.

22,6. Zahl der Tage, die Mobbing-Opfer durch­schnitt­lich krank zu Hause sind – im Vergleich dazu sind Mitar­bei­tende, die sich nicht gemobbt fühlen, halb so oft krank (11,4 Tage/Jahr).

11,4. Am stärks­ten von Mobbing betrof­fen sind Berufs­ein­stei­ger und Young Profes­sio­nals zwischen 18 und 29 Jahren. 11,4 % wurden in den vergan­ge­nen sechs Mona­ten durch Vorge­setzte oder Kolle­gen gemobbt.

Mobbing kann von Schlaf­stö­run­gen und Konzen­tra­ti­ons­pro­ble­men über Angst­zu­stände bis hin zu ausge­wach­se­nen Erkran­kun­gen führen. Für Unter­neh­men bedeu­tet es Fehl­zei­ten, Fluk­tua­tion, ein vergif­te­tes Klima und nicht selten den Verlust genau der Menschen, die man am wenigs­ten verlie­ren wollte.

Was Mobbing von einem norma­len Konflikt unter­schei­det

Klar ist: nicht jeder Ärger im Büro ist gleich Mobbing. Meinungs­ver­schie­den­hei­ten, kriti­sches Feed­back, ein schlech­ter Tag, die Präsen­ta­tion verhauen. Das ist Alltag, der Refle­xion und Resi­li­enz erfor­dert.

Entschei­dend sind drei Merk­male, die Mobbing von einem gewöhn­li­chen Konflikt abhe­ben:

  1. Syste­ma­tik statt Einzel­fall. Es handelt sich nicht um eine einma­lige Entglei­sung, sondern um wieder­keh­rende Hand­lun­gen über einen länge­ren Zeit­raum. Fach­leute spre­chen von mindes­tens einmal pro Woche über ein halbes Jahr.
  2. Gezielte Ausrich­tung. Die Hand­lun­gen rich­ten sich gegen eine bestimmte Person, die zuneh­mend in die Rolle des Ange­grif­fe­nen gedrängt wird.
  3. Ungleich­ge­wicht der Kräfte. Die betrof­fene Person kann sich aus eige­ner Kraft immer schwe­rer wehren. Sei es, weil eine Führungs­kraft betei­ligt ist, sei es, weil sich eine Gruppe formiert hat.

Ein echter Konflikt wird zwischen zwei Parteien auf Augen­höhe ausge­tra­gen und lässt sich klären. Mobbing zielt nicht auf Klärung, sondern auf Ausgren­zung.

Die vielen Gesich­ter des Mobbings

Mobbing ist selten laut. Häufig sind es leise, schwer greif­bare Hand­lun­gen, die in der Summe zermür­ben:

  • Wich­tige Infor­ma­tio­nen werden zurück­ge­hal­ten oder zu spät weiter­ge­ge­ben.
  • Leis­tun­gen werden syste­ma­tisch klein­ge­re­det oder ande­ren zuge­schrie­ben.
  • Aufga­ben werden entzo­gen – oder es werden bewusst sinn­lose bzw. über­for­dernde Aufga­ben zuge­wie­sen.
  • Die Person wird von Gesprä­chen, Meetings, Pausen oder infor­mel­len Runden ausge­schlos­sen.
  • Gerüchte und abfäl­lige Bemer­kun­gen kursie­ren, offen oder hinter dem Rücken.
  • Kritik erfolgt über­zo­gen, stän­dig und vor Publi­kum.

Kultur und Mobbing

Ein hart­nä­cki­ger Mythos lautet: „Wer gemobbt wird, muss schon einen Grund gelie­fert haben.“ Das ist bequem und gefähr­lich. Mobbing sagt weit mehr über das System aus, in dem es statt­fin­det, als über die betrof­fene Person.

Was ich oft in Unter­neh­men wahr­nehme, in denen es um Konflikt­lö­sung geht:

  • unklare Zustän­dig­kei­ten
  • hoher Druck
  • intrans­pa­rente Führung
  • unge­löste Konflikte
  • Angst vor Stel­len­ab­bau
  • eine Kultur, in der Abwer­tung gedul­det wird.

Mobbing braucht auch immer die Führungs­kraft, die es duldet.

Betrof­fen sein kann grund­sätz­lich jede und jeder und oft trifft es sogar beson­ders enga­gierte, kompe­tente oder auf irgend­eine Weise „andere“ Menschen. Also lasst uns aufhö­ren, nach Schuld beim Opfer zu suchen, und begin­nen, auf die Bedin­gun­gen zu schauen.

Als Coach sage ich: Du kannst das System nicht ändern; Du kannst aller­dings den Umgang mit dem System ändern.

Wenn Du selbst betrof­fen bist

Der wich­tigste erste Schritt ist zugleich der schwerste: sich einzu­ge­ste­hen, dass das, was passiert, nicht in Ordnung ist. Aus der Erfah­rung vieler Betrof­fe­ner und meiner Coaching­pra­xis haben sich einige Schritte bewährt:

Doku­men­tie­ren. Führe ein „Mobbing-Tage­buch“: Datum, Uhrzeit, was geschah, wer betei­ligt war, wer es mitbe­kom­men hat. Diese Sach­lich­keit hilft doppelt – als spätere Grund­lage für Gesprä­che und als Mittel gegen das Gefühl, sich alles nur einzu­bil­den.

Verbün­dete suchen. Isola­tion ist das Ziel des Mobbings; Kontakt ist das Gegen­mit­tel. Vertraute Kolle­gin­nen, der Betriebs- oder Perso­nal­rat, Vorge­setzte außer­halb des Gesche­hens.

Unter­stüt­zung von außen. Manch­mal braucht es einen geschütz­ten Raum außer­halb des Betriebs, um wieder klar zu sehen und hand­lungs­fä­hig zu werden. Genau hier setzt profes­sio­nelle Beglei­tung an.

Acht­sam­keit. Mobbing zehrt an der Gesund­heit. Nimm körper­li­che und seeli­sche Warn­si­gnale ernst und zögere nicht, ärzt­li­che oder thera­peu­ti­sche Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Führungs­ver­ant­wor­tung bei Mobbing

Führungs­kräfte sind – im Guten wie im Schlech­ten – die entschei­dende Stell­schraube. Wegse­hen ist keine neutrale Haltung, sondern ein Signal, dass Ausgren­zung tole­riert wird. Was hilft:

Verant­wor­tung als Führungs­kraft

Vier Hebel, mit denen Sie Mobbing verhin­dern – statt es gesche­hen zu lassen

Hinse­hen & ernst nehmen01

Signale wahr­neh­men – auch die leisen. Ausschluss, Getu­schel, ein Kollege, der verstummt: das sind Warn­zei­chen.

Nicht baga­tel­li­sie­ren. Sätze wie „Stel­len Sie sich nicht so an“ verschlie­ßen die Tür für immer.

Kultur schaf­fen02

Wert­schät­zung vorle­ben. Kultur entsteht nicht durch Leit­bil­der an der Wand, sondern durch tägli­ches Tun.

Konflikte offen ansprech­bar machen. Wo Reibung früh geklärt wird, findet Ausgren­zung wenig Nähr­bo­den.

Struk­tu­ren etablie­ren03

Klare Wege schaf­fen. Feste Ansprech­part­ner, trans­pa­rente Beschwer­de­wege, ggf. Betriebs­ver­ein­ba­rung.

Die Fürsor­ge­pflicht kennen. Arbeit­ge­ber sind recht­lich verpflich­tet, Beschäf­tigte vor Mobbing zu schüt­zen.

Externe Hilfe nutzen04

Neutra­li­tät von außen holen. Media­tion, Coaching oder Konflikt­be­ra­tung brin­gen fest­ge­fah­rene Lagen in Bewe­gung.

Recht­zei­tig, nicht erst am Ende. Je früher Dritte einbe­zo­gen werden, desto eher lässt sich Eska­la­tion vermei­den.

Der rote Faden: Haltung schlägt Verfah­ren.

Kein Beschwer­de­weg ersetzt eine Führungs­kraft, die klar signa­li­siert: Ausgren­zung hat hier keinen Platz.

Vom Wegse­hen zum Handeln
Wegse­hen„Ist doch halb so schlimm.“
Anspre­chenSitua­tion benen­nen, Betei­ligte hören.
HandelnStruk­tur, Kultur, ggf. externe Beglei­tung.

Welche Rolle Coaching und beson­ders Media­tion spie­len kann

Mobbing hinter­lässt Spuren, die sich mit gutem Willen allein oft nicht mehr auflö­sen lassen. Für Betrof­fene kann Coaching ein geschütz­ter Raum sein, um wieder Boden unter die Füße zu bekom­men: die eigene Situa­tion ordnen, Hand­lungs­op­tio­nen entwi­ckeln, das ange­schla­gene Selbst­ver­trauen stabi­li­sie­ren und die nächs­ten Schritte klären, und zwar ohne die Dyna­mik des betrieb­li­chen Umfelds.

Für Führungs­kräfte und Teams wiederum kann Coaching präven­tiv wirken: an der Konflikt­kul­tur arbei­ten, Führungs­ver­hal­ten reflek­tie­ren, Kommu­ni­ka­ti­ons­mus­ter verän­dern, bevor aus Span­nun­gen Ausgren­zung wird. Und in akuten Fällen helfen Media­tion und Konflikt­be­glei­tung, die Betei­lig­ten wieder ins Gespräch zu brin­gen.

Wich­tig ist: Es gibt nicht den einen rich­ti­gen Weg, und niemand muss ihn allein finden. Der erste Schritt ist oft, über­haupt mit jeman­dem zu spre­chen, der Erfah­rung mit solchen Situa­tio­nen hat.

*Quelle: BMAS/Uni Leip­zig von Februar 2025. Zur Studie

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Hartmut Müller-Gerbes
Hart­mut Müller-Gerbes
Hart­mut Müller-Gerbes ist Syste­mi­scher Coach und Change Mana­ger. Er beglei­tet Menschen und Orga­ni­sa­tio­nen dabei, wieder ins Gespräch und ins Handeln zu kommen. Seine Erfah­rung als frühe­rer Pres­se­spre­cher (u.a. für Peer Stein­brück und TÜV Rhein­land) und TV-Nach­rich­ten­jour­na­list schärft dabei seinen Blick für klare Kommu­ni­ka­tion. Sein Antrei­ber: „Ich liebe, was ich mache, und ich mache, was ich liebe.“