In Europa mit 46,8 ganz unten und warum wir spätestens da auf Sinnsuche gehen (sollten)
Was ich in meinen Coachings in letzter Zeit zunehmend höre, klingt so:
- An der Kaffeemaschine drehen sich die Gespräche weniger um die anstehenden Aufgaben als um den Sinn des aktuellen Projektes.
- Zu Hause und beim Sport mit Freunden vermissen die anderen Deine gute Laune.
- Der Montagmorgen fühlt sich mies an und das Wochenende ist auch nur noch der Zwischenstopp davor.
Dabei bist du gut in dem, was du tust. Anerkannt, gut bezahlt, niemand würde an deiner Leistung zweifeln. Und genau das macht es so schwer zu greifen: Wenn objektiv alles stimmt, warum fühlt es sich trotzdem irgendwie falsch an?
Die naheliegende Erklärung: Es geht nur mir so. Es wird schon wieder vorbeigehen. Am besten spricht man erst einmal nicht darüber.
Nicht gut, denn:
Es geht nicht nur dir so.
Es „geht“ auch nicht von allein vorbei.
Die U‑Studie des Glücks
Genau für dieses Gefühl haben David Blanchflower und Andrew Oswald Daten von über 500.000 Amerikanern und Europäern von 1972–2006 ausgewertet.
Die Erkenntnis: Lebenszufriedenheit verläuft über den Lebensweg nicht linear und auch nicht zufällig, sondern in einer U‑Form. Sie ist in jungen Jahren hoch, sinkt dann kontinuierlich, erreicht in der Lebensmitte ihren Tiefpunkt – und steigt danach wieder an.
Der Tiefpunkt liegt in Europa bei Männern im Schnitt bei 46,5 Jahren, bei Frauen bei 46,8 Jahren.
Warum ausgerechnet Mitte 40
Bei Männern gibt es einen deutlichen Zusammenhang zwischen niedrigem freien Testosteron und Depressionsrisiko und bei Frauen liegt die Perimenopause häufig in dieser Lebensphase.
Neurologen beschreiben zudem das so genannte „middle-aging brain“ als eigene, wichtige Phase und zwar lange bevor klassische Alterserkrankungen sichtbar werden.
Die U‑Kurve bleibt leider auch bestehen, wenn man Einkommen, Bildung, Familienstand und Beschäftigung herausrechnet, sie ist also eine Lebensphase.
Was heißt das für dich
Zuallererst: die Erkenntnis zulassen. Es ist ok, dass du dich so fühlst. Es gibt einen nachvollziehbaren, mehrfach belegten Grund dafür. Und: Es geht nicht einfach von allein vorbei, wenn du es aussitzt.
Ziele finden wie Michelangelo
Wenn eines aus zehn Jahren Coaching-Erfahrung feststeht, dann das: Ziele erreicht nur, wer welche hat. Genau hier beginnt Neuorientierung – nicht bei der nächsten Position, sondern bei der Frage, warum du sie überhaupt willst.
Michelangelo wurde einmal gefragt, wie er den David erschaffen habe, diese fast drei Meter hohe, atemberaubende Steinfigur in Florenz. Seine Antwort: „Ganz einfach. Ich habe einen Marmorblock genommen und alles weggeschlagen, was nicht zum David gehört.“
Genau das kannst du auch. Dein „David“ – dein nächster, stimmiger Schritt – steckt bereits in dir. Es geht nicht darum, etwas komplett Neues zu erfinden, sondern das wegzuschlagen, was nicht mehr zu dir passt.
Wo stehst du gerade auf deiner U‑Kurve?
Dieser kurze Selbstcheck verbindet deine Lebensphase mit deiner aktuellen beruflichen Situation. Er ist keine Diagnose und kein wissenschaftlicher Test – sondern eine Einladung, genauer hinzuschauen.
Wie alt bist du?
Dein Alter bestimmt nicht dein Ergebnis. Es hilft lediglich, deine Lebensphase auf der U‑Kurve einzuordnen.
Die U‑Kurve beschreibt Durchschnittswerte über viele Menschen. Sie sagt nicht voraus, wie zufrieden ein einzelner Mensch in einem bestimmten Alter sein muss.
Wie zufrieden bist du aktuell mit deinem Berufsleben?
Nicht mit einzelnen Tagen – sondern wenn du auf die letzten Wochen insgesamt schaust.
Wie viel Sinn empfindest du in dem, was du beruflich tust?
Also nicht nur: „Ich kann das gut“ – sondern: „Das ist mir wichtig.“
Wie häufig denkst du: „Das kann doch nicht alles gewesen sein“?
Es geht um das Gefühl, dass beruflich eigentlich noch etwas anderes auf dich wartet.
Wie viel Energie gibt dir deine Arbeit?
Nicht wie anstrengend sie ist, sondern ob du trotz der Anstrengung noch etwas aus ihr mitnimmst.
Wie stark ist dein Wunsch, beruflich etwas zu verändern?
Das kann ein kleiner Kurswechsel sein – oder der Gedanke an etwas völlig Neues.
Der Selbstcheck dient ausschließlich der persönlichen Reflexion. Die dargestellte U‑Kurve ist ein vereinfachtes Modell von Durchschnittswerten und keine individuelle Prognose. Der Test ist kein psychologisches Diagnoseinstrument.
Jetzt wird es interessant.
Bevor du über einen neuen Job oder eine neue Position nachdenkst, helfen drei einfachere Fragen:
Die Michelangelo-Frage: Vielleicht musst du deinen nächsten Schritt gar nicht neu erfinden. Vielleicht reicht es zunächst, herauszufinden, was nicht mehr zu deinem „David“ gehört.
Quellen
- Blanchflower, D. & Oswald, A. (2008): Is well-being U‑shaped over the life cycle? Social Science & Medicine. – Studie ansehen
- Blanchflower, D. (2020): Is happiness U‑shaped everywhere? Age and subjective well-being in 145 countries. Journal of Population Economics. – Studie ansehen
- Nolan, Y. et al. (2024): The „middle-aging“ brain. Trends in Neurosciences. – Zusammenfassung ansehen