Tipp, Tipp, Tipp.

Jemand tippt aufs Display. Kurz aufleuch­ten lassen, „nur ganz kurz nach­se­hen”. Zwan­zig Minu­ten später ist die Konzen­tra­tion im Meeting dahin, der rote Faden weg – und niemand könnte sagen, wann genau das passiert ist.

Ich als zerti­fi­zier­ter Präven­ti­ons­trai­ner erlebe das in fast jedem Work­shop: Ein Handy liegt sicht­bar auf dem Tisch. Es klin­gelt nicht mal. Trotz­dem verän­dert sich etwas im Raum.

Warum? Weil unser schnö­des Gehirn beim Griff zum Smart­phone nicht einfach „kurz” etwas ande­res macht. Es wech­selt die Aufgabe ratz­fatz und — voll­stän­dig. Und dieser Wech­sel hat einen Preis, der weit höher ist, als die meis­ten glau­ben. Believe me. Or not. Dann glaub diesen Daten: Studien zeigen, dass Unter­bre­chun­gen inner­halb einer Smart­phone-Anwen­dung die Bear­bei­tung einer Haupt­auf­gabe erheb­lich verlän­gern können.

In einer Forschungs­über­sicht wurden Verzö­ge­run­gen von bis zu etwa 400 Prozent berich­tet. Quelle: Stot­hart, Mitchum & Yehnert (2015, Jour­nal of Expe­ri­men­tal Psycho­logy: Human Percep­tion and Perfor­mance), für den 400-Prozent-Wert findet sich der Befund unab­hän­gig auch in neue­rer Lite­ra­tur (u. a. mit Verweis auf Lui & Wong, 2012)

1. Kein Multi­tas­king. Task-Swit­ching.

Wer beim Lesen, Arbei­ten oder im Gespräch aufs Handy schaut, betreibt kein echtes Multi­tas­king – das kann unser genia­les Gehirn schlicht nicht. Es springt zwischen zwei Aufga­ben hin und her. Nach der Rück­kehr zur eigent­li­chen Tätig­keit bleibt ein Teil der Aufmerk­sam­keit oft noch beim vorhe­ri­gen Reiz hängen – oder bei der Frage, ob gerade etwas Wich­ti­ges herein­kam.

Genau diesen Effekt haben mehrere Studien unter­sucht: Unter­bre­chun­gen durch eine Smart­phone-Anwen­dung können die Bear­bei­tung der eigent­li­chen Aufgabe erheb­lich verlän­gern – in einer Forschungs­über­sicht wurden Verzö­ge­run­gen von bis zu etwa 400 Prozent berich­tet. Nicht vier Prozent. Vier­hun­dert.

Eine Aufgabe, die eigent­lich fünf Minu­ten dauert, kann sich durch einen einzi­gen Blick aufs Handy auf zwan­zig Minu­ten und mehr ausdeh­nen. Nicht, weil das Handy so viel Zeit frisst – sondern weil der Wieder­ein­stieg ins eigent­li­che Thema so „teuer” ist.

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2. Es muss nicht mal klin­geln

Das eigent­lich Unan­ge­nehme: Eine Nach­richt muss nicht gele­sen oder beant­wor­tet werden, um Aufmerk­sam­keit zu binden. Ein Ton, eine Vibra­tion, das kurze Aufleuch­ten reicht. Der Gedanke „Wer hat geschrie­ben?” ist schnel­ler da, als man ihn stop­pen kann. Schöne Grüße von Whats­App & Co.

Forschungs­über­sicht · Task-Swit­ching
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Eine Unter­bre­chung durch die Smart­phone-Nutzung kann die Bear­bei­tungs­zeit einer Aufgabe um bis zu 400 Prozent verlän­gern.

Kein Multi­tas­king – echtes Task-Swit­ching mit Rück­kehr­kos­ten

Stot­hart, Mitchum & Yehnert · 2015
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Schon eine einge­hende Benach­rich­ti­gung beein­träch­tigt die Leis­tung – auch ohne dass das Handy berührt wird.

Jour­nal of Expe­ri­men­tal Psycho­logy: Human Percep­tion and Perfor­mance

Quel­len: Forschungs­über­sicht zu Inter­rup­tion & Task-Swit­ching · J. Exp. Psycho­logy: HPP (2015) · Human­t­alks

Ein viel­zi­tier­tes Aufmerk­sam­keits­expe­ri­ment zeigt genau das: Schon eine einge­hende Benach­rich­ti­gung beein­träch­tigte die Leis­tung der Versuchs­per­so­nen – auch wenn sie das Gerät gar nicht berühr­ten. Die Ablen­kung war vergleich­bar mit der bei akti­ver Nutzung, also beim Tele­fo­nie­ren oder Schrei­ben.

Das ist nicht nice. Das Handy muss also nicht mal aktiv genutzt werden, um zu stören. Es reicht, dass es da ist und Signale sendet.

Was das für uns Menschen bedeu­tet

Für mich als syste­mi­scher Coach ist das mehr als ein tech­ni­sches Detail. Es ist eine Frage der Präsenz – und Präsenz ist Haltung, keine Nettig­keit.

Wenn dein Gegen­über aufs Handy schaut, „nur kurz”, sendet dieser eine Botschaft, die lauter ist als jedes Wort danach: Du bist gerade nicht das Wich­tigste. Und leuch­ten beim Mittag­essen reihum Displays auf, sinkt nicht nur die Konzen­tra­tion jedes Einzel­nen – die Quali­tät der gemein­sa­men Zeit sinkt mit.

Die gute Nach­richt: Das lässt sich ändern. Und nicht durch Verbote, sondern durch bewusste Entschei­dun­gen für bestimmte Zeit­fens­ter – echte Präsenz, ohne Neben­ka­nal.

💡 Selbst-Check: Wie präsent bist du wirk­lich?

  • Wie oft schaust du in einem einstün­di­gen Meeting aufs Handy – auch nur kurz?
  • Liegt dein Handy in wich­ti­gen Gesprä­chen sicht­bar auf dem Tisch, selbst wenn du es nicht anfasst?
  • Wann hast du zuletzt eine Aufgabe ohne eine einzige Unter­bre­chung zu Ende gebracht?
  • Was würde sich ändern, wenn du dein Handy für die nächste wich­tige Bespre­chung bewusst außer Sicht­weite legst?

Und jetzt? (M)ein Vorschlag:

Kopf frei: Was eine bewusste Handy-Pause wirk­lich bringt

Heute die Gegen­frage: Was passiert, wenn du bewusst darauf verzich­test? Was gerne unter dem Schlag­wort „Digi­tal Detox” verkauft wird, lässt sich inzwi­schen tatsäch­lich messen – und die Antwort ist über­ra­schen­der, als die meis­ten denken.

Hier folgen zwei Folgen:

1. Digi­tal Detox mit Beleg: eine Woche Pause, ein mess­ba­rer Unter­schied

Ein Forschungs­team der Univer­sity of Bath hat 2022 etwas gemacht, das sich niemand traut, den eige­nen Vorsatz aber schnell entlarvt: Sie haben Menschen zufäl­lig in zwei Grup­pen geteilt. Die eine nutzte Social Media wie gewohnt weiter, die andere musste für genau eine Woche komplett darauf verzich­ten – Face­book, Insta­gram, Twit­ter, TikTok.

Nach nur sieben Tagen zeigte die Verzichts­gruppe einen deut­lich mess­ba­ren Unter­schied: mehr Wohl­be­fin­den, weni­ger depres­sive Symptome, weni­ger Angst. Keine App, kein Coach, kein Acht­sam­keits­kurs – nur eine Woche bewusste Absti­nenz.

Das Inter­es­sante: Der Effekt kam nicht durch neu gewon­nene Zeit für Sport oder Hobbys. Er kam schlicht durch das Weglas­sen. Der Kopf hatte einfach weni­ger zu verar­bei­ten.

2. Lange­weile ist Krea­ti­vi­täts­dün­ger

Die zweite Studie ist noch uner­war­te­ter. Zumin­dest für die meis­ten von uns. Forsche­rin­nen der Univer­sity of Central Lancashire ließen eine Gruppe eine bewusst öde Aufgabe erle­di­gen – Zahlen aus einem Tele­fon­buch abschrei­ben. Eine Kontroll­gruppe über­sprang diesen Schritt. Danach soll­ten beide Grup­pen möglichst viele unge­wöhn­li­che Verwen­dun­gen für einen Plas­tik­be­cher finden.

Ergeb­nis: Die zuvor gelang­weilte Gruppe war deut­lich krea­ti­ver. Die Forsche­rin­nen deuten das so: Lange­weile ist kein Zustand, den man wegdrü­cken sollte – sie lässt die Gedan­ken wandern, und genau in diesem Wandern entste­hen neue Verknüp­fun­gen.

Über­tra­gen auf den Alltag: Jedes Mal, wenn du eine Minute Leer­lauf mit dem Handy füllst – Warte­zim­mer, Ampel, Aufzug –, nimmst du deinem Gehirn genau die Gele­gen­heit, die es für neue Ideen bräuchte.

Krea­ti­vi­tät

Digi­tal Detox als Krea­ti­vi­täts­dün­ger

Wie bewuss­ter Verzicht die Gedan­ken frei­setzt
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Digi­tal Detox
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Lange­weile
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Krea­ti­vi­täts­dün­ger

In einem Expe­ri­ment lieferte die zuvor gelang­weilte Gruppe deut­lich mehr krea­tive Ideen als die Kontroll­gruppe.

Mann & Cadman · Univer­sity of Central Lancashire · Crea­ti­vity Rese­arch Jour­nal, 2014 · Human­t­alks

Fazit

Ein Blick aufs Handy ist selten nur ein Blick. Es ist ein Wech­sel – mit Rück­kehr­kos­ten, die niemand auf der Rech­nung hat. Wer als Führungs­kraft, Coach oder Team­mit­glied wirk­lich präsent sein will, trifft diese Entschei­dung nicht im Meeting. Er trifft sie davor: Handy weg, Blick hoch, ganz da.

Wie hältst du es in deinem Leben – Handy sicht­bar oder konse­quent wegge­packt? Ich bin gespannt auf deine Erfah­run­gen in den Kommen­ta­ren.

PS Während des Schrei­bens dieses Arti­kels hab ich nur 17 mal auf mein Handy gelinst 😉

Meet the Coach

Jens Klocke
Jens Klocke
Syste­mi­scher Coach, Change-Beglei­ter, Media­tor und Storytel­ler mit 30 Jahren Führungs­er­fah­rung – auch im inter­na­tio­na­len Kontext. Er arbei­tet unter ande­rem für die Haufe-Akade­mie und die TÜV NORD Akade­mie und ist Grimme-Dozent. Sein Fokus: Haltung – im Kopf und im Körper – mit dem Verständ­nis, dass Kommu­ni­ka­tion und Körper­spra­che keine Tools sind, sondern Ausdruck der inne­ren Einstel­lung.