Tipp, Tipp, Tipp.
Jemand tippt aufs Display. Kurz aufleuchten lassen, „nur ganz kurz nachsehen”. Zwanzig Minuten später ist die Konzentration im Meeting dahin, der rote Faden weg – und niemand könnte sagen, wann genau das passiert ist.
Ich als zertifizierter Präventionstrainer erlebe das in fast jedem Workshop: Ein Handy liegt sichtbar auf dem Tisch. Es klingelt nicht mal. Trotzdem verändert sich etwas im Raum.
Warum? Weil unser schnödes Gehirn beim Griff zum Smartphone nicht einfach „kurz” etwas anderes macht. Es wechselt die Aufgabe ratzfatz und — vollständig. Und dieser Wechsel hat einen Preis, der weit höher ist, als die meisten glauben. Believe me. Or not. Dann glaub diesen Daten: Studien zeigen, dass Unterbrechungen innerhalb einer Smartphone-Anwendung die Bearbeitung einer Hauptaufgabe erheblich verlängern können.
1. Kein Multitasking. Task-Switching.
Wer beim Lesen, Arbeiten oder im Gespräch aufs Handy schaut, betreibt kein echtes Multitasking – das kann unser geniales Gehirn schlicht nicht. Es springt zwischen zwei Aufgaben hin und her. Nach der Rückkehr zur eigentlichen Tätigkeit bleibt ein Teil der Aufmerksamkeit oft noch beim vorherigen Reiz hängen – oder bei der Frage, ob gerade etwas Wichtiges hereinkam.
Genau diesen Effekt haben mehrere Studien untersucht: Unterbrechungen durch eine Smartphone-Anwendung können die Bearbeitung der eigentlichen Aufgabe erheblich verlängern – in einer Forschungsübersicht wurden Verzögerungen von bis zu etwa 400 Prozent berichtet. Nicht vier Prozent. Vierhundert.
Eine Aufgabe, die eigentlich fünf Minuten dauert, kann sich durch einen einzigen Blick aufs Handy auf zwanzig Minuten und mehr ausdehnen. Nicht, weil das Handy so viel Zeit frisst – sondern weil der Wiedereinstieg ins eigentliche Thema so „teuer” ist.
2. Es muss nicht mal klingeln
Das eigentlich Unangenehme: Eine Nachricht muss nicht gelesen oder beantwortet werden, um Aufmerksamkeit zu binden. Ein Ton, eine Vibration, das kurze Aufleuchten reicht. Der Gedanke „Wer hat geschrieben?” ist schneller da, als man ihn stoppen kann. Schöne Grüße von WhatsApp & Co.
Eine Unterbrechung durch die Smartphone-Nutzung kann die Bearbeitungszeit einer Aufgabe um bis zu 400 Prozent verlängern.
Kein Multitasking – echtes Task-Switching mit Rückkehrkosten
Schon eine eingehende Benachrichtigung beeinträchtigt die Leistung – auch ohne dass das Handy berührt wird.
Journal of Experimental Psychology: Human Perception and Performance
Ein vielzitiertes Aufmerksamkeitsexperiment zeigt genau das: Schon eine eingehende Benachrichtigung beeinträchtigte die Leistung der Versuchspersonen – auch wenn sie das Gerät gar nicht berührten. Die Ablenkung war vergleichbar mit der bei aktiver Nutzung, also beim Telefonieren oder Schreiben.
Das ist nicht nice. Das Handy muss also nicht mal aktiv genutzt werden, um zu stören. Es reicht, dass es da ist und Signale sendet.
Was das für uns Menschen bedeutet
Für mich als systemischer Coach ist das mehr als ein technisches Detail. Es ist eine Frage der Präsenz – und Präsenz ist Haltung, keine Nettigkeit.
Wenn dein Gegenüber aufs Handy schaut, „nur kurz”, sendet dieser eine Botschaft, die lauter ist als jedes Wort danach: Du bist gerade nicht das Wichtigste. Und leuchten beim Mittagessen reihum Displays auf, sinkt nicht nur die Konzentration jedes Einzelnen – die Qualität der gemeinsamen Zeit sinkt mit.
Die gute Nachricht: Das lässt sich ändern. Und nicht durch Verbote, sondern durch bewusste Entscheidungen für bestimmte Zeitfenster – echte Präsenz, ohne Nebenkanal.
💡 Selbst-Check: Wie präsent bist du wirklich?
- Wie oft schaust du in einem einstündigen Meeting aufs Handy – auch nur kurz?
- Liegt dein Handy in wichtigen Gesprächen sichtbar auf dem Tisch, selbst wenn du es nicht anfasst?
- Wann hast du zuletzt eine Aufgabe ohne eine einzige Unterbrechung zu Ende gebracht?
- Was würde sich ändern, wenn du dein Handy für die nächste wichtige Besprechung bewusst außer Sichtweite legst?
Und jetzt? (M)ein Vorschlag:
Kopf frei: Was eine bewusste Handy-Pause wirklich bringt
Heute die Gegenfrage: Was passiert, wenn du bewusst darauf verzichtest? Was gerne unter dem Schlagwort „Digital Detox” verkauft wird, lässt sich inzwischen tatsächlich messen – und die Antwort ist überraschender, als die meisten denken.
Hier folgen zwei Folgen:
1. Digital Detox mit Beleg: eine Woche Pause, ein messbarer Unterschied
Ein Forschungsteam der University of Bath hat 2022 etwas gemacht, das sich niemand traut, den eigenen Vorsatz aber schnell entlarvt: Sie haben Menschen zufällig in zwei Gruppen geteilt. Die eine nutzte Social Media wie gewohnt weiter, die andere musste für genau eine Woche komplett darauf verzichten – Facebook, Instagram, Twitter, TikTok.
Nach nur sieben Tagen zeigte die Verzichtsgruppe einen deutlich messbaren Unterschied: mehr Wohlbefinden, weniger depressive Symptome, weniger Angst. Keine App, kein Coach, kein Achtsamkeitskurs – nur eine Woche bewusste Abstinenz.
Das Interessante: Der Effekt kam nicht durch neu gewonnene Zeit für Sport oder Hobbys. Er kam schlicht durch das Weglassen. Der Kopf hatte einfach weniger zu verarbeiten.
2. Langeweile ist Kreativitätsdünger
Die zweite Studie ist noch unerwarteter. Zumindest für die meisten von uns. Forscherinnen der University of Central Lancashire ließen eine Gruppe eine bewusst öde Aufgabe erledigen – Zahlen aus einem Telefonbuch abschreiben. Eine Kontrollgruppe übersprang diesen Schritt. Danach sollten beide Gruppen möglichst viele ungewöhnliche Verwendungen für einen Plastikbecher finden.
Ergebnis: Die zuvor gelangweilte Gruppe war deutlich kreativer. Die Forscherinnen deuten das so: Langeweile ist kein Zustand, den man wegdrücken sollte – sie lässt die Gedanken wandern, und genau in diesem Wandern entstehen neue Verknüpfungen.
Übertragen auf den Alltag: Jedes Mal, wenn du eine Minute Leerlauf mit dem Handy füllst – Wartezimmer, Ampel, Aufzug –, nimmst du deinem Gehirn genau die Gelegenheit, die es für neue Ideen bräuchte.
Digital Detox als Kreativitätsdünger
In einem Experiment lieferte die zuvor gelangweilte Gruppe deutlich mehr kreative Ideen als die Kontrollgruppe.
Fazit
Ein Blick aufs Handy ist selten nur ein Blick. Es ist ein Wechsel – mit Rückkehrkosten, die niemand auf der Rechnung hat. Wer als Führungskraft, Coach oder Teammitglied wirklich präsent sein will, trifft diese Entscheidung nicht im Meeting. Er trifft sie davor: Handy weg, Blick hoch, ganz da.
Wie hältst du es in deinem Leben – Handy sichtbar oder konsequent weggepackt? Ich bin gespannt auf deine Erfahrungen in den Kommentaren.
PS Während des Schreibens dieses Artikels hab ich nur 17 mal auf mein Handy gelinst 😉