“Das größte Übel ist nicht, im Gefängnis zu sein, sondern nicht zu wissen, dass man im Gefängnis ist.”
– Anthony de Mello
Es gibt diese alte Geschichte von einem Mann, der das Ei eines Adlers fand und es in das Nest einer gewöhnlichen Henne legte. Der Adler schlüpfte und wuchs unter den Hühnern auf. Er lernte, im Staub zu scharren, nach Würmern zu picken und nur wenige Meter weit zu flattern. Er hielt sich für ein Huhn und verhielt sich wie ein Huhn.
Eines Tages sah er einen majestätischen Vogel am Himmel, der fast ohne Flügelschlag auf den starken thermischen Winden glitt. “Wer ist das?”, fragte der junge Adler ehrfürchtig. “Das ist der Adler, der König der Vögel”, antwortete der Hahn. “Er gehört dem Himmel. Wir gehören der Erde, wir sind Hühner.” Der junge Adler glaubte das. Er scharrte weiter im Staub und starb viele Jahre später in dem festen Glauben, ein gewöhnliches Huhn gewesen zu sein.
Diese Geschichte ist kein nettes Märchen. Sie ist ein Bild für unser Leben. Wir richten uns in Beziehungen, Jobs und Routinen ein, die ein winziger Hühnerhof sind. Wir flattern nur noch auf Augenhöhe, weil uns irgendjemand eingeredet hat, dass wir für den Himmel nicht gemacht sind. Wir nennen diese Begrenzung dann “Vernunft” oder “Realismus”. Ein echter Aufbruch beginnt nicht mit einem neuen Ziel am Horizont. Er beginnt in der Sekunde, in der du aufhörst, dir selbst die Geschichte vom Huhn zu erzählen.
In dieser Woche sprengen wir den Hühnerhof. Wir schauen uns mit Jorge Bucay die unsichtbaren Ketten an, lernen von Paulo Coelho, warum Routine tödlich ist, und lassen uns von Anthony de Mello aus dem Schlaf rütteln. Wir prüfen, ob deine Flügel noch funktionieren.
Wie viel Staub hast du heute schon geschluckt, weil du vergessen hast, dass du eigentlich für den Himmel gemacht bist?
