Sechs Monate sind vergan­gen.

Für viele beginnt jetzt die Zeit der Zwischen­bi­lan­zen. Ziele werden über­prüft, Kenn­zah­len betrach­tet, Pläne ange­passt. Die Fragen sind vertraut:

Wo stehe ich?
Habe ich erreicht, was ich mir vorge­nom­men habe?
Liege ich vor oder hinter dem Plan?

Diese Fragen sind nicht falsch.

Aber sie erzäh­len selten die ganze Geschichte.

Denn Menschen sind keine Projekt­pläne. Und Entwick­lung folgt nicht immer der Logik von Kenn­zah­len.

Im Coaching erlebe ich immer wieder, dass Menschen zunächst benen­nen können, was sie noch nicht geschafft haben. Wesent­lich schwe­rer fällt es ihnen, wahr­zu­neh­men, was sich bereits verän­dert hat.

Dabei liegt genau dort oft die eigent­li­che Entwick­lung.

Im Hinter­grund des Fotos zu diesem Beitrag stehen fünf Worte:

Chan­ging Place. Chan­ging Time. Chan­ging Thoughts. Chan­ging Future.

Sie beschrei­ben nicht nur eine Instal­la­tion.
Sie beschrei­ben einen Entwick­lungs­pro­zess.

Chan­ging Place

Verän­de­rung beginnt oft mit einem Orts­wech­sel.

Manch­mal sicht­bar.

Ein neuer Arbeits­platz. Eine neue Aufgabe. Eine neue Bezie­hung. Eine Reise.

Manch­mal aber auch unsicht­bar.

Ein Perspek­tiv­wech­sel.
Eine Erkennt­nis.
Ein Gedanke, der plötz­lich nicht mehr trägt.

Im Coaching inter­es­siert mich deshalb nicht nur, was Menschen erlebt haben. Mich inter­es­siert auch, von welchem Ort aus sie heute auf diese Erfah­run­gen schauen.

Denn häufig verän­dert sich nicht zuerst die Welt.
Sondern der Blick auf die Welt.

Zwischen Form und Verän­de­rung

Im Garten der Peggy Guggen­heim Coll­ec­tion in Vene­dig begeg­nen sich zwei Kunst­werke.

Die rote Skulp­tur The Cow von Alex­an­der Calder.
Und die Neon­ar­beit Chan­ging Place, Chan­ging Time, Chan­ging Thoughts, Chan­ging Future von Mauri­zio Nannucci.

Sie könn­ten unter­schied­li­cher kaum sein.
Hier die schwere, körper­li­che Präsenz der Skulp­tur.
Dort die Leich­tig­keit eines Gedan­kens aus Licht.

Und doch entsteht zwischen beiden ein Gespräch.

Die Skulp­tur wirkt auf mich wie etwas Werden­des.
Nicht abge­schlos­sen.
Nicht eindeu­tig.

Je länger ich sie betrachte, desto mehr verän­dert sie ihre Gestalt.
Mal erin­nert sie an eine Blüte.
Dann an ein Segel.
An einen Flügel.
An eine Flamme.

Sie scheint sich jeder endgül­ti­gen Deutung zu entzie­hen.

Viel­leicht liegt genau darin ihre Schön­heit.

Denn auch wir sind selten so eindeu­tig, wie wir glau­ben.

Wir sind nicht die fertige Form.
Wir sind das Werden.

Viel­leicht ist genau das die Erfah­rung zur Mitte eines Jahres.

Wir sind nicht mehr dort, wo wir begon­nen haben.
Aber wir sind auch noch nicht dort, wohin wir unter­wegs sind.

Die Form ist noch offen.
Die Geschichte noch nicht zu Ende erzählt.

Und über allem leuch­ten die Worte:

Chan­ging Place.
Chan­ging Time.
Chan­ging Thoughts.
Chan­ging Future.

Als Erin­ne­rung daran, dass Zukunft nicht plötz­lich entsteht.
Sondern in den klei­nen Verschie­bun­gen, die oft lange unbe­merkt blei­ben.

Chan­ging Time

Die Kalen­der sagen, dass sechs Monate vergan­gen sind.
Unsere Erin­ne­rung erzählt oft etwas ande­res.

Es gibt Wochen, die kaum Spuren hinter­las­sen.
Und einzelne Tage, die ein ganzes Jahr verän­dern.

Eine Methode, mit der ich im Coaching arbeite, ist der Zeit­strahl.

Von Januar bis heute.

Einge­tra­gen werden Begeg­nun­gen, Entschei­dun­gen, Wende­punkte, Krisen, Erfolge und Über­ra­schun­gen.

Fast immer geschieht dabei etwas Erstaun­li­ches.

Menschen entde­cken Zusam­men­hänge, die ihnen im Alltag entgan­gen sind. Sie erken­nen Entwick­lungs­schritte, die nie auf einer To-do-Liste stan­den. Und sie sehen, dass vermeint­li­che Umwege oft wich­tige Wegmar­ken waren.

Der Zeit­strahl macht sicht­bar:

Es ist mehr passiert, als wir erin­nern.
Und oft auch mehr gelun­gen, als wir glau­ben.

Chan­ging Thoughts

Unsere Zeit fordert viel von uns.
Sie fordert Opti­mie­rung, Geschwin­dig­keit und Vergleich­bar­keit.

Wer zurück­blickt, sucht deshalb häufig zuerst nach Defi­zi­ten.

Was fehlt noch?
Was wurde nicht erreicht?
Was müsste besser sein?

Der perso­nen­zen­trierte Ansatz setzt an einem ande­ren Punkt an.

Nicht bei der Bewer­tung.
Sondern beim Verste­hen.

Nicht bei der Frage, wie jemand werden sollte.
Sondern bei der Frage, was bereits da ist.

Carl Rogers verstand Entwick­lung nicht als das Errei­chen eines idea­len Zustands. Für ihn war persön­li­ches Wachs­tum ein fort­lau­fen­der Prozess – eine Bewe­gung, die aus Selbst­wahr­neh­mung, Erfah­rung und Akzep­tanz entsteht.

Viel­leicht beginnt Entwick­lung genau dort:

Nicht mit noch mehr Druck.
Sondern mit Aufmerk­sam­keit.
Mit der Bereit­schaft, sich selbst ehrlich zu begeg­nen.

Viel­leicht lautet die wich­ti­gere Frage deshalb nicht:

Was möchte ich noch errei­chen?
Sondern:
Was habe ich in den vergan­ge­nen sechs Mona­ten über mich gelernt?

Chan­ging Future

Die Zukunft entsteht nicht erst morgen.
Sie entsteht aus den Geschich­ten, die wir über unsere Vergan­gen­heit erzäh­len.

Wer die ersten sechs Monate des Jahres ausschließ­lich als Liste uner­le­dig­ter Aufga­ben betrach­tet, wird die zweite Jahres­hälfte mit Mangel begin­nen.

Wer sie als Entwick­lungs­ge­schichte betrach­tet, entdeckt etwas ande­res:

Mut.
Lern­pro­zesse.
Erfah­run­gen.
Ressour­cen.
Viel­leicht sogar Stolz.

Ein Halb­jah­res-Review ist deshalb keine Leis­tungs­ab­rech­nung.
Es ist ein Reso­nanz­raum.

Ein Moment, in dem wir wahr­neh­men können, was gewach­sen ist, was sich verän­dert hat und was wir mitneh­men möch­ten.

Drei Fragen für die zweite Jahres­hälfte

Zum Abschluss braucht es keine neue To-do-Liste.
Viel­leicht genü­gen drei Sätze:

Davon möchte ich mehr.
Davon möchte ich weni­ger.
Dafür möchte ich Raum schaf­fen.

Denn Entwick­lung ist selten ein Sprung.
Sie ist eine Bewe­gung.

Und manch­mal beginnt Zukunft genau dort, wo wir erken­nen, was sich bereits verän­dert hat.

Meet the Coach

Claudia Leonessa Jesse
Clau­dia Leonessa Jesse
Syste­mi­sche Coachin und Bera­te­rin, die private Klient*innen ebenso wie Teams und Orga­ni­sa­tio­nen dabei beglei­tet, einge­fah­rene Muster zu durch­bre­chen und eigene Lösun­gen zu entwi­ckeln. Ihr Ansatz wurzelt im posi­ti­ven Menschen­bild der Huma­nis­ti­schen Psycho­lo­gie – nicht Ratschläge, sondern Reso­nanz, Klar­heit und Echt­heit stehen im Mittel­punkt.
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