Über Resilienz in unserem digitalen Alltag

… und 148 Mails checken. Es gibt diese Lied­zeile von Tim Bendzko aus dem Jahr 2011, die mir damals etwas über­trie­ben vorkam. Heute ist das anders: Sie beschreibt sehr gut dieses Gefühl, nur noch schnell etwas erle­di­gen zu müssen, bevor man wirk­lich abschal­ten darf. Sie bringt auf den Punkt, wie selbst­ver­ständ­lich digi­tale Dauer­ver­füg­bar­keit gewor­den ist. Nur mal eben noch,

  • schnell die Mails checken
  • kurz auf eine Nach­richt reagie­ren. Nur eben schauen, ob etwas Wich­ti­ges einge­gan­gen ist.

Ich kenne das von mir selbst. Mein Smart­phone ist längst kein Tele­fon mehr. Es ist Kamera, Navi, Kalen­der, Radio, Musik­an­lage, Notiz­buch, Bank­fi­liale, Infor­ma­ti­ons­quelle – und natür­lich mein Zugang zur Arbeit. Es orga­ni­siert mein Leben mit beein­dru­cken­der Effi­zi­enz. Und genau deshalb ist es fast immer in meiner Nähe.

Aber nicht im Bett. Ich nehme mein Handy bewusst nicht mit ins Schlaf­zim­mer. Diese Grenze habe ich irgend­wann gezo­gen, weil ich gemerkt habe, wie sehr es meinen Schlaf beein­flusst. Abends brau­che ich Ruhe, kein Display­licht.

Dafür entsteht ein ande­res Phäno­men: Wenn ich nicht inner­halb kurzer Zeit auf Whats­App antworte, schi­cken mir Freunde manch­mal ein oder auch gerne mehrere Frage­zei­chen hinter­her. Ein klei­nes Zeichen – mit großer Wirkung. Denn es trans­por­tiert eine Botschaft: „Warum reagierst du nicht?” Und genau das erzeugt Druck. Whats­App ist doch kein Notsi­gnal, oder?

Der „eine Blick” – und der Tag ist verändert

Auch im Urlaub ertappe ich mich manch­mal dabei, kurz ins beruf­li­che Post­fach zu schauen. Nicht lange. Nur eben prüfen. Die Abwe­sen­heits­no­tiz ist einge­rich­tet – eigent­lich sollte alles gere­gelt sein.

Und doch reicht eine einzige kriti­sche Mail, um die innere Ruhe zu stören. Der Kopf beginnt zu arbei­ten. Man formu­liert Antwor­ten im Stil­len, wägt Optio­nen ab, analy­siert Formu­lie­run­gen.

Erho­lung sieht anders aus. Digi­tale Resi­li­enz bedeu­tet für mich deshalb vor allem: inner­lich Abstand halten zu können – selbst wenn die Tech­nik jeder­zeit Zugriff ermög­licht. Digi­tale Resi­li­enz ist die Fähig­keit, trotz stän­di­ger Erreich­bar­keit inner­lich stabil, hand­lungs­fä­hig und erholt zu blei­ben.

Ein unfreiwilliges Experiment

Einmal habe ich mein Handy tatsäch­lich verges­sen. Zuerst war das unan­ge­nehm. Fast beun­ru­hi­gend. Was verpasse ich? Was, wenn jemand etwas Wich­ti­ges braucht?

Doch nach eini­gen Stun­den passierte etwas Uner­war­te­tes. Es wurde stil­ler. Gesprä­che waren aufmerk­sa­mer. Gedan­ken klarer. Ich war präsen­ter. Am Ende des Tages war ich erstaun­lich entspannt.

Dieses Erleb­nis hat mir gezeigt: Nicht das Gerät selbst macht den Stress. Es ist mein eige­ner Impuls, jeder­zeit reagie­ren und alles im Blick behal­ten zu wollen.

Mehr Möglichkeiten – mehr Versuchung

Heute kommen neue digi­tale Werk­zeuge hinzu, auch KI-Anwen­dun­gen, die vieles schnel­ler und einfa­cher machen. Aufga­ben, für die man früher Unter­stüt­zung brauchte, lassen sich plötz­lich selbst umset­zen.

Das ist faszi­nie­rend und verfüh­re­risch. Wie toll, wenn sich die Kompe­ten­zen auf einmal auswei­ten: Website selber erstel­len, eine App program­mie­ren, Pres­se­texte schrei­ben, Logo-Design erstel­len? Ein Video selber drehen? Mit unter­schied­li­chen KI-Tools „null Problemo”.

Wenn etwas möglich ist, entsteht schnell der Gedanke: Dann mache ich es eben auch noch.

So weitet sich Arbeit oft schlei­chend aus – nicht, weil jemand es verlangt, sondern weil wir selbst den Anspruch erhö­hen.

Digi­tale Resi­li­enz heißt daher auch: Nicht jede Möglich­keit wird auto­ma­tisch zur Aufgabe.

Kleine Schritte, die wirklich helfen

Ich habe für mich gemerkt: Große Vorsätze funk­tio­nie­ren selten. Kleine Regeln dage­gen schon.

  1. Feste Zeiten für E‑Mails lesen, defi­nie­ren und einhal­ten
  2. Keine visu­elle oder Benach­rich­ti­gung mit Ton beim Eintref­fen neuer Nach­rich­ten
  3. Niemals Push-Nach­rich­ten akti­vie­ren
  4. Whats­App nicht als Echt­zeit-Verpflich­tung verste­hen
  5. Abends eine klare „Handy-aus-dem-Blick”-Phase
  6. Im Urlaub konse­quent offline blei­ben

Und vor allem: die innere Erlaub­nis, nicht sofort reagie­ren zu müssen.

Manch­mal reicht die Frage: Was passiert realis­tisch, wenn ich erst morgen antworte? Die ehrli­che, scho­nungs­lose Antwort lautet meis­tens: Nichts!

Einfach nur lesen

Unterstützung annehmen ist kein Zeichen von Schwäche

Gerade Menschen mit viel Verant­wor­tungs­ge­fühl oder star­kem Enga­ge­ment tun sich schwer mit Gren­zen. Das kenne ich aus meinem beruf­li­chen Umfeld nur zu gut. In meiner Arbeit als Coach für Berufs­tä­tige mit hoher Verant­wor­tung sehe ich genau diese Muster immer wieder.

Ein Coaching kann helfen, diese Muster bewuss­ter zu erken­nen und neue Stra­te­gien zu entwi­ckeln – indi­vi­du­ell, realis­tisch und ohne radi­kale Verbote.

Über die Coach­su­che auf coach­ver­zeich­nis findest du quali­fi­zierte Coaches – und auch mich –, die dich dabei unter­stüt­zen können, deinen digi­ta­len Alltag klarer zu struk­tu­rie­ren und deine eigene Balance zu stär­ken.

Manch­mal beginnt Resi­li­enz nicht mit einem großen Schritt.
Sondern mit einem klei­nen Moment des Nicht-Reagie­rens.

Und der Erkennt­nis: Die Welt geht nicht unter, wenn das Handy einmal liegen bleibt.

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