Ein Blick hinter die fehlende Ganzheitlichkeit gängiger Resilienz- Formate und wie wir Resilienz wirklich fördern.
Während die Forderungen nach Performance und Resilienz immer lauter werden, fehlen gleichzeitig umfassende Ansätze diese auch ganzheitlich zu erreichen. Dieser Beitrag gibt einen Einblick in Alternativen zu Resilienz-Trainings im Seminar-Raum und erklärt warum „Komfortzonenmanagement“ in echten Realitäten stattfinden muss.
TLDR? Bottom line up first!
Resilienztraining ist kein Denken. Resilienztraining ist Erleben.
Key-Words: Resilienz, Resilienztraining, individuelle Resilienz, ganzheitlich, umfassend, Mentaltraining, SIBAM |
Warum mentales Training nicht reicht
Wir reden viel über Resilienz, über mentale Stärke, über „die richtige Einstellung“. Und gleichzeitig merken wir: um wirklich robust zu werden, reicht das nicht. Resilienz – ursprünglich „resilire“, also zurückspringen – kommt aus der Materialforschung. Heute wird der Begriff in ganz unterschiedlichen Kontexten benutzt: für Organisationen, Prozesse, Gesellschaften und Individuen.
Doch wenn wir über individuelle Resilienz sprechen, meinen wir fast immer nur die psychologische Seite. Und genau da beginnt das Problem. Viele verstehen Resilienz als eine Art mentale Panzerung:
„Augen zu und durch“. Das klingt kraftvoll, ist aber eine massive Verkürzung und trainiert eben nicht wirklich.
Denn die eigentliche Idee von Resilienz ist dynamisch, lebendig und vielschichtig – so wie das Leben, so wie gutes Training. Sie hat nichts mit Verhärtung zu tun – sondern mit Anpassungsfähigkeit, Beweglichkeit und der Kompetenz, sich unter Belastung neu zu organisieren.[1] In einem anderen Beitrag haben wir erfasst, dass Resilienz zwar im Kopf beginnt, aber nachweislich weitere Aspekte eine wichtige Rolle spielen: körperliche Gesundheit, Stressmanagement, soziale Bindungen, Umfeldmanagement, Selbstwirksamkeit und lösungsorientiertes Denken.
Setzen wir also dynamisch, lebendig und vielschichtig an.
Verkopftheit rettet uns nicht – Resilienz bedeutet mehr
Das „richtige“ Mindset entwickeln und eine lösungsorientierte, konstruktive Sicht auf die Welt zu bewahren, sind zweifellos wichtige Aspekte resilienter, fitter und gesunder Menschen. Schon allein den Verzerrungen unseres eigenen mentalen Apparates nicht auf den Leim zu gehen, wie dem Negativitäts-Effekt oder dem Bestätigungsfehler, ist „Mentaltraining“ gut und hilfreich. Nur was nützt ein starker Denkapparat, wenn wir dabei nur in der Theorie verharren: zerschlissene Körper, kaputte Beziehungen und kein Kontakt mehr zu sich selbst?

Die Evolution des Dividuums zum In-Dividuum[2]
Mensch sein lässt sich wohl kaum in Schubladen erfassen. Wir haben uns angewöhnt, den Menschen zu zerlegen:
Körper hier, Geist dort, Emotionen irgendwo dazwischen.
Das aristotelisch-cartesische Weltbild ist wissenschaftlich nützlich, greift aber für das menschliche Erleben zu kurz.[3]
Wir sind keine Einzelteile.
Wir sind Systeme – menschliche Systeme:
- Gedanken formen Emotionen und andersherum
- Emotionen schaffen körperliche Zustände
- Körperliche Zustände rufen gedankliche Bewertungen hervor
- Gedanken und Emotionen erschaffen ein körperliches Erleben und formen eine wahrgenommene Realität
- Unsere Wahrnehmung beeinflusst unser Verhalten und wirkt damit auf unsere Beziehungen in der Außenwelt, die wiederum auf uns zurückwirken
- Unser Zustand und Erleben prägt unsere Gesundheit, was wiederum unsere gefühlte, wahrgenommene und erlebte Realität schafft – ein selbsterhaltender Kreislauf
Alles hängt miteinander zusammen: nicht-linear, komplex und systemisch. Mentales Training oder die richtige Einstellung allein adressieren daher eine individuelle Resilienz nur auf einer oder zwei Ebenen.
Unsere moderne Welt macht uns zusätzlich oft zum Dividuum: einem zerlegbaren Subjekt, das in Datenpunkte, berufliche Rollen und familiäre Funktionen aufgespalten wird. Paradoxerweise sehnen wir uns gleichzeitig nach Individualität – nach Ganzheit und Echtheit.
Genau hier liegt der Schlüssel:
Resilienz braucht Integration, nicht Fragmentierung.
Take Away #1: SIBAM Methode für mehr Ganzheitlichkeit
Die folgende Übung nutze ich regelmäßig in meinen Coachings. Sie stammt aus der Somatic Experience-Methode und wurde entwickelt, einen umfassenderen praktischen Zugang zum System Mensch des Gegenübers zu bekommen. Sie lässt sich auch im „Selbst-Coaching“, leicht modifiziert anwenden.
SIBAM-Modell
Struktur menschlichen Erlebens
Körperliche Signale: Atmung, Druck, Temperatur, Muskeltonus, innere Wahrnehmungen
Innere Bilder, Szenen, Erinnerungen, Vorstellungen
Bewegungen, Haltung, Stimme, sichtbare Reaktionen
Emotionale Färbung: Freude, Angst, Ärger, Überraschung, Traurigkeit
Bewertung, Interpretation, Sinngebung
Bei allen Themen, die Klienten ins Coaching einbringen werden die Ebenen menschlichen Erlebens (SIBAM) erforscht. Sie geben Aufschluss darüber, wie wir mit Situationen umgehen und welche vielschichtigen Verstrickungen oftmals vorliegen, die so strukturierter entwirrt werden können.
Ein Beispiel:
Ein Klient ist sich nach einer langen und intensiven Zeit in einem Beruf nicht mehr ganz sicher, was er weitermachen will. Ein beruflicher Wechsel steht an, berufsbedingter Burnout ist obendrein zu vermuten. Im Prozess kommen wir immer wieder auf die Frage, wie sich das entwickelte neue Ziel und Selbstbild gestaltet: Wie fühlt sich es an, wenn Sie Ihr Ziel so ausgeschrieben vor sich sehen? Spüren Sie in sich hinein, gibt es da irgendwo eine physische Resonanz? (Sensation)
Kommt da ein Bild in Ihnen hoch? Assoziieren Sie es mit etwas? (Imagination)
Wie werden sie Sie sich dann verhalten, wenn das Ziel erreicht ist? Woran werden andere sehen, dass Sie ihr Ziel erreicht haben? Wie gehen Sie gerade mit dem neuen Ziel um? (Behavior)
Wenn Sie sich in die Lage versetzen und Ihr Ziel erreicht haben, wie fühlt sich das neue Ziel an für Sie? (Affect)
Was steht hinter dem Ziel? Was bedeutet es für Sie? Was ist, wenn Sie es nicht erreichen? (Meaning)
Diese exemplarischen Fragen geben einen Eindruck in einen Prozess, der versucht das ganze System Mensch zu adressieren. Es geht aber bei weitem mehr. Einen kleinen Einblick liefert Teil II dieses Beitrages. Im Selbstcoaching kann die SIBAM Methode helfen, sich selbst nicht nur als denkendes oder emotionales Wesen zu behandeln, sondern die ganze Palette menschlichen Erlebens in individuelle Entscheidungsfindungsprozesse einfließen zu lassen.
Für die wirklich tiefsitzenden Themen oder blinden Flecken brauchen wir aber wiederum die, den, das Andere – ein Gegenüber, einen Coach.
Anwendung von SIBAM im Alltag
Wie können wir das SIBAM Modell im Alltag anwenden, um unsere individuelle Resilienz präventiv zu trainieren, sei es im Beruf, bei herausfordernden Lagen, Problemstellungen oder um ganzheitlich vorbereitet zu sein auf bestimmte Situationen?
Take Away #2: Übung System-Check (angelehnt an SIBAM)
- Körper: „Was spüre ich konkret?“ – Sinnesorgane nacheinander prüfen, körperliche Signale ausfindig machen
- Emotion: „Welche Emotion ist präsent?“ – nach innen spüren, wie ist mein Zustand
- Kognition: „Welche Gedanken dominieren?“ – sich selbst beim Denken beobachten, Haltung prüfen
- Verhalten: „Was tue ich gerade – und warum?“ – Verhalten überprüfen und mit Ziel abgleichen
- Umwelt: „Was beeinflusst mich von außen?“ – Was macht das Umfeld und was kann ich tun?
- Integration: „Was ist der kleinste nächste Schritt?“ – Handlungsorientierung, um aus den Rückmeldungen des Systems eine Handlung abzuleiten
Jeweils 30 Sekunden und wir sind in 3Minuten durch damit. Es zeigt sofort, wie man systemisch statt rein mental arbeitet. Eine hochfrequente Integration in den Alltag hilft enorm, die eigene Vielschichtigkeit mitzunehmen, statt einseitig durch den Alltag zu gehen.
Resilienz: Menschen ganzheitlich betrachten
Dass alle möglichen Facetten unseres menschlichen Erlebens, Körper, Kognition, Emotion, Verhalten usw. jeweils eingebettet in eine Umwelt; sowie inneres Erleben eingebettet in Empfindungen und Erinnerungen – miteinander verwoben sind und interagieren, macht das Ganze ziemlich komplex. Genau hier bietet die Komplexitätsforschung und Systemtheorie uns das Potential uns als komplexe, nicht-lineare und dynamische Systeme zu verstehen. Menschen sind, anders als Maschinen, eben keine linearen, sondern offene dynamische Systeme. Was wir erreichen wollen, erreichen wir als System Mensch.
Dieses systemische Denken, das C.G. Jung vielleicht mit der Individuation meinte, finden wir auch in der Resilienz-Forschung wieder. Demnach ist Resilienz
„das Vermögen eines dynamischen Systems, sich erfolgreich an Störungen anzupassen, die seine Funktion, Lebensfähigkeit oder Entwicklung bedrohen“ (Masten, 2016, S. 27).
An anderer Stelle heißt es:
„Resilient ist ein System, das in Turbulenzen geraten ist, sich anpasst und überlebt.(…) Demnach könnte man auch das System Mensch als resilient bezeichnen, wenn im Kontext potentiell destabilisierender Bedrohung bei ihm ein Muster der Anpassung oder Genesung zu erkennen ist.“ (Masten, 2016, S. 26)
Wenn wir uns als Menschen ganzheitlich als System betrachten wollen, dann reichen verkopfte Ansätze nicht aus. Wir müssen das gesamte System abholen, statt nur den Kopf zu adressieren.
Resilienz anders gedacht – Was es heute wirklich braucht
Ansätze wie das Master Resilience Training der US-Streitkräfte machen es vor – Resilienz ist mehrdimensional:
- Körperlich – wir sind nur so resilient, wie wir es schaffen physisch robust zu sein, stark und ausdauernd und regulatorische Fähigkeiten entwickelt haben, mit Widrigkeiten umzugehen – eben ECHTE FITNESS. Gleiches gilt für alle anderen Facetten.
- Emotional –Was wollen sie? Wofür sind sie da? Was sagen Sie aus/über mich aus? Muss ich ihnen blind vertrauen? Muss ich sie ignorieren? Letztlich alles Fragen der Selbstkenntnis und Selbstregulation.
- Sozial – Stärkt mich mein Umfeld? Fordert und fördert es mich? Habe ich soziale Auffangsysteme bei Rückschlägen? Wo kann stärkendes gefördert und Krafträuber begrenzt werden und was braucht es dafür?
- Spirituell – Was sind meine leitenden Werte, Überzeugungen, Prinzipien und Bilder über den Menschen und die Welt?
- Familiär – Wie verlässlich sind meine Freundschaften, Partnerschaften, Familienbeziehungen und was sagt das über mich aus? Wo fühle ich mich verbunden?
Aber es lassen sich sicher noch weitere Aspekte finden. Letztlich alles, was wir tun, denken und leben ist Ausdruck unseres Wesens, unserer Persönlichkeit.[4] Individuelle Resilienz, die in Vorbereitung auf mögliche Rückschläge präventiv trainiert werden soll, muss sich also auch anhand aller dieser Facetten trainieren lassen – umfassend. Rückschläge im Leben machen sich schließlich auch auf allen Ebenen bemerkbar. Daher:
Resilienz entsteht nicht im Seminarraum. Wenn Resilienz trainiert werden soll, muss es den Trainingsprinzipien folgen: regelmäßige, selbst-ähnliche und fordernde (nicht überfordernde!) Reize – auf allen Ebenen (vgl.: SIBAM)
Nur wenn wir an echte Grenzen stoßen, wenn wir den durchschnittlichen „Lebenspfad“ (Masten) auch gezielt verlassen, bewusst an Grenzen gehen, die Grenzen er-leben, nur dann können wir
- a) ein wirkliches Verständnis unserer individuellen Resilienz-Fähigkeiten entwickeln und
- b) individuelle Resilienz umfassend aufbauen, sprich trainieren.
Denn wie wir bereits wissen, geht es wenigstens um die Wiederherstellung der Ausgangslage, statt von den Umständen ganz aus der Bahn (Lebenspfad) geworfen zu werden.

Ein Beispiel:
Fangen wir beim Körper an. Wir erleben oft, dass Sport oder Bewegung als Mittel zum Zweck benutzt werden – „man muss ja mal wieder was machen“, oder krampfhafte Selbstoptierung für fragwürdige Schönheitsideale. Dabei wird einerseits vergessen, dass ein „wieder was machen“ keine Frage von Muss ist, sondern von Verantwortungsübernahme für uns als System Mensch. Und es zeigt dem anderen Extrem: lediglich einzelne Muskeln zu trainieren formt keine systemische Stärke. Jeder Profisportler wird uns das bestätigen können, wie es Torben Möller, Weltmeister im maritimen Fünfkampf, sinngemäß macht:
„Wir können immer weiter versuchen eine Leistungssteigerung durch Supplemente oder Übungen zu erreichen, oder endlich anzufangen, statt einzelnen Muskeln den gesamten Körper zu trainieren, bis in die feinstofflichen Ebenen und allen Wechselwirkungen. Vielmehr noch, das gesamte System muss abgeholt werden, um robust, leistungsfähig und gesund zu sein.“
Was uns das tiefe Verständnis von gesundem Spitzen-Sport und Bewegung hier aufzeigt, lässt sich für unseren von Performance-Willen getrieben Alltag auf vielen Ebenen adaptieren. Wie ein umfassendes Resilienz-Training oder Coaching konkret aussehen kann, sehen Sie im Magazin von HumanOps Coaching.
Fußnoten:
[1] Prof. Jutta Heller stellt treffenderweise den praktischen Vergleich zur Trainingswissenschaft her, indem sie Resilienz nicht nur als Anpassung an Umstände und ein Zurückkehren zum funktionalen Normalmaß sieht, sondern in Anlehnung an das Superkompensationsmodell der Sportwissenschaft ein sinnvolles Modell nutzt, Resilienz als umfassendes und vor allem interdisziplinäres Thema zu sehen. Es geht im Superkompensationsmodell darum, nach einer Belastung wieder in die Ausgangslage zu gelangen. Es geht darum daran zu wachsen – über die Ausgangslage hinaus. Vgl.: Heller: Resilienz für die VUCA-Welt, S.8.[2] „Dividuum“ bezeichnet im Kontext des modernen Kapitalismus jene Form des Subjekts, die nicht mehr als unteilbares Individuum behandelt wird, sondern als zerlegbare, messbare und verwertbare Einheit. Während kulturell das Ideal der Individualität hochgehalten wird, funktionieren digitale Plattformen, Arbeitsprozesse und Konsumlogiken längst dividual: Menschen werden in Datenpunkte, Profile, Präferenzen und Verhaltensfragmente aufgespalten. Diese paradoxe Gleichzeitigkeit – Sehnsucht nach Einzigartigkeit bei gleichzeitiger algorithmischer Teilbarkeit – macht den Begriff heute besonders relevant.
[3] Körper ‑Geist Dualismus, angelehnt an Descartes, dessen „Ich denke, also bin ich“ das Geistige/ Kognitive/ Rationale als Wesensmerkmal unserer menschlichen Spezies angenommen hat.
Aristoteles hingegen gilt als der Ur-Vater der wissenschaftlichen Methode, indem wir die Welt ordnen, klassifizieren, zergliedern und die kleinen Teile dann erforschen um einen Rückschluss auf das Ganze ziehen zu können. Wenngleich schon Paracelsus sagte, dass das Ganze größer sei, als die Summe der Teile, ist unsere vorherrschende wissenschaftliche Herangehensweise eher dem aristotelischen Modell entlehnt. Es hat aber auch dazu geführt, dass wir zu viel im Kopf unterwegs sind und zu wenig Mensch sind, zu viel in Kategorien denken, statt ganzheitlich zu leben. Komplexitätsforschung, System- und Chaostheorie sind dagegen vergleichsweise moderne Felder.
[4] Vgl.: Asselmann, E., & Pahr, M. (2022). Woran wir wachsen: Welche Lebensereignisse unsere Persönlichkeit prägen und was uns wirklich weiterbringt – Die neuesten Erkenntnisse aus der Persönlichkeitspsychologie. Ariston.
