„Liebes Tage­buch …“ ist wohl eher ein häufig bedien­tes Klischee. Doch im Leis­tungs­sport und im Mental­trai­ning ist Tage­buch­schrei­ben bzw. Jour­na­ling längst Stan­dard bei Profis. Dieser Beitrag zeigt eine profes­sio­nelle Praxis des Jour­na­lings, wie es umge­setzt wird, welche Ansätze es gibt und welche Fehler vermie­den werden soll­ten.

TL;DR? Bottom line up first!

Journaling - handschriftlich, kurz, regelmäßig - ist das praktischste Instrument, um Selbstführung zu üben:
Wir lernen, uns selbst zielgerichtet zu beobachten,
professionelle Reflexion nicht dem Zufall zu überlassen,
dass fünf Minuten täglich wirksamer sind als sporadische Intensität,
dass sich die Summe kleiner Gewohnheiten zu Resilienz und Entscheidungsqualität potenziert.

In der Praxis hat das hand­schrift­li­che Schrei­ben erwie­sene psycho­lo­gi­sche Effekte. Der oft zitierte Satz „Wer schreibt, der bleibt“ fasst knapp zusam­men, worauf es ankommt: Wer schreibt, schafft Spuren, die rück­bli­ckend beob­acht­bar, inter­pre­tier­bar und beein­fluss­bar sind.

Für Selbst­füh­rung heißt das: Schrei­ben macht das Innere steu­er­bar statt nur erleb­bar. Und es zeigt deut­lich, dass menta­les Durch­ge­hen, Visua­li­sie­ren und Reflek­tie­ren allein nur eine geringe Halb­werts­zeit haben. Wer kann sich schon daran erin­nern, was er oder sie vor einer Woche gedacht hat?

Apro­pos Denken: das Verschrift­li­chen klappt auch bei Emotio­nen, nicht nur bei Gedan­ken. Wir holen das Nicht-physi­sche durch Aufschrei­ben (Hand­lung) in die physi­sche Welt, können es betrach­ten und darüber nach­den­ken. Oder wir spüren, welches Feed­back in uns aufkommt, wenn wir schwarz auf weiß vor uns sehen, was uns umtreibt.

Themen werden verbind­lich und nicht einfach irgendwo in Ecken unse­res menta­len Kellers verstaut. Es ist eine Prak­tik des akti­ven Handelns, des Wollens, statt des Verdrän­gens. 

„Du hast Macht über deinen Geist, nicht über äußere Ereig­nisse.“

Dem Kaiser des spät­rö­mi­schen Reiches, Marcus Aure­lius — stoi­scher Prak­ti­ker der Selbst­füh­rung — verdan­ken wir u.a. durch sein Werk Selbst­be­trach­tun­gen (ergo Selbst­re­fle­xion), ein zeit­lo­ses Zeug­nis dafür, dass Jour­na­ling kein Selbst­zweck ist. Das war und ist nicht das Ziel. Der antike „Philo­so­phen­kai­ser“ zeigt uns durch seine Medi­ta­tio­nen (lat. medi­ta­tio – nachsinnen/nachdenken) ein klas­si­sches Beispiel für tägli­che Selbst­re­fle­xion als Haltung und Prak­tik: Noti­zen dienen der eige­nen Haltungs­schär­fung, dem Distanz­ge­winn und der menta­len Neuori­en­tie­rung.

Die Fähig­keit des Sich-selbst-Beob­ach­ten-Könnens wird hier prak­tisch ange­wen­det. Sie schafft Raum für Verän­de­rung, aber auch für Stabi­li­sie­rung. Wir können es gewis­ser­ma­ßen als Selbst-Coaching-Prozess begrei­fen. 

Drei zentrale Wirk­prin­zi­pien

  1. Gedan­ken exter­na­li­sie­ren und verlang­sa­men
    Nieder­schrei­ben verschafft Distanz zum Moment. Zuvor flüch­tige Gedan­ken werden aus der Feld­her­ren-Perspek­tive zu Objek­ten der Beob­ach­tung. Dieser Verlang­sa­mungs­ef­fekt ist beson­ders beim hand­schrift­li­chen Schrei­ben stark ausge­prägt. Hand­schrift verlangt moto­ri­sche Kohä­renz, redu­ziert Tempo­sprünge und bindet mehr Sinne­s­ka­näle als Tippen. Dies wiederum ist essen­ti­ell für unser Lernen!
  2. Beob­acht­bar­keit und Muster­er­ken­nung erhö­hen
    Ein Jour­nal ist ein persön­li­ches Daten­ar­chiv. Wer nach einer Woche, einem Monat oder Quar­tal zurück­blät­tert, sieht wieder­keh­rende Themen, Trig­ger und Auto­ma­tis­men — etwas, das reines Erin­nern kaum leis­ten kann. Das Wich­tige: Wir können nun erken­nen, wie bestimmte Themen, aber auch unsere Gedan­ken und Emotio­nen zu diesen Themen auf unsere Hand­lun­gen wirken.
  3. Stress­re­duk­tion und Selbst­für­sorge
    Schrei­ben über Gefühle und Belas­tun­gen redu­ziert physio­lo­gi­sche Stress­mar­ker und fördert die Emoti­ons­ver­ar­bei­tung. Insbe­son­dere für die, die Super­vi­sion oder psycho­lo­gi­sche Bera­tung bräuch­ten, aber nicht haben, ist hier ein klei­ner Step möglich. Es stig­ma­ti­siert nicht, kostet fast nichts, aber liefert sehr viel: Selbst­er­kennt­nis und Hand­lungs­spiel­raum. Es ist ein Ritual der Achtung vor sich selbst: Sich Zeit zu nehmen, um den eige­nen Zustand zu würdi­gen, wirkt präven­tiv gegen Erschöp­fung. Präven­tion und Hand­lungs­ori­en­tie­rung stehen dabei im Kontrast zu klas­si­schen Kompen­sa­ti­ons­hand­lun­gen wie Alko­hol und Netflix.

Verant­wor­tung über­neh­men: Jour­na­ling gegen kogni­tive Verzer­run­gen

Die beiden größ­ten Gefah­ren für gute Selbst­füh­rung sind wohl der Negativity‑Bias und Confir­ma­tion-Bias — also die kogni­ti­ven Verzer­run­gen, die uns Nega­ti­ves eher und inten­si­ver wahr­neh­men lassen, und der Effekt, dass wir kogni­tiv dazu neigen, lieber Bekann­tes und Vertrau­tes zu suchen/zu bestä­ti­gen. Evolu­tio­när oft sinn­voll, keine Frage. Aber wirk­li­che (exis­ten­ti­elle) Gefah­ren sind heute selten gewor­den. Zusam­men poten­zie­ren sich die Effekte oft zu einer tödli­chen Kombi­na­tion: Wir fokus­sie­ren nega­tive „Sensa­tio­nen“, über­se­hen dabei das Posi­tive und sehen dafür in jeder nega­tiv gewer­te­ten Situa­tion eine Bestä­ti­gung des ohne­hin nega­ti­ven Bildes. Eine Abwärts­spi­rale. Jour­na­ling wirkt dem entge­gen, weil es:

  • nega­tive Erleb­nisse rela­ti­viert, indem posi­tive Aspekte syste­ma­tisch fest­ge­hal­ten werden („hunt for the good stuff“),
  • Hypo­the­sen dazu zwingt, doku­men­tiert zu werden, wodurch selek­tive Wahr­neh­mung über­prüf­bar wird.

Zahl­rei­che Coaching- oder Thera­pie-Sitzun­gen könn­ten erspart blei­ben, wenn wir anfan­gen würden, den menta­len Zinses­zins für uns zu nutzen: Kleine tägli­che Micro­ha­bits (z.B. 5 Minu­ten schrei­ben) unter­bre­chen den Auto­pi­lo­ten, schaf­fen ein daten­ba­sier­tes Funda­ment, um die eige­nen Deutungs­mus­ter zu hinter­fra­gen und korri­gier­bare Expe­ri­mente zu planen. Es ist die Basis für jegli­che Form der bewuss­ten menta­len Beein­flus­sung.

Refle­xi­ons-Burn­out & Jour­na­ling-Over­kill vermei­den

Einer der größ­ten Fehler im Erler­nen der Selbst­füh­rung ist das Zu-viel-Wollen. Es geht wie im Sport nicht darum, die Systeme einma­lig völlig zu erschöp­fen, sondern um einen klei­nen, ausrei­chen­den Impuls/Trainingsreiz, um stär­kende und Zweck­mä­ßige Abläufe zu festi­gen.

Daher mein Ansatz: das das 5‑Minuten‑Protokoll – täglich, fokus­siert, hand­ge­schrie­ben. 

Drei präzise Fragen, immer in derselben Reihenfolge:
1. Was lief gut oder fühlte sich gut an? (Hunt for the good stuff)
2. Was nehme ich heute mit? Was habe ich gelernt? (Lessons identified & learned)
3. Worauf kann ich künftig achten? (konkreter kleiner Schritt für morgen)

Warum so kurz? Auch Forschung zum Expres­sive Writing zeigt: bereits kurze, konsis­tente Sessi­ons erzeu­gen mess­bare Effekte auf Stim­mung und Problem­lö­se­fä­hig­keit. Wie in jedem Trai­ning: Konti­nui­tät ist der Hebel, nicht Länge. Kein Refle­xi­ons-Burn­out, kein Jour­na­ling-Over­kill, sondern ausrei­chende Reiz­stärke und Hoch­fre­quenz! 

Andere Ansätze: mögli­che Stil­va­ri­an­ten

Wer sich selbst genug führen kann und mehr als nur tägli­che 5 Minu­ten Selbst­re­fle­xion will, kann weitere Formate probie­ren. Neben dem klas­si­schen Fließ­text in Aufsatz­form sind folgende drei Ansätze üblich: 

  • Reflexions‑Kurzform (täglich, 5 Min): Drei eigene Fragen (Beispiel siehe oben). Das Einfa­che hat Bestand.
  • Expe­ri­ment­pro­to­koll (bei Entschei­dun­gen): Hypo­these; Test; Mess­größe; Ergeb­nis (15–30 Min).
  • Narrativ‑Audit (z.B. 1x monat­lich ca. 45–60 Min): 300–500 Worte zur Frage „Wie habe ich mich geführt?“; Brüche markie­ren, Erkennt­nisse reflek­tie­ren.

Warum das Schrei­ben mit der Hand mehr bewirkt

Empi­ri­sche Befunde zeigen, dass hand­schrift­li­ches Notie­ren kogni­tive Prozesse anders stimu­liert als Tippen. Hand­schrift verlang­samt. Es zwingt uns zur Reduk­tion auf das Wesent­li­che und akti­viert visuell‑motorische Rück­kop­pe­lun­gen, die Erin­ner­bar­keit und tiefe­res Verste­hen fördern. Die berühmte Studie von Muel­ler & Oppen­hei­mer (2014) etwa doku­men­tiert, dass hand­schrift­li­che Noti­zen das Verständ­nis und die lang­fris­tige Spei­che­rung von Inhal­ten verbes­sern — Effekte, die sich unmit­tel­bar auf das Jour­na­ling über­tra­gen lassen: Hand­schrift­li­che Einträge sind reichere Daten­quel­len für spätere Muster­ana­ly­sen.

Journaling 2_Coaching Flensburg
Jour­na­ling 2_Coaching Flens­burg

Selbst­coa­ching und Selbst­su­per­vi­sion mittels Jour­nal

„Write hard and clear about what hurts“

- Ernest Heming­way

Jour­na­ling ist mehr als unsere Emoti­ons­ent­sor­gung. Nutzen wir das Jour­nal als Selbstcoaching‑Werkzeug, dann werden Einträge zu unse­ren Expe­ri­ment­pro­to­kol­len:

  • Hypo­these formu­lie­ren (z. B. „Wenn ich vor Meetings Box-Breathing mache, reagiere ich weni­ger impul­siv.“),
  • Inter­ven­tion durch­füh­ren und messen (subjek­tive Skala, kurze Körper­no­tiz),
  • Ergeb­nis notie­ren, Lessons lear­ned ablei­ten.

So wird das Jour­nal zu unse­rem persön­li­chen Forschungs­ar­chiv, das Selbst­füh­rung syste­ma­tisch stärkt und eine präven­tive Kultur unter­stützt.

Aber immer das entschei­dende beach­tend: Einfach­heit – Zweck­mä­ßig­keit – Hoch­fre­quenz!

Fazit: Bewusst­sein als Voraus­set­zung für Selbst­füh­rung

Selbst­füh­rung ist die Fähig­keit, sich selbst zu beob­ach­ten, zu inter­pre­tie­ren und zu steu­ern. Jour­na­ling macht die innere Beob­ach­tung möglich, weil es unser Denken in die sicht­bare Welt holt, Denk­pro­zesse verlang­samt, doku­men­tiert und als Grund­lage für kleine, test­bare Verhal­tens­än­de­run­gen nutz­bar macht. Jour­na­ling verschiebt die Balance vom Auto­pi­lo­ten ins Bewusst­sein. Und das nicht nur mit Gedan­ken, sondern auch mit unse­ren Gefüh­len und unse­rer Haltung, aus der wir agie­ren. Wir nehmen uns Zeit, uns selbst kritisch-konstruk­tiv zu betrach­ten.

Jour­na­ling ist wie ein Labor für unser Inne­res — mit Hypo­the­sen, Messun­gen und klaren Tests. Führung, die dann aus dieser klaren Selbst­er­kennt­nis erwächst, ist nach­hal­ti­ger und weni­ger ressour­cen­in­ten­siv als perma­nente externe Opti­mie­rung. Täglich 5 Minu­ten konstan­tes und ziel­ge­rich­te­tes Schrei­ben brin­gen mehr als einmal
ein Tag Perfor­mance-Coaching

Die Wellen des eige­nen klei­nen Aufwands summie­ren und poten­zie­ren sich zu stabi­ler Führung – Selbst­füh­rung. Was es dafür braucht? Den Mut und die Bereit­schaft zur Refle­xion und es auch zu machen!

Mehr davon?  Bei Fragen, Anmer­kun­gen oder konstruk­ti­ver Kritik schrei­ben Sie mir bitte eine Nach­richt.

Quel­len

Balz, H.‑J., & Kotala, K. (2023). Ergeb­nis­be­richt Inter­viewstu­die: Selbst­füh­rung bei Führungs­kräf­ten in sozi­al­wirt­schaft­li­chen Orga­ni­sa­tio­nen. Evan­ge­li­sche Hoch­schule Bochum. https://kidoks.bsz-bw.de/frontdoor/deliver/index/docId/4555/file/Ergebnisbericht_Interviewstudie_Selbstfuehrung.pdf

Gundrum, E., Weiß, S., Küll­ing, C., Lutter­bach, S., & Frigg, D. (2020). Trend­stu­die: Selbst­füh­rung in selbst‑organisierten Arbeits­kon­tex­ten. Insti­tut für Ange­wandte Psycho­lo­gie (IAP), ZHAW. https://www.zhaw.ch/iap

Hüther, G. (2015). Die Macht der inne­ren Bilder: Wie Visio­nen das Gehirn, den Menschen und die Welt verän­dern. Vanden­hoeck & Ruprecht.

Kram­pitz, J. (2023). Selbst­füh­rung: Wirk­sam­keit von Inter­ven­tio­nen auf Selbst­füh­rungs­kom­pe­ten­zen und Erho­lungs­fä­hig­keit (Disser­ta­tion, Univer­si­tät Inns­bruck). ULB Tirol. https://ulbtirolhs.ac.at

Muel­ler, P. A., & Oppen­hei­mer, D. M. (2014). The pen is might­ier than the keyboard: Advan­ta­ges of longhand over laptop note taking. Psycho­lo­gi­cal Science, 25(6), 1159–1168.

Penne­baker, J. W., & Smyth, J. M. (2016). Opening up by writing it down: How expres­sive writing impro­ves health and eases emotio­nal pain (3rd ed.). Guil­ford Press.

Smyth, J. M. (1998). Writ­ten emotio­nal expres­sion: Effect sizes, outcome types, and mode­ra­ting varia­bles. Jour­nal of Consul­ting and Clini­cal Psycho­logy, 66(1), 174–184. https://doi.org/10.1037/0022–006X.66.1.174

Bild­nach­weis: Bild 1, Bild 2

Meet the Coach

Max Wedel
Max Wedel
Coaching-Anbie­ter für Führungs­kräfte und Einsatz­kräfte, die unter Druck nicht nur funk­tio­nie­ren, sondern wirk­sam handeln wollen. Human­Ops beglei­tet system­un­ab­hän­gig, umfas­send und ehrlich – präven­tiv wie akut – mit den Schwer­punk­ten klare Entschei­dungs­fä­hig­keit in komple­xen Lagen, authen­ti­sches Handeln und mentale Resi­li­enz. Das Ange­bot umfasst Coaching, Super­vi­sion, Führungs­kräf­te­ent­wick­lung und Resi­li­enz-Trai­ning.
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