Kaum eine psycho­lo­gi­sche Diagnose ist in den vergan­ge­nen Jahren so sehr in die Alltags­spra­che gerutscht wie der Narziss­mus. Der selbst­be­zo­gene Chef wird zum Narziss­ten, die schwie­rige Expart­ne­rin zur Narzis­stin und hinter rück­sichts­lo­sem Verhal­ten wird schnell eine narziss­ti­sche Persön­lich­keits­stö­rung vermu­tet. Psycho­lo­gisch ist die Sache kompli­zier­ter.

Selbst­be­wusst­sein, Geltungs­be­dürf­nis, Egois­mus oder der Wunsch nach Aner­ken­nung sind zunächst keine psychi­sche Erkran­kung. Auch ausge­prägte narziss­ti­sche Eigen­schaf­ten reichen für die Diagnose einer narziss­ti­schen Persön­lich­keits­stö­rung nicht auto­ma­tisch aus.

Bei einer narziss­ti­schen Persön­lich­keits­stö­rung, häufig mit NPS oder nach der engli­schen Bezeich­nung mit NPD abge­kürzt, geht es um ein über­dau­ern­des Muster, das die eigene Persön­lich­keit, Bezie­hun­gen und häufig mehrere Lebens­be­rei­che erheb­lich beein­flusst.

Das Wich­tigste zuerst: Eine narziss­ti­sche Persön­lich­keits­stö­rung lässt sich nicht anhand einzel­ner Verhal­tens­wei­sen diagnos­ti­zie­ren. Weder ein Online-Test noch der Part­ner, ein Coach oder ein Arti­kel kann fest­stel­len, ob ein Mensch diese Störung hat. Eine solche Diagnose gehört in die Hände entspre­chend quali­fi­zier­ter psycho­the­ra­peu­ti­scher oder psych­ia­tri­scher Fach­per­so­nen.

Was ist eine narziss­ti­sche Persön­lich­keits­stö­rung?

Das klas­si­sche Bild kennen viele Menschen: Eine Person hält sich für außer­ge­wöhn­lich, erwar­tet Bewun­de­rung, bean­sprucht Sonder­rechte und zeigt wenig Einfüh­lungs­ver­mö­gen für andere.

Dieses Bild ist nicht falsch. Es ist aber unvoll­stän­dig.

Die heutige Forschung betrach­tet patho­lo­gi­schen Narziss­mus zuneh­mend als Problem der Regu­la­tion des Selbst­werts und der Bezie­hun­gen zu ande­ren Menschen. Hinter einer demons­tra­tiv selbst­si­che­ren Fassade kann ein erstaun­lich insta­bi­les Selbst­wert­ge­fühl stehen. Aner­ken­nung, Status und Bestä­ti­gung bekom­men dann eine beson­dere Bedeu­tung. Kritik, Zurück­wei­sung oder ein wahr­ge­nom­me­ner Status­ver­lust können starke Reak­tio­nen auslö­sen.

Genau deshalb ist die einfa­che Vorstel­lung vom dauer­haft selbst­ver­lieb­ten Menschen wissen­schaft­lich über­holt.

Gran­dios und verletz­lich: zwei Seiten des Narziss­mus

Eine der wich­tigs­ten Entwick­lun­gen der vergan­ge­nen Jahre ist die stär­kere Unter­schei­dung zwischen gran­dio­sem und vulnerablem, also verletz­li­chem Narziss­mus.

Gran­diose Ausprä­gung

Im Vorder­grund können Über­le­gen­heit, Anspruchs­den­ken, Konkur­renz­ori­en­tie­rung, Suche nach Bewun­de­rung, Selbst­auf­wer­tung und geringe Rück­sicht auf andere stehen.

Vulnerable Ausprä­gung

Hier fallen eher Unsi­cher­heit, Scham, hohe Empfind­lich­keit gegen­über Kritik, sozia­ler Rück­zug, Selbst­zwei­fel und starke Reak­tio­nen auf Zurück­wei­sung auf.

Das sind nicht zwin­gend zwei getrennte Menschen­ty­pen. Ein Mensch kann zwischen gran­dio­sen und verletz­li­chen Zustän­den wech­seln. Gerade diese Schwan­kun­gen sind für das moderne Verständ­nis von patho­lo­gi­schem Narziss­mus wich­tig.

Eine Studie aus dem Jahr 2024 zeigte beispiels­weise, dass sich gran­diose und vulnerable Erschei­nungs­for­men im dimen­sio­na­len Modell der ICD-11 unter­schied­lich abbil­den lassen. Bei gran­dio­sen Ausprä­gun­gen stan­den unter ande­rem eine unrea­lis­tisch posi­tive Selbst­sicht, geringe Empa­thie und Konflikte mit ande­ren im Vorder­grund. Vulnerable Ausprä­gun­gen waren stär­ker mit nied­ri­gem Selbst­wert, unsi­che­rer Iden­ti­tät und vermei­den­dem zwischen­mensch­li­chem Verhal­ten verbun­den.

Was passiert, wenn das Selbst­bild bedroht wird?

Ein hilf­rei­cher Schlüs­sel zum Verständ­nis liegt weni­ger in der Frage „Hält sich dieser Mensch für groß­ar­tig?“ als in einer ande­ren Frage:

Wie stabil ist der Selbst­wert, wenn Aner­ken­nung ausbleibt? Kritik, Zurück­wei­sung, Miss­erfolg oder das Gefühl, an Bedeu­tung zu verlie­ren, können bei patho­lo­gi­schem Narziss­mus beson­ders rele­vant werden.

Menschen unter­schei­den sich erheb­lich darin, wie sie darauf reagie­ren. Möglich sind beispiels­weise Ärger, Abwer­tung ande­rer, Rück­zug, Scham, Selbst­kri­tik oder der Versuch, das eigene Selbst­bild durch neue Bestä­ti­gung wieder­her­zu­stel­len.

Eine syste­ma­ti­sche Über­sichts­ar­beit aus dem Jahr 2024 unter­suchte 22 Studien zum Zusam­men­hang zwischen patho­lo­gi­schem Narziss­mus und Emoti­ons­re­gu­la­tion. Beson­ders deut­lich war der Zusam­men­hang bei vulnerablem Narziss­mus: Je stär­ker diese Ausprä­gung war, desto häufi­ger zeig­ten sich Schwie­rig­kei­ten bei der Regu­la­tion von Emotio­nen. Für gran­dio­sen Narziss­mus war die Studi­en­lage wesent­lich unein­heit­li­cher.

Anzeige

Wann wird aus Narziss­mus eine Persön­lich­keits­stö­rung?

Das ist eine entschei­dende Unter­schei­dung. Persön­lich­keits­merk­male bewe­gen sich auf einem Konti­nuum. Ein Mensch kann ausge­spro­chen ehrgei­zig, selbst­be­zo­gen oder aner­ken­nungs­ori­en­tiert sein, ohne psychisch krank zu sein.

Für eine Persön­lich­keits­stö­rung reicht es nicht, gele­gent­lich egois­tisch, domi­nant oder wenig empa­thisch zu handeln. Entschei­dend sind unter ande­rem Dauer, Ausprä­gung, mangelnde Flexi­bi­li­tät und die Beein­träch­ti­gung des eige­nen Lebens oder zwischen­mensch­li­cher Bezie­hun­gen.

Narziss­ti­sche Eigen­schaf­ten Hinweise auf proble­ma­ti­sche Ausprä­gun­gen
Freude an Aner­ken­nung Starke Abhän­gig­keit des Selbst­werts von Bewun­de­rung und Bestä­ti­gung
Selbst­be­wusst­sein Star­res Über­le­gen­heits­ge­fühl oder stark schwan­ken­der Selbst­wert
Ehrgeiz Selbst­wert hängt dauer­haft von Erfolg, Status oder Über­le­gen­heit ab
Empfind­lich­keit gegen­über Kritik Wieder­keh­rende massive Reak­tio­nen auf Kritik oder Zurück­wei­sung
Eigen­in­ter­es­sen vertre­ten Dauer­hafte erheb­li­che Schwie­rig­kei­ten, Bedürf­nisse ande­rer einzu­be­zie­hen

Auch deshalb ist eine Fern­dia­gnose über einen Part­ner, Vorge­setz­ten oder Eltern­teil fach­lich proble­ma­tisch.

Warum heute anders diagnos­ti­ziert wird

Die moderne Persön­lich­keits­dia­gnos­tik bewegt sich zuneh­mend weg von der einfa­chen Frage „Hat jemand diese Störung oder nicht?“.

Die ICD-11 verfolgt einen dimen­sio­na­len Ansatz. Dabei wird stär­ker betrach­tet, wie schwer die Persön­lich­keits­pro­ble­ma­tik ausge­prägt ist und welche Persön­lich­keits­merk­male beson­ders auffäl­lig sind. Auch das alter­na­tive Persön­lich­keits­mo­dell des DSM‑5 arbei­tet stär­ker dimen­sio­nal.

Das ist bei Narziss­mus beson­ders hilf­reich. Ein rein gran­dio­ses Diagno­se­bild kann Menschen über­se­hen, deren Proble­ma­tik sich eher durch Verletz­lich­keit, Scham, Rück­zug und einen insta­bi­len Selbst­wert zeigt.

Neuere Forschung deutet außer­dem darauf hin, dass ein dimen­sio­na­les Vorge­hen mögli­che geschlechts­spe­zi­fi­sche Verzer­run­gen redu­zie­ren könnte. Das ist rele­vant, weil tradi­tio­nelle Diagno­se­kri­te­rien stär­ker Eigen­schaf­ten beto­nen, die kultu­rell häufi­ger mit männ­li­chem Verhal­ten verbun­den werden.

Warum der Begriff „Narzisst“ proble­ma­tisch gewor­den ist

Der Begriff wird inzwi­schen häufig für Menschen verwen­det, die verlet­zend, egois­tisch, mani­pu­la­tiv oder schwie­rig erlebt werden. Das kann verständ­lich sein, ersetzt aber keine Diagnose.

Eine 2026 veröf­fent­lichte Unter­su­chung beschäf­tigt sich genau mit diesem Phäno­men. Die Forschen­den unter­such­ten den soge­nann­ten „concept creep“, also die Auswei­tung eines psycho­lo­gi­schen Begriffs auf immer mildere Verhal­tens­wei­sen. Je weiter Menschen ihre persön­li­che Defi­ni­tion einer narziss­ti­schen Persön­lich­keits­stö­rung fass­ten, desto mehr vermeint­li­che Fälle erkann­ten sie auch in ihrem Umfeld.

Wich­tig für Bezie­hun­gen: Du musst keine psych­ia­tri­sche Diagnose für einen ande­ren Menschen finden, um proble­ma­ti­sches Verhal­ten ernst zu nehmen. Abwer­tung, Kontrolle, Drohun­gen oder Grenz­über­schrei­tun­gen blei­ben proble­ma­tisch, unab­hän­gig davon, ob dahin­ter eine Persön­lich­keits­stö­rung steckt.

Woher kommt eine narziss­ti­sche Persön­lich­keits­stö­rung?

Eine einfa­che Ursa­che gibt es nach heuti­gem Forschungs­stand nicht.

Disku­tiert wird viel­mehr ein Zusam­men­spiel aus Tempe­ra­ment, Persön­lich­keits­ent­wick­lung, Bezie­hungs­er­fah­run­gen, sozia­lem Umfeld und verschie­de­nen psycho­lo­gi­schen Mecha­nis­men. Auch die Fähig­keit, den eige­nen Selbst­wert und Emotio­nen zu regu­lie­ren, spielt eine Rolle.

Aussa­gen wie „Narziss­ten wurden als Kinder zu viel gelobt“ oder umge­kehrt „Narziss­ten wurden von ihren Eltern nicht geliebt“ grei­fen deshalb zu kurz. Aus einzel­nen Kind­heits­er­fah­run­gen lässt sich eine spätere Persön­lich­keits­stö­rung nicht zuver­läs­sig ablei­ten.

Kann sich eine narziss­ti­sche Persön­lich­keits­stö­rung verän­dern?

Ja, Verän­de­rung ist möglich. Sie ist aller­dings meist kein schnel­ler Prozess.

Eine häufig wieder­holte Behaup­tung lautet, Menschen mit einer narziss­ti­schen Persön­lich­keits­stö­rung seien grund­sätz­lich nicht thera­pier­bar. Dafür gibt es keine ausrei­chende wissen­schaft­li­che Grund­lage.

Lang­zeit­be­ob­ach­tun­gen und Fall­stu­dien zeigen, dass sich Persön­lich­keits­funk­tio­nen und Bezie­hun­gen verbes­sern können. Gleich­zei­tig gilt die Behand­lung als anspruchs­voll. Schwie­rig­kei­ten können beispiels­weise entste­hen, wenn Scham, Abwer­tung, Perfek­tio­nis­mus oder Probleme mit Vertrauen die thera­peu­ti­sche Bezie­hung beein­träch­ti­gen.

Ein weite­res Problem ist der Thera­pie­ab­bruch. Ältere Unter­su­chun­gen zeigen vergleichs­weise hohe Abbruch­ra­ten. Eine stabile thera­peu­ti­sche Bezie­hung, klare gemein­same Ziele und die Bereit­schaft, eigene Verhal­tens­mus­ter zu unter­su­chen, sind deshalb beson­ders wich­tig.

2026: neue Hinweise zur Behand­lung

Die Evidenz spezi­ell zur narziss­ti­schen Persön­lich­keits­stö­rung war lange erstaun­lich dünn. Das ändert sich lang­sam.

2026 wurde eine rando­mi­sierte kontrol­lierte Studie mit 114 Menschen mit narziss­ti­scher Persön­lich­keits­stö­rung veröf­fent­licht. Vergli­chen wurden eine sche­ma­fo­kus­sierte Thera­pie und das Unified Proto­col, ein emoti­ons­fo­kus­sier­ter, störungs­über­grei­fen­der Behand­lungs­an­satz.

In beiden Grup­pen ging die Schwere der narziss­ti­schen Sympto­ma­tik zurück. Die Verän­de­run­gen waren auch bei der Nach­un­ter­su­chung nach zwölf Mona­ten nach­weis­bar.

Inter­es­sant waren die Unter­schiede: Die sche­ma­fo­kus­sierte Thera­pie zeigte stär­kere Verbes­se­run­gen bei gran­dio­sen Merk­ma­len. Das Unified Proto­col schnitt bei vulner­ablen Merk­ma­len sowie bei Scham, Ärger und Proble­men der Emoti­ons­re­gu­la­tion besser ab.

Eine einzelne Studie beant­wor­tet noch nicht die Frage, welche Behand­lung lang­fris­tig für wen am besten funk­tio­niert. Sie liefert aber einen wich­ti­gen Hinweis: Narziss­ti­sche Persön­lich­keits­stö­run­gen sind nicht grund­sätz­lich unver­än­der­bar.

Welche Thera­pie kommt infrage?

Die Behand­lung erfolgt in erster Linie psycho­the­ra­peu­tisch. Je nach Person und Proble­ma­tik kommen unter­schied­li­che Ansätze infrage. In der Fach­li­te­ra­tur werden unter ande­rem psycho­dy­na­mi­sche und über­tra­gungs­fo­kus­sierte Ansätze, Sche­ma­the­ra­pie, menta­li­sie­rungs­ori­en­tierte Verfah­ren und inzwi­schen auch trans­dia­gnos­ti­sche Ansätze disku­tiert.

Es gibt kein Medi­ka­ment, das eine narziss­ti­sche Persön­lich­keits­stö­rung als solche behan­delt. Medi­ka­mente können jedoch bei gleich­zei­tig auftre­ten­den Erkran­kun­gen oder Beschwer­den eine Rolle spie­len, beispiels­weise bei Depres­sio­nen oder bestimm­ten Angst­stö­run­gen. Das gehört in ärzt­li­che Hände.

Auch Psycho­edu­ka­tion gewinnt an Bedeu­tung. Dabei geht es darum, die eige­nen Muster besser zu verste­hen, beispiels­weise den Zusam­men­hang zwischen Selbst­wert, Scham, zwischen­mensch­li­chen Konflik­ten und emotio­na­len Reak­tio­nen.

Psycho­the­ra­peut, Psych­ia­ter oder Coach: Wer hilft wobei?

Anlie­gen Geeig­nete Anlauf­stelle
Verdacht auf eine Persön­lich­keits­stö­rung Psycho­the­ra­peu­ti­sche oder psych­ia­tri­sche Fach­per­son mit entspre­chen­der diagnos­ti­scher Quali­fi­ka­tion
Diagnos­tik und Behand­lung einer NPS Psycho­the­ra­pie, bei Bedarf zusätz­lich psych­ia­tri­sche Behand­lung
Depres­sion, Angst, Selbst­ver­let­zung oder Suizid­ge­dan­ken Psycho­the­ra­peu­ti­sche bezie­hungs­weise psych­ia­tri­sche Behand­lung, bei akuter Gefahr sofor­tige medi­zi­ni­sche Hilfe
Beruf­li­che Konflikte oder Führungs­pro­bleme ohne behand­lungs­be­dürf­tige psychi­sche Störung Coaching kann sinn­voll sein
Umgang mit einem schwie­ri­gen Kolle­gen oder Vorge­setz­ten Coaching kann bei Kommu­ni­ka­tion, Gren­zen und konkre­ten Hand­lungs­stra­te­gien unter­stüt­zen
Belas­tende Part­ner­schaft Je nach Belas­tung psycho­lo­gi­sche Bera­tung oder Psycho­the­ra­pie; Coaching kann bei klar abge­grenz­ten Entschei­dungs- und Hand­lungs­the­men unter­stüt­zen

Was Coaching leis­ten kann und was nicht

Ein Coach diagnos­ti­ziert und behan­delt keine narziss­ti­sche Persön­lich­keits­stö­rung. Seriö­ses Coaching sollte auch nicht versu­chen, aus Erzäh­lun­gen über einen Part­ner, Kolle­gen oder Chef eine psych­ia­tri­sche Fern­dia­gnose abzu­lei­ten.

Coaching kann trotz­dem hilf­reich sein, wenn die Frage­stel­lung nicht die Behand­lung einer psychi­schen Erkran­kung ist.

Coaching kann zum Beispiel dabei unter­stüt­zen,

  • wieder­keh­rende Konflikte im Beruf zu analy­sie­ren,
  • eigene Gren­zen klarer wahr­zu­neh­men und zu kommu­ni­zie­ren,
  • schwie­rige Gesprächs­si­tua­tio­nen vorzu­be­rei­ten,
  • die eigene Rolle in wieder­keh­ren­den Bezie­hungs­mus­tern zu reflek­tie­ren,
  • beruf­li­che Entschei­dun­gen zu tref­fen,
  • den Umgang mit einem stark selbst­be­zo­ge­nen Vorge­setz­ten oder Kolle­gen zu verbes­sern.

Die Grenze ist erreicht, wenn eine psychi­sche Erkran­kung diagnos­ti­ziert oder behan­delt werden soll. Ein guter Coach erkennt diese Grenze und empfiehlt gege­be­nen­falls psycho­the­ra­peu­ti­sche oder ärzt­li­che Unter­stüt­zung.

Was Ange­hö­rige und Part­ner tun können

Menschen suchen häufig nach Infor­ma­tio­nen über narziss­ti­sche Persön­lich­keits­stö­run­gen, weil sie nicht sich selbst, sondern einen ande­ren Menschen verste­hen wollen.

Die Versu­chung ist groß, endlich eine Erklä­rung zu finden: „Jetzt weiß ich, warum er oder sie so ist.“ Das kann kurz­fris­tig entlas­ten, führt aber leicht in die falsche Rich­tung.

Hilf­rei­cher ist häufig, konkrete Verhal­tens­wei­sen anzu­schauen:

  • Was passiert tatsäch­lich?
  • Welche Situa­tio­nen wieder­ho­len sich?
  • Welche Gren­zen werden über­schrit­ten?
  • Was kann ich beein­flus­sen?
  • Was kann ich nicht beein­flus­sen?
  • Was brau­che ich, damit sich meine Situa­tion verbes­sert?

Dafür muss der andere Mensch keine Diagnose haben.

Und wenn der Betrof­fene selbst keine Hilfe möchte?

Dann sind die Möglich­kei­ten von Part­nern, Ange­hö­ri­gen oder Kolle­gen begrenzt. Persön­lich­keits­ver­än­de­rung lässt sich von außen nicht erzwin­gen.

Menschen begin­nen eine Behand­lung häufig nicht deshalb, weil jemand sie von einer Diagnose über­zeugt hat. Anlass können viel­mehr Bezie­hungs­kri­sen, Depres­sio­nen, beruf­li­che Schwie­rig­kei­ten, Einsam­keit, ein Verlust oder andere Belas­tun­gen sein.

Für das Umfeld kann es deshalb sinn­vol­ler sein, sich mit den eige­nen Hand­lungs­mög­lich­kei­ten zu beschäf­ti­gen, statt den ande­ren Menschen verän­dern zu wollen.

Nicht jeder schwie­rige Mensch hat eine Persön­lich­keits­stö­rung

Viel­leicht ist das die wich­tigste Erkennt­nis.

Die Forschung zeich­net heute ein deut­lich diffe­ren­zier­te­res Bild von Narziss­mus als viele popu­läre Beiträge im Inter­net. Neben sicht­ba­rer Gran­dio­si­tät können Verletz­lich­keit, Scham und ein insta­bi­ler Selbst­wert eine erheb­li­che Rolle spie­len. Die Über­gänge zwischen Persön­lich­keits­merk­ma­len und psychi­scher Störung sind komplex.

Gleich­zei­tig bedeu­tet Diffe­ren­zie­rung nicht, proble­ma­ti­sches Verhal­ten zu entschul­di­gen. Man kann Verhal­ten klar benen­nen, Gren­zen setzen oder eine Bezie­hung verlas­sen, ohne dem ande­ren Menschen eine psych­ia­tri­sche Diagnose zu geben.

Und wenn tatsäch­lich eine narziss­ti­sche Persön­lich­keits­stö­rung vorliegt, ist auch die gegen­tei­lige pauschale Aussage nicht gerecht­fer­tigt: dass sich diese Menschen niemals ändern könn­ten. Neuere Forschung zeigt viel­mehr, dass Verän­de­rung möglich ist. Wie gut sie gelingt, hängt von vielen Fakto­ren ab und benö­tigt in der Regel profes­sio­nelle psycho­the­ra­peu­ti­sche Behand­lung.

Was ist eine narziss­ti­sche Persön­lich­keits­stö­rung?
Eine narziss­ti­sche Persön­lich­keits­stö­rung ist eine psychi­sche Störung, bei der unter ande­rem die Regu­la­tion des Selbst­werts und zwischen­mensch­li­che Bezie­hun­gen dauer­haft beein­träch­tigt sein können. Gran­dio­si­tät und das Bedürf­nis nach Bewun­de­rung können auftre­ten, das Erschei­nungs­bild kann aber auch durch Verletz­lich­keit, Scham und starke Empfind­lich­keit gegen­über Kritik geprägt sein.
Was ist der Unter­schied zwischen Narziss­mus und einer narziss­ti­schen Persön­lich­keits­stö­rung?
Narziss­ti­sche Eigen­schaf­ten können bei Menschen unter­schied­lich stark ausge­prägt sein und sind nicht auto­ma­tisch krank­haft. Bei einer Persön­lich­keits­stö­rung sind die Muster dauer­haft, wenig flexi­bel und führen zu erheb­li­chen Proble­men im persön­li­chen, sozia­len oder beruf­li­chen Leben.
Was ist vulnerabler Narziss­mus?
Vulnerabler Narziss­mus bezeich­net eine Ausprä­gung, bei der unter ande­rem ein insta­bi­ler Selbst­wert, Scham, Unsi­cher­heit, Empfind­lich­keit gegen­über Kritik und Rück­zug auftre­ten können. Die Forschung zeigt, dass gran­diose und vulnerable Zustände bei einem Menschen auch wech­seln können.
Ist eine narziss­ti­sche Persön­lich­keits­stö­rung heil­bar?
Persön­lich­keits­mus­ter können sich verän­dern. Neuere Studien zeigen, dass psycho­the­ra­peu­ti­sche Behand­lung die Sympto­ma­tik einer narziss­ti­schen Persön­lich­keits­stö­rung redu­zie­ren kann. Die Behand­lung ist häufig länger­fris­tig und die wissen­schaft­li­che Evidenz ist noch deut­lich klei­ner als bei vielen ande­ren psychi­schen Erkran­kun­gen.
Welche Thera­pie hilft bei einer narziss­ti­schen Persön­lich­keits­stö­rung?
Zum Einsatz kommen verschie­dene psycho­the­ra­peu­ti­sche Ansätze. Dazu gehö­ren unter ande­rem sche­ma­fo­kus­sierte und psycho­dy­na­mi­sche Verfah­ren. Eine rando­mi­sierte Studie aus dem Jahr 2026 fand sowohl für sche­ma­fo­kus­sierte Thera­pie als auch für das Unified Proto­col Verbes­se­run­gen. Welcher Ansatz im Einzel­fall geeig­net ist, sollte fach­lich geklärt werden.
Kann ein Coach eine narziss­ti­sche Persön­lich­keits­stö­rung behan­deln?
Nein. Die Diagnose und Behand­lung einer Persön­lich­keits­stö­rung gehört in entspre­chend quali­fi­zierte psycho­the­ra­peu­ti­sche oder psych­ia­tri­sche Hände. Coaching kann bei nicht klini­schen Themen wie beruf­li­chen Konflik­ten, Kommu­ni­ka­tion, Entschei­dungs­fin­dung oder dem Setzen eige­ner Gren­zen unter­stüt­zen.
Wie erkenne ich, ob mein Part­ner oder Chef eine narziss­ti­sche Persön­lich­keits­stö­rung hat?
Aus einzel­nen Verhal­tens­wei­sen lässt sich keine narziss­ti­sche Persön­lich­keits­stö­rung ablei­ten. Eine Diagnose erfor­dert eine fach­li­che Unter­su­chung der betrof­fe­nen Person. Für den eige­nen Umgang mit proble­ma­ti­schem Verhal­ten ist eine Diagnose des ande­ren zudem nicht erfor­der­lich.

Quel­len und weiter­füh­rende Forschung

Für diesen Arti­kel wurden englisch­spra­chige wissen­schaft­li­che Fach­pu­bli­ka­tio­nen und aktu­elle Studien zur narziss­ti­schen Persön­lich­keits­stö­rung ausge­wer­tet.

Behand­lung von gran­dio­sem und vulnerablem Narziss­mus 2026

Moha­je­rin B, Howard R, Pincus AL: A Rando­mi­zed Control­led Trial Compa­ring Two Treat­ments for Vulnerable and Gran­diose Narcis­sism: Unified Proto­col vs. Schema-Focu­sed Therapy. Clini­cal Psycho­logy & Psycho­the­rapy. Rando­mi­sierte kontrol­lierte Studie mit 114 Teil­neh­men­den und Nach­be­ob­ach­tung über zwölf Monate.

Studie bei PubMed anse­hen
Aktu­el­ler Forschungs­stand zu Diagnos­tik und Behand­lung 2022

Wein­berg I, Ronnings­tam E: Narcis­si­stic Perso­na­lity Disor­der: Progress in Under­stan­ding and Treat­ment. Ameri­can Jour­nal of Psych­ia­try. Über­blick zu Diagnos­tik, gran­dio­sen und vulner­ablen Erschei­nungs­for­men, Entste­hungs­mo­del­len und psycho­the­ra­peu­ti­scher Behand­lung.

Voll­text bei PubMed Central anse­hen
Narziss­mus und Emoti­ons­re­gu­la­tion 2024

Blay M et al.: Asso­cia­tion between Patho­lo­gi­cal Narcis­sism and Emotion Dysre­gu­la­tion: A Syste­ma­tic Review. Syste­ma­ti­sche Über­sichts­ar­beit mit 22 einge­schlos­se­nen Studien. Beson­ders vulnerabler Narziss­mus zeigte Zusam­men­hänge mit Schwie­rig­kei­ten bei der Emoti­ons­re­gu­la­tion.

Studie bei PubMed anse­hen
Gran­dio­ser und vulnerabler Narziss­mus in der ICD-11 2024

Day NJ et al.: Narcis­si­stic perso­na­lity disor­der in the ICD-11: Seve­rity and trait profiles of gran­dio­sity and vulnerabi­lity. Jour­nal of Clini­cal Psycho­logy. Unter­su­chung der unter­schied­li­chen Merk­mals­pro­file gran­dio­ser und vulnerabler Erschei­nungs­for­men im dimen­sio­na­len ICD-11-Modell.

Studie bei PubMed anse­hen
Psycho­edu­ka­tion bei patho­lo­gi­schem Narziss­mus 2024

Blay M et al.: Psycho­edu­ca­tion for Patho­lo­gic Narcis­sism and Narcis­si­stic Perso­na­lity Disor­der. Jour­nal of Psych­ia­tric Prac­tice. Fach­bei­trag zur Rolle von Psycho­edu­ka­tion und zu einem struk­tu­rier­ten psycho­edu­ka­ti­ven Behand­lungs­an­satz.

Studie bei PubMed anse­hen
Wech­sel zwischen Gran­dio­si­tät und Verletz­lich­keit 2024

Eders­hile EA et al.: Dyna­mics of narcis­si­stic gran­dio­sity and vulnerabi­lity in natu­ra­li­stic and expe­ri­men­tal settings. Jour­nal of Perso­na­lity and Social Psycho­logy. Unter­su­chung zur Dyna­mik gran­dio­ser und vulnerabler Zustände sowie zur Bedeu­tung sozia­ler Rück­mel­dun­gen.

Studie bei PubMed anse­hen
Warum immer mehr Menschen als „narziss­tisch“ bezeich­net werden 2026

Hengart­ner MP, Eymir A, Haslam N: Expan­ded defi­ni­ti­ons of psycho­pa­tho­logy: Explo­ring concept creep in narcis­si­stic perso­na­lity disor­der. Acta Psycho­lo­gica. Unter­su­chung zur Auswei­tung des Begriffs der narziss­ti­schen Persön­lich­keits­stö­rung auf zuneh­mend mildere Verhal­tens­wei­sen.

Studie bei PubMed anse­hen
Verän­de­rung durch lang­fris­tige Psycho­the­ra­pie 2023

Ronnings­tam E, Wein­berg I: Narcis­si­stic Perso­na­lity Disor­der: Patterns, Proces­ses, and Indi­ca­tors of Change in Long-Term Psycho­the­rapy. Jour­nal of Perso­na­lity Disor­ders. Unter­su­chung lang­fris­ti­ger Verän­de­rungs­pro­zesse bei Menschen mit narziss­ti­scher Persön­lich­keits­stö­rung.

Studie bei PubMed anse­hen

Meet the Coach

Eberhard Kuhl
Eber­hard Kuhl
Eber­hard Kuhl ist der Grün­der von coachverzeichnis.com und Holi­day­Coa­ching. Er ist Unter­neh­mens­be­ra­ter und Coach mit Sitz in Daut­phe­tal, Hessen, und betreibt coachverzeichnis.com seit August 2025.