Die Kunst des Nein­sa­gens – und warum Ihr Körper früher redet als Sie

Vor ein paar Jahren saß ich mit einer Führungs­kraft in einem Kölner Studio. Kamera läuft, Mikro an, Inter­view­si­mu­la­tion. Der Mann leitet eine Abtei­lung mit 60 Leuten, führt seit zwölf Jahren, hat Krisen gese­hen, die mich blass gemacht hätten.

Ich stelle ihm eine einfa­che theo­re­tisch gemeinte Frage: „Könn­ten Sie das bis Frei­tag noch zusätz­lich über­neh­men?“

Er sagt: „Ja, klar, kein Problem.“

Nur: Sein Körper sagt was ande­res. Die Schul­tern ziehen sich hoch. Der Blick flackert kurz nach links. Die Stimme macht dieses mini­male Crescendo am Satz­ende, das man nur hört, wenn man weiß, wonach man suchen muss.

Ich halte an. Frage ihn: „Woll­ten Sie gerade wirk­lich Ja sagen?“

Pause. Längere Pause. Dann: „Eigent­lich nicht.“

Da saßen wir. Kamera aus. Und hatten plötz­lich ein ganz ande­res Gespräch.

Das Problem heißt nicht „Konflikt­scheu“

Führungs­kräfte, die nicht Nein sagen können, werden schnell in eine Schub­lade gesteckt: konflikt­scheu, zu weich, nicht durch­set­zungs­fä­hig. Das ist bequem. Und meis­tens falsch.

Was ich in meiner Arbeit als syste­mi­scher Coach und Media­tor immer wieder erlebe: Das eigent­li­che Problem sitzt tiefer. Es ist keine Kommu­ni­ka­ti­ons­schwä­che. Es ist eine Klar­heits­schwä­che.

Wer inner­lich noch nicht entschie­den hat, was er will – wer seine eigene Grenze nicht kennt oder nicht akzep­tiert –, kann sie nach außen nicht vertre­ten. Man kann nicht kommu­ni­zie­ren, was man selbst nicht weiß. Und der Körper weiß das. Immer. Früher als der Mund.

Deshalb: Gren­zen setzen beginnt nicht im Gespräch mit dem Mitar­bei­ter. Es beginnt im Gespräch mit sich selbst.

Die Visua­li­sie­rung: Wo ist Ihre Linie?

Ich arbeite in Coachings häufig mit einer einfa­chen Übung, die – zuge­ge­ben – erst selt­sam wirkt und dann erstaun­lich treff­si­cher ist.

Stel­len Sie sich einen Raum vor. In diesem Raum gibt es eine Linie auf dem Boden. Links davon: alles, was Sie noch tragen können. Was Ihnen entspricht. Was zu Ihrer Rolle passt. Was Sie mit echtem Ja beja­hen.

Rechts davon: der Rest.

Jetzt nehmen Sie die nächste Anfrage, die auf Ihrem Schreib­tisch liegt – die, bei der Sie zögern. Und stel­len Sie sich bild­lich vor, wie Sie sie in den Raum legen. Links oder rechts?

Das klingt nach Kinder­gar­ten. Ich weiß. Aber was dabei passiert, ist inter­es­sant: Viele Führungs­kräfte merken zum ersten Mal, dass sie die Anfrage schon längst rechts abge­legt haben – und trotz­dem gerade dabei sind, Ja zu sagen. Der Körper hat die Entschei­dung getrof­fen. Der Kopf holt nur noch die Begrün­dung nach.

Diese Visua­li­sie­rung ist kein Trick. Sie ist eine Zeugen­aus­sage.

„Nein“ als Führungs­auf­gabe

Es gibt eine verbrei­tete Verwechs­lung in Führungs­kul­tur: Verfüg­bar­keit gilt als Kompe­tenz. Wer immer kann, gilt als stark. Wer Gren­zen benennt, wirkt schwach oder bequem.

Das Gegen­teil ist rich­tig.

Eine Führungs­kraft, die nicht Nein sagt, sendet ein klares Signal ins Team: Gren­zen gelten hier nicht. Konse­quen­zen auch nicht. Und dann wundert man sich, warum die Mitar­bei­ter es genauso machen.

Klar und höflich Gren­zen setzen ist keine Defen­siv­hand­lung. Es ist Führung. Es schützt nicht nur die Person, die Nein sagt – es schützt das System drum herum. Es macht Prio­ri­tä­ten sicht­bar. Es gibt Orien­tie­rung. Und es zeigt, dass jemand wirk­lich entschei­det – und nicht nur verwal­tet.

Steile These: Wer immer Ja sagt, hat aufge­hört zu führen. Er mode­riert nur noch den Zugang zu seiner eige­nen Erschöp­fung.

Klar­heit zuerst – Kommu­ni­ka­tion danach

Zurück zur Kamera. Was mein Klient in diesem Kölner Studio gelernt hat, war nicht, wie man ein über­zeu­gen­de­res Nein formu­liert. Er hat gelernt, was er über­haupt will.

Das ist der entschei­dende Schritt, den viele über­sprin­gen. Sie suchen nach der rich­ti­gen Formu­lie­rung – „Ich wäre bereit, wenn …“ oder „Das sehe ich kritisch, aber …“ – ohne vorher die eigent­li­che Frage beant­wor­tet zu haben: Will ich das? Kann ich das? Entspricht das meiner Rolle und meinen Ressour­cen?

Erst wenn diese Fragen ehrlich beant­wor­tet sind, kann die Kommu­ni­ka­tion folgen. Und dann braucht sie meis­tens gar nicht so viel Worte.

Ein klares Nein klingt nicht hart. Es klingt ruhig.

Und dann kommt der Körper

Wer inner­lich klar ist, muss seinen Körper nicht mehr über­re­den.

Das ist das Schöne – und das Entlar­vende – an Körper­spra­che: Sie folgt der inne­ren Haltung. Nicht umge­kehrt. Man kann Schul­tern zurück­zie­hen und Blick­kon­takt halten, bis man schwarz wird. Wenn innen noch Unklar­heit herrscht, sieht das jeder (un-)geübte Beob­ach­ter.

Umge­kehrt: Wer wirk­lich entschie­den hat, braucht keine Körper­spra­che-Check­liste. Der steht aufrecht, weil er aufrecht steht. Der schaut, weil er da ist. Der spricht ruhig, weil er weiß, was er sagt.

Mein Klient damals hat das Nein in der zwei­ten Übungs­runde nicht geübt. Er hat es nur noch gesagt. Und die Kamera hat es geglaubt.

Eine letzte Bemer­kung – humo­ris­tisch, aber ernst gemeint

Im Rhein­land sagt man: „Wat e jeder weiß, muß nit jesaat werde.“

Was jeder weiß – und trotz­dem nie tut.

Nein sagen kostet im ersten Moment mehr als Ja sagen. Das stimmt. Es braucht eine Sekunde Mut, manch­mal eine kurze Erklä­rung, manch­mal eine kurze Stille.

Aber Ja sagen, wenn man Nein meint, kostet Wochen. Manch­mal Monate. Manch­mal Mitar­bei­ter.

Die Rech­nung ist eigent­lich einfach. Trotz­dem sitzt alle zwei Wochen jemand mit mir beim Coaching – und sagt Ja, obwohl er Nein meint.

Ich drehe dann noch­mal ne Schleife. Und wir reden.

Meet the Coach

Jens Klocke
Jens Klocke
Syste­mi­scher Coach, Change-Beglei­ter, Media­tor und Storytel­ler mit 30 Jahren Führungs­er­fah­rung – auch im inter­na­tio­na­len Kontext. Er arbei­tet unter ande­rem für die Haufe-Akade­mie und die TÜV NORD Akade­mie und ist Grimme-Dozent. Sein Fokus: Haltung – im Kopf und im Körper – mit dem Verständ­nis, dass Kommu­ni­ka­tion und Körper­spra­che keine Tools sind, sondern Ausdruck der inne­ren Einstel­lung.
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