Aufbruch klingt verlo­ckend: Neues Kapi­tel, Frei­heit und Freude, endlich raus aus Mustern, die sich nicht mehr rich­tig anfüh­len. Gleich­zei­tig meldet sich da oft ein ande­rer Teil in uns, der sagt: „Bloß nicht noch mehr Verän­de­rung, ich bin doch jetzt schon müde!“ Wenn das Nerven­sys­tem dauer­haft im Stress­mo­dus läuft, zum Beispiel durch hohe Arbeits­be­las­tung im Job, Care-Arbeit, Unsi­cher­heit oder Diskri­mi­nie­rung, kann jeder weitere Schritt nach vorn sich viel­mehr nach Risiko anfüh­len als nach Befreiung.¹, ²

Genau hier setzt nerven­sys­tem­ge­rech­ter Wandel an. Es geht nicht darum, „nicht so empfind­lich“ zu sein oder „endlich mal muti­ger zu sprin­gen“, sondern darum, Verän­de­run­gen so zu gestal­ten, dass dein System sie über­haupt verar­bei­ten kann – unab­hän­gig davon, mit welcher physio­lo­gi­schen oder gesell­schaft­li­chen Voraus­set­zung du startest.³, ² 

Dein Window of Tole­rance: Wo Verän­de­rung wirk­lich inte­grier­bar ist

In der Psycho­lo­gie gibt es ein Modell, das gut beschreibt, wie viel Verän­de­rung unser Nerven­sys­tem gerade tragen kann: das Window of Tole­rance. Es bezeich­net den Bereich, in dem wir inner­lich ausrei­chend regu­liert sind, um zu fühlen, zu denken und zu handeln, ohne zu über­dre­hen oder dicht zu machen.³

In der Mitte dieses Fens­ters bewe­gen wir uns in einem Zustand, in dem wir Heraus­for­de­run­gen anneh­men können. Wir sind akti­viert und präsent, aber nicht völlig über­for­dert. Hier liegen Lern- und Wachs­tums­pro­zesse, die wir später auch inte­grie­ren können.³

Rutschen wir über unser Fens­ter hinaus, passiert meist eines von zwei Mustern:³

  • Hyper­a­rou­sal (Über­er­re­gung): Das System fährt hoch. Herz­ra­sen, innere Unruhe, Reiz­bar­keit, Overt­hin­king, Schlaf­pro­bleme. Alles fühlt sich „zu viel“ an, Klei­nig­kei­ten können große Reak­tio­nen auslö­sen.
  • Hypo­arou­sal (Unter­er­re­gung): Das System fährt runter. Leere, Taub­heit, Antriebs­lo­sig­keit, Abschal­ten. Du funk­tio­nierst viel­leicht noch, fühlst dich aber wie hinter einer Glas­scheibe oder „nicht rich­tig da“.

Verän­de­rung, die dauer­haft außer­halb deines Fens­ters statt­fin­det, fühlt sich selten nach gesun­dem Aufbruch an, sondern eher wie „ich halte das nicht lange durch“ oder „ich spüre mich gar nicht mehr“. Nerven­sys­tem­ge­rech­ter Wandel bedeu­tet: Wir gestal­ten Aufbruch so, dass er möglichst oft in deinem Window of Tole­rance statt­fin­det oder es behut­sam erwei­tert, statt dich stän­dig darüber hinauszupushen.³

 

Warum dein Fens­ter nicht wie das der ande­ren aussieht

Nicht alle star­ten mit dersel­ben inne­ren Basis, wenn es um Verän­de­rung geht. Manche Menschen haben ein rela­tiv brei­tes Window of Tole­rance: Sie können viele Reize, Unsi­cher­heit und Über­gänge gleich­zei­tig verar­bei­ten, ohne schnell in Über­er­re­gung oder Shut­down zu geraten.³

Für andere ist das Fens­ter enger. Nicht, weil sie „schwä­cher“ wären, sondern weil ihr Nerven­sys­tem mehr zu verar­bei­ten hat:⁴, ,

  • Neuro­di­ver­gente Menschen (zum Beispiel Autis­mus, ADHS, AuDHS, Hoch­sen­si­bi­li­tät, Hoch­be­ga­bung) berich­ten häufig, dass Reize, Über­gänge oder unklare Situa­tio­nen sie schnel­ler an ihren Rand brin­gen. Ein neuer Job, ein Team­wech­sel oder ein Umzug bedeu­ten für ihr System nicht nur „span­nend“, sondern auch: neue Geräu­sche, neue Routi­nen, neue soziale Codes.⁴
  • Menschen mit chro­ni­schen Erkran­kun­gen wie Migräne, MS oder ME/CFS und mit ande­ren neuro­di­ver­gen­ten Ausprä­gun­gen haben oft ein begrenz­tes Ener­gie­bud­get. Zu viel Akti­vi­tät oder Stress kann nicht nur anstren­gend sein, sondern auch Schübe oder Crashs trig­gern. Für sie ist Pacing, also das bewusste Eintei­len von Ener­gie, ein zentra­ler Schutzfaktor.⁷
  • Queere, FLINTA* und andere margi­na­li­sierte Menschen leben zusätz­lich mit Mino­rity Stress: dem dauer­haf­ten Druck, sich anzu­pas­sen, sich zu erklä­ren oder mit Diskri­mi­nie­rung zu rech­nen. Das Nerven­sys­tem ist dadurch oft schon in höhe­rer Alarm­be­reit­schaft, bevor über­haupt eine konkrete beruf­li­che Verän­de­rung ansteht.⁵

Wenn du dich hier wieder­fin­dest, ist dein Window of Tole­rance nicht „falsch“, sondern Ausdruck deiner Reali­tät. Nerven­sys­tem­ge­rech­ter Wandel heißt dann: Verän­de­rung so zu planen, dass deine Beson­der­hei­ten aktiv mitge­dacht werden, statt zu versu­chen, so zu funk­tio­nie­ren wie jemand, der ganz andere Start­be­din­gun­gen hat.⁴, , ⁶ 

Warum „Raus aus der Komfort­zone“ nicht die ganze Wahr­heit ist

Das klas­si­sche Komfort­zo­nen­mo­dell spricht von Komfort­zone, Lern- oder Wachs­tums­zone und Panik­zone. Oft wird es so kommu­ni­ziert: „Du kannst dich nur außer­halb deiner Komfort­zone weiter­ent­wi­ckeln!“ Der Fokus liegt dann stark auf Mut, Risiko und möglichst großen Sprüngen.⁸

Über­tra­gen auf das Window of Tole­rance wird das Bild komplexer:³

  • Deine Komfort­zone entspricht grob dem unte­ren Bereich deines Fens­ters: Routi­nen, Vertrau­tes, Sicher­heit. Hier kannst du auftan­ken, deine Ressour­cen sortie­ren, Stabi­li­tät erleben.³,
  • Die Wachs­tums­zone liegt eher am oberen Rand deines Fens­ters: mode­rate Akti­vie­rung, neue Erfah­run­gen, über­schau­bare Unsi­cher­heit. Hier wächst du an Heraus­for­de­run­gen, ohne dein System dauer­haft zu überziehen.³,
  • Die Panik­zone liegt außer­halb deines Fens­ters: Hyper- oder Hypo­arou­sal. Hier bist du nicht mehr wirk­lich lern- und hand­lungs­fä­hig, selbst wenn es von außen so aussieht, als würdest du performen.³

Für Menschen, deren System ohne­hin viel trägt, kann der Sprung, der für andere „nur“ Wachs­tums­zone ist, bereits Panik­zone sein.⁴, ,

Die Frage ist deshalb weni­ger: „Bin ich mutig genug, raus aus der Komfort­zone zu gehen?“ Sondern eher: „Wie kann ich so in Bewe­gung kommen, dass ich in meiner Wachs­tums­zone bleibe, statt in Über­for­de­rung oder Taub­heit zu rutschen?“

Coaching kann genau hier anset­zen: Dein persön­li­ches Window of Tole­rance sicht­bar machen, den Unter­schied zwischen Wachs­tums- und Panik­zone aufzei­gen und Aufbruchs­schritte so planen, dass sie wirk­lich inte­grier­bar sind.⁹, ¹⁰

 

Kleine Schritte, große Wirkung: Vier nerven­sys­tem­ge­rechte Stra­te­gien für Verän­de­rung

Verän­de­rung muss nicht hero­isch ausse­hen. Oft sind es kleine, gut geplante Schritte, die dein Nerven­sys­tem mitge­hen kann und die lang­fris­tig mehr bewir­ken als der große Sprung.⁷, ⁹ 

1. Mikro-Schritte statt Lebens-Reset

Wenn sich etwas nicht mehr stim­mig anfühlt, taucht schnell der Impuls auf, „alles hinzu­schmei­ßen“: Job kündi­gen, Bezie­hung been­den, umzie­hen. Manch­mal ist ein radi­ka­ler Schritt tatsäch­lich nötig. Häufig gibt es aber Zwischen­stu­fen, die dein System weni­ger über­for­dern und dir trotz­dem echte Verän­de­rung ermöglichen.⁹

Beispiele für Mikro-Schritte im Berufsalltag:⁹

  • Nicht direkt kündi­gen, sondern zunächst Arbeits­zeit, Aufga­ben oder Zustän­dig­kei­ten prüfen: Was könn­test du redu­zie­ren, dele­gie­ren oder anders prio­ri­sie­ren?
  • Nicht sofort den Bran­chen­wech­sel anvi­sie­ren, sondern erst einmal Infor­ma­ti­ons­ge­sprä­che, Hospi­ta­tio­nen oder ein klei­nes Projekt im gewünsch­ten Feld auspro­bie­ren.

Insbe­son­dere für Menschen mit sensi­blem Nerven­sys­tem können Mikro-Schritte der Unter­schied sein zwischen „mach­bar“ und „Crash“. Sie geben deinem System die Möglich­keit, neue Reize in deinem Tempo zu verar­bei­ten, statt alles auf einmal zu verlangen.⁴, ⁷ 

2. Pacing: Dein Ener­gie­bud­get bewusst eintei­len

Aus der Arbeit mit chro­ni­schen Erkran­kun­gen wie ME/CFS, Long Covid oder chro­ni­schen Schmer­zen kennen wir den Ansatz des Pacing: Ener­gie wird wie ein Budget behan­delt, das begrenzt ist und bewusst einge­teilt werden muss.⁷

Über­tra­gen auf beruf­li­che und persön­li­che Verän­de­rung kann das heißen:⁷

  • Du planst nicht jeden Tag bis zum Anschlag, sondern lässt bewusst Puffer für Unvor­her­ge­se­he­nes.
  • Du legst Zeiten fest, in denen du an deinem Aufbruch arbei­test (Bewer­bun­gen, Netz­werk, neue Projekte), und Zeiten, in denen du ganz bewusst nicht daran arbei­test, um dein System zu entlas­ten.

Gerade wenn du mit Care-Arbeit, Mental Load oder hoher emotio­na­ler Verant­wor­tung lebst, kann Pacing ein Schlüs­sel sein, um über­haupt Kapa­zi­tä­ten für Aufbruch zu gewin­nen, anstatt zu versu­chen, ihn irgendwo dazwi­schen zu quetschen.², ⁷ 

3. Rege­ne­ra­tion vor und nach Spit­zen­be­las­tun­gen einpla­nen

Viele Menschen denken Rege­ne­ra­tion erst dann mit, wenn es nicht mehr geht.¹ Nerven­sys­tem­ge­rech­ter Wandel denkt Erho­lung von Anfang an mit.³

Prak­tisch kann das heißen:³, ²

  • Wenn ein inten­si­ver Termin ansteht (zum Beispiel Entwick­lungs­ge­spräch, wich­ti­ges Meeting, Coming-out im Team, Arzt­ge­spräch), planst du bewusst leich­tere Aufga­ben vor und nach diesem Slot, statt direkt davor oder danach weitere „High-Stress“-Themen zu packen.
  • Als Führungs­kraft oder Unter­neh­men planst du Verän­de­rungs­pro­zesse nicht als Dauer­feuer, sondern baust bewusst Erho­lungs­pha­sen ein: zum Beispiel nach größe­ren Umstruk­tu­rie­run­gen, Projekt­spit­zen oder Kommunikationswellen.²

Gerade bei Menschen, deren System ohne­hin viel trägt, kann dieser bewusste Wech­sel zwischen Akti­vie­rung und Rege­ne­ra­tion den Unter­schied machen, ob Aufbruch trag­fä­hig ist oder in Erschöp­fung mündet.², ⁵ 

4. Sicher­heits­an­ker: Verän­de­rung mit Vertrau­ens­per­so­nen testen

Verän­de­rung fühlt sich oft siche­rer an, wenn wir sie nicht allein halten müssen. Für viele neuro­di­ver­gente, queere und gesell­schaft­lich mehr­fach­be­las­tete Menschen ist es zentral, Über­gänge zuerst in siche­ren Räumen zu testen: zum Beispiel im Coaching, in Peer-Grup­pen oder mit Menschen, bei denen sie nicht zusätz­lich leis­ten müssen, sich anzupassen.⁴,

Sicher­heits­an­ker können sein:³, ²

  • Perso­nen, mit denen du ehrlich darüber spre­chen kannst, was Verän­de­rung in dir auslöst, ohne dass du dich recht­fer­ti­gen musst, und Orte, an denen dein Nerven­sys­tem weni­ger Reizen ausge­setzt ist: ruhige Umge­bun­gen, klar struk­tu­rierte Settings, online statt vor Ort oder umge­kehrt.
  • Rituale, die dir helfen, nach Verän­de­rungs­schrit­ten wieder in dein Window of Tole­rance zurück­zu­fin­den: ein Spazier­gang, Musik, Atem­übun­gen, Schrei­ben oder einfach bewusst nichts tun.³

Coaching kann ein solcher Sicher­heits­an­ker sein: ein Raum, in dem Iden­ti­tät, Neuro­di­ver­si­tät, Care-Verant­wor­tung und Belas­tun­gen nicht ausge­blen­det, sondern bewusst einbe­zo­gen werden, und in dem du Aufbruchs­schritte in deinem Tempo planen und reflek­tie­ren kannst.⁹, ¹⁰ 

Aufbruch im Tempo deines Nerven­sys­tems

Viel­leicht spürst du schon länger, dass ein Aufbruch ansteht: beruf­lich, privat oder inner­lich. Das Bishe­rige trägt nicht mehr, aber der Gedanke an Verän­de­rung macht eher müde als euphorisch.¹,

Es geht nicht darum, dich mit ande­ren zu verglei­chen oder dich zu fragen, ob du „mutig genug“ bist. Es geht darum, dein Window of Tole­rance kennen­zu­ler­nen und deine nächs­ten Schritte so zu wählen, dass dein Nerven­sys­tem mitkommt.³

Welche kleine Verän­de­rung, ein Gespräch, eine Grenze, eine Entlas­tung, ein erster Schritt in eine neue Rich­tung, würde sich heute für dich mach­bar anfüh­len, wenn du dein eige­nes Tempo ernst nimmst?

Du inter­es­sierst dich für ein Coaching? Auf coachverzeichnis.com findest du passende Coaches, die dich bei deinem Aufbruch ressour­cen­ori­en­tiert beglei­ten. Weitere Infor­ma­tio­nen zu mir findest du auf meinem Profil oder auf hannahsophiewelte.de

Quel­len

  1. TK – Die Tech­ni­ker. Psychi­sche Belas­tung. https://www.tk.de/presse/mediathek/themen-gesundheitswesen/psychische-belastung-2171174tk
  2. O’Reilly D. Women’s well­be­ing and the burden of unpaid work. BMJ. 2021;374:n1972. https://www.bmj.com/content/374/bmj.n1972bmj
  3. Care Coun­seling. Under­stan­ding the Window of Tole­rance. https://carecounseling.healthcare/blog/understanding-the-window-of-tolerancecare­coun­seling
  4. Carmen­au­then­ti­cal­lyADHD. Big Life Chan­ges, Big Feelings: Why Tran­si­ti­ons Hit Neuro­di­ver­gent People Hard. https://carmenauthenticallyadhd.substack.com/p/big-life-changes-big-feelings-whycarmenauthenticallyadhd.substack
  5. Meyer IH. Mino­rity stress and psycho­lo­gi­cal well-being in queer popu­la­ti­ons. Curr Opin Psychol. 2024. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11544217/pmc.ncbi.nlm.nih
  6. Neuro­di­ver­gent Insights. Autism, ADHD, and Inte­ro­cep­tion Profiles. https://neurodivergentinsights.com/autism-adhd-interoception-profilesrula
  7. McCrone P et al. Adap­tive pacing, CBT, graded exer­cise and specia­list care for CFS: cost-effec­ti­ve­ness analy­sis. PLoS One. 2012;7(8):e40808. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3411573/pmc.ncbi.nlm.nih
  8. Schulaufsicht.de. Das Komfort­zo­nen­mo­dell. https://www.schulaufsicht.de/beitrag/das-komfortzonenmodell/schul­auf­sicht
  9. Land­sie­del Semi­nare. Soma­ti­sches Coaching: Eine Zusam­men­ar­beit von Körper und Geist. https://www.landsiedel-seminare.de/coaching-welt/wissen/coaching-methoden/somatisches-coaching.phpland­sie­del-semi­nare
  10. Coaching Focus. Coach’s Tool­kit: Adap­ting Stra­te­gies for Neuro­di­verse Clients. https://www.coaching-focus.com/blog/coachs-toolkit-adapting-strategies-for-neurodiverse-clients

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Hannah Sophie Welte
Hannah Sophie Welte
Busi­ness Coach, Trai­ne­rin und Bera­te­rin mit Spezia­li­sie­rung auf diver­si­täts­sen­si­bles Coaching und Stress­ma­nage­ment. Sie beglei­tet Menschen und Orga­ni­sa­tio­nen dabei, stress­för­dernde Struk­tu­ren aufzu­bre­chen und inklu­sive, authen­ti­sche Arbeits­kul­tu­ren zu gestal­ten – neuro­in­k­lu­siv, queer­freund­lich und werte­ori­en­tiert. Ihr Fokus liegt auf Stress­be­wäl­ti­gung, Resi­li­enz und Burn­out-Präven­tion, mit beson­de­rer Sensi­bi­li­tät für die Bedürf­nisse von FLINTA*, quee­ren und neuro­di­ver­gen­ten Perso­nen. Neben 1:1‑Coaching bietet sie Work­shops, Trai­nings und Inhouse-Programme für Unter­neh­men an.
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