Was Fami­li­en­un­ter­neh­men im Gene­ra­tio­nen­wech­sel von Simon Sinek lernen können

Ich sehe es in der Bera­tungs­pra­xis immer wieder, in unter­schied­li­chen Bran­chen, mit unter­schied­li­chen Fami­lien, aber demsel­ben Muster: Ein Unter­neh­men steckt mitten im Gene­ra­tio­nen­wech­sel. Die neue Führung ist einge­setzt, das Orga­ni­gramm ist aktua­li­siert, neue Titel sind verteilt. Und trotz­dem liegt auf den Fluren eine merk­wür­dige Unruhe. Niemand spricht es offen aus, aber alle spüren es: Die Struk­tur ist neu. Die Kommu­ni­ka­tion ist es nicht.

Genau hier liegt der Denk­feh­ler, an dem viele Über­ga­ben kran­ken. Man verän­dert das Was – Rollen, Zustän­dig­kei­ten, Berichts­wege. Man vergisst das Warum. Und ohne das Warum bleibt jede neue Struk­tur ein Kostüm ohne Figur dahin­ter.

Das Fens­ter, das sich nicht von allein schließt

Zwischen „alte Führung tritt ab” und „neue Führung ist etabliert” öffnet sich ein Zeit­fens­ter. Mitar­bei­tende erwar­ten in dieser Phase drei Dinge, oftmals unaus­ge­spro­chen, aber inner­lich sehr konkret:

Klar­heit über …

  • Führung
  • Stra­te­gie
  • die Rich­tung des Unter­neh­mens.

Bleibt diese Klar­heit aus, füllt jeder Einzelne die Lücke mit seiner eige­nen Erwar­tung. Was Wert­schät­zung bedeu­tet, was gutes Feed­back ist, wie viel Zuhö­ren zu guter Führung gehört – das defi­niert plötz­lich jede und jeder für sich. Ein Sprich­wort aus meiner rhei­ni­schen Heimat trifft es gut: „Jeder Jeck es anders” – jeder tickt ein biss­chen anders. Char­mant im Karne­val. Riskant in der Über­gangs­phase eines Unter­neh­mens, wenn aus vielen verschie­de­nen Erwar­tun­gen kein gemein­sa­mes Bild mehr entsteht.

Warum das Was nicht reicht

Der Autor und Spea­ker Simon Sinek hat für dieses Problem einen Satz geprägt, der längst zum Klas­si­ker der Führungs­li­te­ra­tur gewor­den ist: People don’t buy what you do, they buy why you do it. Menschen kaufen nicht, was man tut. Sie kaufen, warum man es tut. Sein Modell, der „Golden Circle”, unter­schei­det drei Ebenen: Was ein Unter­neh­men tut (die neue Posi­tion, der neue Titel), wie es das tut (Prozesse, Metho­den) und warum es das über­haupt tut – der Sinn, die Über­zeu­gung dahin­ter.

Die meis­ten Unter­neh­men kommu­ni­zie­ren von außen nach innen: erst das Was, viel­leicht noch das Wie. Das Warum fällt hinten runter, weil es unbe­quem ist. Es zwingt zur Selbst­aus­kunft. Sinek stützt sein Modell auch auf ein – zuge­ge­ben verein­fach­tes – neuro­wis­sen­schaft­li­ches Bild: Vertrauen und Entschei­dun­gen entstün­den weni­ger dort, wo wir Fakten verar­bei­ten, sondern dort, wo wir fühlen. Ob dieses Bild neuro­wis­sen­schaft­lich exakt ist, darüber strei­ten Fach­leute bis heute. Der psycho­lo­gi­sche Kern stimmt trotz­dem: Ein neuer Titel über­zeugt nieman­den. Eine glaub­wür­dige Antwort auf die Frage, warum die Verän­de­rung Sinn ergibt, schon.

Kommu­ni­ka­tion wird nicht ange­sagt, sie wird vorge­lebt

Der zweite Aha-Effekt stammt aus der Lern­psy­cho­lo­gie. Albert Bandura hat mit seinen Expe­ri­men­ten zum Beob­ach­tungs­ler­nen gezeigt, was jede Führungs­kraft im Grunde längst ahnt: Menschen über­neh­men Verhal­ten selte­ner, weil man es ihnen erklärt. Sie über­neh­men es, weil sie es vorge­lebt sehen.

Für einen Gene­ra­tio­nen­wech­sel heißt das: Kommu­ni­ka­ti­ons­kul­tur wird nicht in einem Work­shop verkün­det. Sie sickert von oben nach unten durchs Unter­neh­men. Wie sich die oberste Ebene verhält – offen oder auswei­chend, wert­schät­zend oder knapp –, genau so wird sich, mit etwas Verzö­ge­rung, jede weitere Ebene darun­ter verhal­ten. Ein Sprich­wort, das ich in Bera­tun­gen oft zitiere, weil es so schön unbe­quem ist: „Et hätt noch immer joot jejange” – es ist ja bisher immer gutge­gan­gen. Genau diese Haltung verhin­dert, dass eine neue Kultur über­haupt entste­hen darf. Sie vertei­digt die alte, ohne sie je infrage zu stel­len.

Klar­text mit sich selbst

Und damit zum eigent­li­chen Kern – dem Punkt, an dem die meis­ten Verän­de­rungs­pro­zesse entwe­der tragen oder kippen: Bevor eine Führungs­per­son andere über­zeu­gend mitneh­men kann, muss sie mit sich selbst Klar­text reden.

Der Psycho­the­ra­peut Carl Rogers nannte das „Kongru­enz” – die Über­ein­stim­mung zwischen dem, was jemand inner­lich denkt und fühlt, und dem, was er nach außen sagt und zeigt. Fehlt diese Über­ein­stim­mung, merken es Mitar­bei­tende, meist unbe­wusst, aber zuver­läs­sig. Man kann eine neue Kommu­ni­ka­ti­ons­kul­tur nicht über­zeu­gend ankün­di­gen, wenn man selbst noch nicht geklärt hat, warum man sie eigent­lich wie will. Der Wider­spruch zwischen Anspruch und eige­ner Unsi­cher­heit erzeugt beim Gegen­über genau das Stör­ge­fühl, das der Psycho­loge Leon Fest­in­ger als kogni­tive Disso­nanz beschrie­ben hat: Worte und Verhal­ten passen nicht zusam­men – also glaubt man dem Verhal­ten, nicht den Worten.

Deshalb beginnt eine gelin­gende Über­gabe fast nie im großen Work­shop mit der gesam­ten Beleg­schaft. Sie beginnt klei­ner, geschütz­ter – oft im Vier-Augen- oder Fami­li­en­kreis, mit der ehrli­chen Frage, warum man den Wech­sel eigent­lich voll­zie­hen will, was am Unter­neh­men bewahrt und was bewusst verän­dert werden soll. Erst wenn diese Antwort trägt, kann sie glaub­wür­dig weiter­ge­ge­ben werden: erst an die nächste Führungs­ebene, dann ins Team.

Fazit

Ein Gene­ra­tio­nen­wech­sel schei­tert selten an der Struk­tur. Er schei­tert an der Kommu­ni­ka­tion, die diese Struk­tur nicht mit Sinn füllt. Neue Titel. Altes Verhal­ten. Das merkt jeder im Unter­neh­men – meist schnel­ler, als es der neuen Führung lieb ist.

Wer die eigene Nach­folge, den eige­nen Wech­sel wirk­lich gestal­ten will, fängt deshalb nicht beim Orga­ni­gramm an. Sondern bei der eige­nen, ehrli­chen Antwort auf die Frage: Warum wollen wir das eigent­lich – und sind wir bereit, so zu leben, dass andere es uns auch glau­ben?

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Jens Klocke
Jens Klocke
Syste­mi­scher Coach, Change-Beglei­ter, Media­tor und Storytel­ler mit 30 Jahren Führungs­er­fah­rung – auch im inter­na­tio­na­len Kontext. Er arbei­tet unter ande­rem für die Haufe-Akade­mie und die TÜV NORD Akade­mie und ist Grimme-Dozent. Sein Fokus: Haltung – im Kopf und im Körper – mit dem Verständ­nis, dass Kommu­ni­ka­tion und Körper­spra­che keine Tools sind, sondern Ausdruck der inne­ren Einstel­lung.