Selbst­für­sorge und regel­mä­ßige Me-Time sind kein Luxus, sondern ein wich­ti­ger Baustein für psychi­sche und körper­li­che Gesund­heit. Trotz­dem fällt es vielen Menschen schwer, sich im Alltag bewusst Zeit dafür zu nehmen. Auf den ersten Blick ist das Problem klar: Zu wenig Zeit. Doch oft beginnt Selbst­für­sorge nicht im Kalen­der, sondern bei unse­ren inne­ren Über­zeu­gun­gen:  Ein voller Kalen­der ist manch­mal eher Ausdruck oder Folge inne­rer Über­zeu­gun­gen als Ursa­che für fehlende Me-Time.

Warum Tipps zur Selbst­für­sorge oft zu kurz grei­fen

Viele Menschen, die unter Stress stehen, bekom­men von ihrem Umfeld den gut gemein­ten Ratschlag: „Dann kümmer dich doch mal um dich selbst.“ Das Inter­net ist voll von Tipps zur Selbst­für­sorge. Also, wo ist das Problem?

Oft landen sie dann bei einem über­vol­len Kalen­der – und dem Gedan­ken: „Ich habe eben einfach keine Zeit.“ Das ist zunächst einmal nach­voll­zieh­bar. Lange Tage mit wenig Pausen, die Wochen­en­den verplant mit Fami­li­en­tref­fen oder ehren­amt­li­chem Enga­ge­ment. Das zeigt erst einmal: Menschen, denen Selbst­für­sorge schwer­fällt, tragen häufig unglaub­lich viel Verant­wor­tung. Im Job, für die Fami­lie, im Verein. Sie sind Stüt­zen unse­rer Gemein­schaft, leis­ten unglaub­lich wert­volle Arbeit und wirken oft wie der Kitt, der alles zusam­men­hält.

Gleich­zei­tig kommen sie dabei selbst etwas zu kurz. Häufig steckt hinter dem vollen Kalen­der mehr als ein Zeit­pro­blem. Darin spie­geln sich innere Über­zeu­gun­gen wider, die das eigene Verhal­ten unbe­wusst beein­flus­sen.

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Wie innere Über­zeu­gun­gen Selbst­für­sorge schwer machen

Innere Über­zeu­gun­gen bilden sich im Laufe unse­res Lebens aufgrund der Erfah­run­gen, die wir machen. Es handelt sich dabei um Annah­men über die Welt, andere Menschen oder über uns selbst. Viele dieser Über­zeu­gun­gen entste­hen bereits in der Kind­heit, etwa weil wir für bestimm­tes Verhal­ten Aner­ken­nung erhal­ten haben oder Stra­te­gien entwi­ckeln muss­ten, um mit schwie­ri­gen Situa­tio­nen umzu­ge­hen. Oft sind sie uns gar nicht bewusst – und genau deshalb fühlen wir uns wie fremd­ge­steu­ert, ohne genau benen­nen zu können, was in uns wirkt.

Im Modell der inne­ren Antrei­ber, das im Rahmen der Trans­ak­ti­ons­ana­lyse von Taibi Kahler entwi­ckelt wurde, werden fünf typi­sche innere Antrei­ber beschrie­ben. Einer davon lautet: „Mach es allen recht.” Menschen, die diesen Satz verin­ner­licht haben, tun sehr viel dafür, dass andere mit ihnen zufrie­den sind. Dabei werden eigene Bedürf­nisse oft zuguns­ten der Mitmen­schen zurück­ge­stellt. Wenn dieser Antrei­ber unbe­wusst wirkt, fällt es schwer, nein zu sagen, andere zu enttäu­schen oder auch Ableh­nung zu riskie­ren. Die Folge ist oft auch ein zu voller Kalen­der.

Eine solche Über­zeu­gung äußert sich typi­scher­weise auch in Gedan­ken wie:

  • “Ich möchte nieman­den enttäu­schen.”
  • „Die ande­ren brau­chen mich.”
  • “Ich kann doch jetzt nicht Nein sagen.”
  • “Erst wenn alles erle­digt ist, darf ich mich ausru­hen.”

Diese Gedan­ken wirken häufig auto­ma­tisch und werden deshalb selten hinter­fragt. Aus diesem Grund reicht der gute Vorsatz, sich mehr Zeit für sich zu nehmen, oft nicht aus.

Wie Selbst­für­sorge Schritt für Schritt gelin­gen kann

Was können wir also tun, wenn wir merken: Ich nehme mir vor, mich gut um mich selbst zu kümmern – aber irgend­wie fehlt mir dafür immer die Zeit?

Ein erster Schritt könnte Neugier sein. Neugier hilft dabei, sich selbst unvor­ein­ge­nom­men zu beob­ach­ten. Und das ist wich­tig – denn Selbst­kri­tik im Sinne von „Jetzt habe ich es wieder nicht geschafft, zum Yoga zu gehen.“ hilft nicht weiter. Im Gegen­teil, sie manö­vriert immer tiefer in das Gefühl, der Situa­tion hilf­los ausge­lie­fert zu sein, hinein.

Wenn wir dage­gen neugie­rig werden, können wir freund­li­cher mit uns spre­chen, z.B. „Ah, jetzt habe ich zuge­sagt, beim Vereins­fest zu helfen, obwohl ich eigent­lich viel lieber einen ruhi­gen Nach­mit­tag mit meinem Part­ner verbracht hätte. Wofür habe ich das getan?“

So erken­nen wir Schritt für Schritt, was wir mit unse­rem Verhal­ten eigent­lich errei­chen möch­ten. „Ah, ich wollte meine Vereins­freun­din nicht enttäu­schen.“ Dadurch entwi­ckeln wir mehr Verständ­nis für uns selbst – und genau darin liegt die Grund­lage für Verän­de­rung.

Denn mit Verständ­nis für uns selbst können wir uns in einem zwei­ten Schritt selbst mehr mitden­ken. In einer ähnlich gela­ger­ten Situa­tion merken wir schnel­ler: „Ich möchte XY nicht enttäu­schen, aber ich selbst will das eigent­lich gar nicht.“ Damit ist die unbe­wusste Über­zeu­gung ins Zentrum unse­rer Aufmerk­sam­keit gerückt und wir können üben, uns anders zu verhal­ten.

Hilf­reich für das neue Verhal­ten könnte dabei die Frage sein: Was würde ich mir gern erlau­ben? Im oben beschrie­be­nen Beispiel könnte das sein: Ich darf andere enttäu­schen. Oder: Ich darf Termine ableh­nen, wenn ich keine Lust dazu habe.

Wich­tig: Das neue Verhal­ten wird sich nicht sofort gut anfüh­len. Um alte Gewohn­hei­ten und Muster aufzu­lö­sen, braucht es viel Zeit und Geduld. Denn sie sind über Jahre entstan­den – und werden sich nicht über Nacht in Luft auflö­sen.

Selbst­für­sorge beginnt mit einem freund­li­che­ren Blick auf uns selbst

Selbst­für­sorge beginnt deshalb nicht unbe­dingt mit einem freien Abend im Kalen­der. Sondern mit einem freund­li­che­ren Blick auf uns selbst und dem Mut, unsere Bedürf­nisse genauso ernst zu nehmen wie die der Menschen, für die wir jeden Tag da sind.

Wenn es dir schwer­fällt, den eige­nen Mustern allein auf die Spur zu kommen oder neue Verhal­tens­wei­sen dauer­haft zu etablie­ren, kann die Beglei­tung durch einen quali­fi­zier­ten Coach hilf­reich sein. Bei hohem Leidens­druck oder psychi­schen Erkran­kun­gen ist psycho­the­ra­peu­ti­sche Unter­stüt­zung die passende Anlauf­stelle.

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Sarah Weller
Sarah Weller
Sarah ist Coach und Grün­de­rin von “Die Fika mit Sarah” – einem Coaching-Raum für Menschen, die viel Verant­wor­tung tragen und oft funk­tio­nie­ren, statt wirk­lich anzu­kom­men. Inspi­riert von der schwe­di­schen Fika-Tradi­tion, beglei­tet sie ihre Klient:innen lang­sam, wert­schät­zend und verbin­dend zurück zu mehr Klar­heit, Selbst­wirk­sam­keit – und einem stär­ke­ren Gefühl für sich selbst.