Oft wach­sen wir mit Mustern auf, die uns nicht immer posi­tiv prägen: Ein Zeug­nis mit einer Fünf in Mathe bekommt mehr Aufmerk­sam­keit als die Eins in Deutsch. Im Mitar­bei­ter­ge­spräch dreht sich ein Groß­teil der Zeit um „Entwick­lungs­fel­der”. Und wenn wir an uns selbst arbei­ten wollen, fragen wir meis­tens zuerst: Was stimmt nicht mit mir – und wie behebe ich es? Wir sind defi­zit­ori­en­tiert, leider.

Stär­ken­ar­beit dreht diese Logik um. Nicht, weil Schwä­chen unwich­tig wären, sondern weil die Forschung inzwi­schen sehr deut­lich zeigt: Menschen entwi­ckeln sich schnel­ler, gesün­der und nach­hal­ti­ger, wenn sie zuerst verste­hen, was in ihnen bereits gut funk­tio­niert. Wir lernen damit, genau das gezielt einzu­set­zen. Doch was genau ist Stär­ken­ar­beit eigent­lich?

Was ist Stär­ken­ar­beit eigent­lich genau?

Stär­ken­ar­beit hat ihre Wurzeln in der Posi­ti­ven Psycho­lo­gie, die Ende der 1990er-Jahre unter ande­rem von Martin Selig­man und Chris­to­pher Peter­son begrün­det wurde. Ihr Ausgangs­punkt war eine einfa­che, aber damals unge­wöhn­li­che Frage: Die Psycho­lo­gie weiß sehr viel darüber, was Menschen krank macht – aber was macht sie eigent­lich stark, resi­li­ent und zufrie­den?

Paral­lel dazu stellte der Gallup-Forscher Donald O. Clif­ton eine ganz ähnli­che Frage für die Arbeits­welt: Was würde passie­ren, wenn wir syste­ma­tisch unter­su­chen, was an Menschen bereits rich­tig gut ist, statt uns vor allem auf ihre Defi­zite zu konzen­trie­ren? Aus dieser Forschung entstand unter ande­rem das Clif­tonStrengths-Modell, eines von mehre­ren heute gebräuch­li­chen Stär­ken-Frame­works – neben etwa den 24 Charak­ter­stär­ken des VIA Insti­tute on Charac­ter, das einen eher tugend­ori­en­tier­ten Zugang wählt. Beide Ansätze eint dieselbe Grund­an­nahme: Mensch­li­che Entwick­lung gelingt besser, wenn sie an vorhan­de­nem Poten­zial ansetzt, statt ausschließ­lich an Defi­zi­ten.

Wich­tig ist dabei eine Unter­schei­dung, die im Alltag oft verschwimmt: Ein Talent ist eine natür­li­che Denk‑, Fühl- oder Verhal­tens­weise – etwas, das jeman­dem leicht­fällt, ohne dass er sich anstren­gen muss. Eine Stärke entsteht erst, wenn dieses Talent mit Wissen und geziel­ter Übung kombi­niert wird und dadurch zu konsis­tent nahezu fehler­freier Leis­tung in einem bestimm­ten Bereich führt. Talent ist also die Anlage, Stärke das Ergeb­nis von Talent plus Inves­ti­tion. Stär­ken­ar­beit setzt genau an dieser zwei­ten Stelle an: Sie macht sicht­bar, welche Talente jemand mitbringt, und hilft dabei, diese syste­ma­tisch auszu­bauen, statt sie dem Zufall zu über­las­sen.

Anzeige

Was die Forschung dazu sagt

Die These, dass sich Stär­ken­ori­en­tie­rung „lohnt”, ist keine reine Wohl­fühl­be­haup­tung. Gallup hat über Jahr­zehnte hinweg Millio­nen von Beschäf­tig­ten welt­weit befragt und ausge­wer­tet. Ein zentra­les Ergeb­nis: Menschen, die täglich die Gele­gen­heit haben, das zu tun, was sie am besten können, sind rund sechs­mal so wahr­schein­lich enga­giert bei der Arbeit wie Menschen, denen diese Gele­gen­heit fehlt. Wer regel­mä­ßig Feed­back zu seinen Stär­ken erhält, zeigt zudem eine um rund acht Prozent höhere Produk­ti­vi­tät.

Auch auf Orga­ni­sa­ti­ons­ebene berich­tet Gallup von deut­li­chen Effek­ten: Unter­neh­men, die Stär­ken­ori­en­tie­rung konse­quent in ihre Kultur inte­grie­ren, verzeich­nen unter ande­rem spür­bar höhere Umsätze, höhere Profi­ta­bi­li­tät und in Bran­chen mit hoher Fluk­tua­tion eine erheb­lich gerin­gere Kündi­gungs­rate. Diese Zahlen sollte man nicht unkri­tisch als Auto­ma­tis­mus verste­hen – sie stam­men aus Unter­neh­mens­kon­tex­ten, in denen Stär­ken­ori­en­tie­rung meist Teil eines größe­ren kultu­rel­len Wandels war. Als Indiz dafür, dass es sich lohnt, den Blick­win­kel zu verän­dern, sind sie aber bemer­kens­wert konsis­tent.

Auch aus der Grund­la­gen­for­schung gibt es Rücken­wind. Die Psycho­lo­gin Barbara Fred­rick­son zeigte mit ihrer „Broaden-and-Build”-Theorie, dass posi­tive Emotio­nen – wie sie typi­scher­weise entste­hen, wenn wir in unse­ren Stär­ken agie­ren – unse­ren Denk- und Hand­lungs­spiel­raum erwei­tern. Wir werden krea­ti­ver, offe­ner und belast­ba­rer, wenn wir uns in einem Zustand befin­den, den man umgangs­sprach­lich als „im Flow” oder „in seinem Element” beschrei­ben könnte. Genau diesen Zustand will Stär­ken­ar­beit gezielt häufi­ger erreich­bar machen – nicht als einma­li­ges Erleb­nis, sondern als wieder­keh­rende Erfah­rung im Alltag.

Stär­ken­ar­beit heißt nicht: Schwä­chen igno­rie­ren

Ein häufi­ges Miss­ver­ständ­nis muss unbe­dingt ausge­räumt werden: Stär­ken­ori­en­tie­rung bedeu­tet nicht, die Augen vor Schwie­rig­kei­ten zu verschlie­ßen oder blau­äu­gig zu behaup­ten, alles sei gut, solange man nur seine Stär­ken lebt. Auch stär­ken­ori­en­tierte Ansätze erken­nen an, dass es Berei­che gibt, in denen jemand nie bril­lie­ren wird – und manch­mal auch nicht muss.

Der Unter­schied liegt in der Stra­te­gie: Statt viel Ener­gie darauf zu verwen­den, aus einer abso­lu­ten Schwä­che eine (nicht zu errei­chende) Bril­lanz zu erzeu­gen, inves­tiert Stär­ken­ar­beit diese Ener­gie lieber darin, aus einer bereits guten Fähig­keit eine heraus­ra­gende zu machen und zudem für echte Schwach­stel­len prag­ma­ti­sche Lösun­gen zu finden. Das kann heißen: Aufga­ben im Team so vertei­len, dass sie zu den jewei­li­gen Stär­ken passen. Es kann auch heißen, bewusst mit jeman­dem zusam­men­zu­ar­bei­ten, der genau dort stark ist, wo man selbst es nicht ist, statt Jahre in das Aufho­len einer Schwä­che zu inves­tie­ren, die ohne­hin nie zur Spit­zen­leis­tung werden wird. Schwä­chen mana­gen, Stär­ken maxi­mie­ren – nicht umge­kehrt.

Anzeige

Die Kehr­seite: Wenn Stär­ken zu viel werden und in den Over­use gehen

Zu einer ehrli­chen Ausein­an­der­set­zung mit Stär­ken­ar­beit gehört auch ihre Schat­ten­seite. Jede Stärke kann, im Über­maß oder in der falschen Situa­tion einge­setzt, kippen. Ausge­präg­tes Verant­wor­tungs­be­wusst­sein beispiels­weise kann in chro­ni­sche Über­las­tung münden, wenn jemand nicht Nein sagen kann. Ein star­kes Harmo­nie­be­dürf­nis kann notwen­dige Konflikte verhin­dern, weil Reibung um jeden Preis vermie­den wird. Hoher Gestal­tungs­drang kann unge­dul­dig oder rück­sichts­los wirken, wenn andere nicht im glei­chen Tempo mithal­ten können oder wollen.

Gute Stär­ken­ar­beit blen­det diese Über­trei­bungs­mus­ter nicht aus, sondern macht sie bewusst – denn erst dieses Bewusst­sein erlaubt es, eine Stärke situa­tiv zu dosie­ren, statt ihr hilf­los ausge­lie­fert zu sein. Wer weiß, dass seine Gründ­lich­keit unter Zeit­druck in Perfek­tio­nis­mus kippen kann, kann gegen­steu­ern, bevor daraus ein Problem wird. Stär­ken­ar­beit ist kein Frei­brief liefert ein präzi­ses Voka­bu­lar dafür, wann genau eine an sich posi­tive Eigen­schaft anfängt, gegen einen selbst oder andere zu arbei­ten.

Wie Stär­ken­ar­beit in der Praxis aussieht

In der Coaching-Praxis läuft Stär­ken­ar­beit meist in mehre­ren Schrit­ten ab. Am Anfang steht das Bewusst­wer­den: Mithilfe struk­tu­rier­ter Verfah­ren wie den Clif­tonStrengths oder auch offe­ner, gesprächs­ba­sier­ter Refle­xion, wird sicht­bar, welche Talente jemand in sich trägt. Oft empfin­det die Person dies als „ganz normal” oder „nichts Beson­de­res”, weil der Einsatz dieser Stär­ken so leicht fällt. Genau das ist ein typi­sches Merk­mal für Stär­ken­ar­beit.

Darauf folgt das Verste­hen: Wie zeigen sich diese Talente konkret im Alltag? In welchen Situa­tio­nen tauchen sie hilf­reich auf, in welchen eher hinder­lich?

Erst nach diesem Verste­hen kommt das gezielte Anwen­den, indem jemand eine anste­hende Verän­de­rung, einen Konflikt oder eine Führungs­auf­gabe bewusst über seine ausge­präg­ten Stär­ken angeht.

Der letzte und oft unter­schätzte Schritt ist die Inte­gra­tion: Stär­ken­ar­beit entfal­tet ihre Wirkung nicht durch ein einma­li­ges „Aha” im Test­ergeb­nis, sondern dadurch, dass der neue Blick auf sich selbst zur Gewohn­heit wird. Der Blick durch die Stär­ken­brille schärft plötz­lich unsere Wahr­neh­mung im Feed­back­ge­spräch, in der Aufga­ben­ver­tei­lung oder in der eige­nen Selbst­re­fle­xion nach einem anstren­gen­den Tag.

Für wen lohnt sich das?

Stär­ken­ar­beit ist kein Instru­ment, das nur für eine bestimmte Ziel­gruppe funk­tio­niert. Für Menschen in beruf­li­chen oder priva­ten Umbruch­si­tua­tio­nen bietet sie einen stabi­len Ausgangs­punkt. Wer weiß, was ihn auszeich­net, kann sein Ziel oder seine Verän­de­rung bewuss­ter wählen.

Für Führungs­kräfte liefert Stär­ken­ar­beit ein Voka­bu­lar und eine Art Werk­zeug­kof­fer, um Teams nicht nur nach Funk­tion oder Verfüg­bar­keit, sondern nach tatsäch­li­chem Poten­zial einzu­set­zen. Und für Teams insge­samt schafft sie oft ein über­ra­schend einfa­ches, aber wirk­sa­mes Ergeb­nis: gegen­sei­ti­ges Verständ­nis dafür, warum Kolle­gin­nen und Kolle­gen bestimmte Dinge anders ange­hen. Manche Konflikte im Team lösen sich nicht durch bessere Kommu­ni­ka­ti­ons­tech­nik, sondern schlicht dadurch, dass sicht­bar wird: Hier tref­fen zwei unter­schied­li­che, aber jeweils wert­volle Arbeits­wei­sen aufein­an­der.

Häufige Fragen zur Stär­ken­ar­beit

Ist Stär­ken­ar­beit nur etwas für Führungs­kräfte? Nein. Die Methode stammt zwar teil­weise aus der Orga­ni­sa­ti­ons­for­schung, ist aber ebenso für Berufs­ein­stei­ger, Menschen im Umbruch oder Privat­per­so­nen rele­vant, die sich gene­rell besser verste­hen möch­ten.

Braucht man einen Test wie Clif­tonStrengths, um mit Stär­ken­ar­beit zu begin­nen? Ein struk­tu­rier­tes Verfah­ren erleich­tert den Einstieg, weil es blinde Flecken aufdeckt, die man selbst schwer erkennt. Zwin­gend notwen­dig ist es nicht: Auch gezielte Refle­xion, Feed­back von Vertrau­ens­per­so­nen oder die Frage „Wann habe ich mich zuletzt rich­tig im Flow und leben­dig gefühlt?” liefern brauch­bare Hinweise.

Wie unter­schei­det sich Stär­ken­ar­beit von reinem posi­ti­vem Denken? Posi­ti­ves Denken zielt vor allem auf die innere Haltung. Stär­ken­ar­beit ist konkre­ter: Sie iden­ti­fi­ziert spezi­fi­sche, wieder­keh­rende Verhal­tens- und Denk­mus­ter und macht sie gezielt nutz­bar – unab­hän­gig davon, ob man sich gerade opti­mis­tisch fühlt oder nicht.

Wie schnell zeigt sich eine Wirkung? Das erste Bewusst­wer­den passiert häufig im Coaching-Gespräch selbst. Die eigent­li­che Wirkung durch einen verän­der­ten Blick auf sich selbst im Alltag entsteht in der Regel über Wochen und Monate, in denen die neuen Erkennt­nisse wieder­holt ange­wen­det werden.

Fazit

Stär­ken­ar­beit ersetzt keine ehrli­che Ausein­an­der­set­zung mit den eige­nen Defi­zi­ten. Aber sie verschiebt eine Grund­an­nahme, mit der viele von uns aufge­wach­sen sind: dass Entwick­lung vor allem heißt, Fehler zu behe­ben und den Fokus auf ein Defi­zit zu rich­ten. Wer statt­des­sen durch die Stär­ken­brille schaut und versteht, was in ihm bereits gut ange­legt ist, kann wach­sen, findet Klar­heit und trifft damit in der Regel klarere Entschei­dun­gen.

Quel­len und weiter­füh­rende Hinweise

  1. Gallup, Inc.: Clif­tonStrengths – Forschungs­er­geb­nisse zu Enga­ge­ment und Produk­ti­vi­tät: https://www.gallup.com/cliftonstrengths/en/320447/say-success-strengths.aspx
  2. Peter­son, C. & Selig­man, M. E. P. (2004): Charac­ter Strengths and Virtues: A Hand­book and Clas­si­fi­ca­tion
  3. VIA Insti­tute on Charac­ter: https://www.viacharacter.org
  4. Fred­rick­son, B. L. (2001): The Role of Posi­tive Emoti­ons in Posi­tive Psycho­logy: The Broa­den-and-Build Theory of Posi­tive Emoti­ons, Ameri­can Psycho­lo­gist
  5. https://www.berg-stark.de

Meet the Coach

Alexandra Fleischer
Alex­an­dra Flei­scher
Alex­an­dra Flei­scher beglei­tet mit Berg­stark Einzel­per­so­nen und Führungs­kräfte im Stär­ken­coa­ching – persön­lich am Tegern­see oder online. Als zerti­fi­zierte Stär­ken­coach unter­stützt sie Menschen dabei, ihre natür­li­chen Talente zu erken­nen, ihre Stär­ken bewusst zu entwi­ckeln und diese gezielt in Alltag, Beruf und Führung einzu­set­zen – unter ande­rem auf Basis des CliftonStrengths®-Profils. Darüber hinaus bietet sie Stär­ken­work­shops für Teams, Erwach­sene sowie Kinder und Jugend­li­che an.