Warum wir Stress nicht mana­gen müssen – sondern verste­hen soll­ten

Das Stress was für Leis­tungs­schwa­che ist, haben wir bereits an ande­rer Stelle betrach­tet. Doch die gute Nach­richt: Damit wir nicht selbst der Gefahr ausge­setzt sind, Stress zu haben und als schwach zu gelten, gibt es Mittel und Wege.

 

TLDR? Bottom line up first!

  • Stress ist kein Gegner, sondern ein biolo­gi­sches Anpas­sungs­sys­tem.
  • Ob Stress uns stärkt oder schwächt, entschei­det sich nicht am Stres­sor, sondern an unse­rer Bewer­tung und unse­rer Bewäl­ti­gungs­fä­hig­keit.
  • Eu-Stress entsteht, wenn wir uns als hand­lungs­fä­hig erle­ben.
  • Dis-/Dys-Stress entsteht, wenn wir keine Stra­te­gie haben.
  • Moderne Stress­ma­nage­ment-Tools grei­fen zu kurz. Was wir brau­chen, ist ein syste­ma­ti­sches Aufräu­men der inne­ren Stres­so­ren – nicht noch ein Tool für unsere Samm­lung.
  • Hier geht’s noch­mal zu Teil I.

Key-Words: Stress, Stress­ma­nage­ment.

 

Stress ist nicht das Problem 

Wir spre­chen oft über Stress, als wäre er ein Fehler im System. Dabei ist Stress eines der ältes­ten und zuver­läs­sigs­ten Programme, die wir besit­zen. Ein biolo­gi­scher Mecha­nis­mus, der uns befä­higt, mit Anfor­de­run­gen umzu­ge­hen.  Stress ist weder gut noch schlecht. Er ist ein Zustand, oder eine Akti­vie­rung. Ein Hinweis darauf, dass etwas Bedeu­tung hat und Beach­tung verdient. Er wird erst dann zum Problem, wenn wir Stress nicht mehr einord­nen können oder zu lange igno­riert haben; wenn wir keine Stra­te­gie haben, um mit ihm umzu­ge­hen; wenn wir uns selbst nicht mehr als Gestal­ter erle­ben, sondern als Reagie­rende.

 

Stress entsteht nicht durch Reize – sondern durch Bewertung

Stress ist ein biolo­gi­scher und psycho­lo­gi­scher Zustand, der in vielen Fällen unver­meid­lich ist. Er ist die physisch-psychi­sche Reak­tion auf Stres­so­ren, also innere und äußere Reize oder Belas­tun­gen die auf uns einwir­ken.

Innere Stres­so­ren können Leis­tungs­druck, Perfek­tio­nis­mus, Konflikte in Bezie­hun­gen, Zeit-/Geld­man­gel, Mobbing, Verlust­angst usw. sein. Innere Stres­so­ren sind also auch Denk- und Verhal­tens­mus­ter.

Äußere Stres­so­ren können Hitze, Kälte, Lärm­pe­gel, Licht­ef­fekte sein. Stress wirkt auf uns als System ein und äußert sich physisch, psychisch und im Verhal­ten. Gegen äußere Stres­so­ren können wir nicht immer etwas unter­neh­men (wenn auch öfter als gedacht). Aber es trifft den Kern der Sache nicht ausschließ­lich im Außen nach einer Linde­rung des Stress-Empfin­dens zu suchen.

Das trans­ak­tio­nale Stress­mo­dell von Richard Laza­rus ist eines der weni­gen Modelle, das Stress wirk­lich erklärt, statt ihn nur zu beschrei­ben.  Es besagt, dass Stress aus der Bewer­tung eines Reizes entsteht und durch Maßnah­men des Indi­vi­du­ums (Coping) bewäl­tigt werden kann.

Er unter­schei­det zwei Bewer­tungs­pro­zesse:

Primäre Bewer­tung (primary apprai­sal)

Die primäre Bewer­tung geht der Frage nach: Ist das, was da auf mich zukommt …

  • irrele­vant
  • heraus­for­dernd
  • bedroh­lich

Diese Bewer­tung passiert oft schnel­ler, als wir bewusst denken können. Und da liegt schon ein beach­tens­wer­ter Hinweis: viele Bewer­tun­gen und deren Reak­tio­nen entzie­hen sich zunächst unse­rem bewuss­ten Zutun.

 

Sekun­däre Bewer­tung (secon­dary apprai­sal)

Die sekun­däre Bewer­tung geht der Frage nach: Habe ich die Ressour­cen, um damit umzu­ge­hen?

  • Kann ich handeln?
  • Habe ich Erfah­rung?
  • Habe ich Einfluss?
  • Habe ich Unter­stüt­zung?

Erst aus dem Zusam­men­spiel beider Bewer­tun­gen entsteht Stress – oder eben keiner.

Und genau hier entschei­det sich, ob wir Eustress oder Disstress erle­ben.

 

Eustress: Wenn Stress uns wachsen lässt

Eustress entsteht, wenn wir eine Heraus­for­de­rung sehen – und gleich­zei­tig das Gefühl haben, ihr gewach­sen zu sein.  Es ist der Moment, in dem wir spüren: „Das ist viel, aber ich kann das.“

Er entsteht, wenn wir eine adap­tive Bewäl­ti­gungs­stra­te­gie haben, eine, die trägt. Eine, die uns nicht betäubt, sondern stärkt. Adap­tiv heißt also in diesem Zusam­men­hang, dass die Bewäl­ti­gungs­stra­te­gie (Coping) tatsäch­lich zu Bewäl­ti­gung einer Anfor­de­rung, eines Stres­sors beiträgt.

Maladap­tiv wäre zwar auch eine Art mit Stress umzu­ge­hen, z.B. viel Koffein und Niko­tin zu konsu­mie­ren, um die Auswir­kun­gen des Stres­ses zu kontern. Aber diese Stra­te­gie trägt nicht zur Behe­bung bei, baut folg­lich keine Kompe­tenz auf und ist oben­drein ein weite­rer Stres­sor, keine Entlas­tung. Eustress hinge­gen baut mit den rich­ti­gen Bewäl­ti­gungs­stra­te­gien Selbst­wirk­sam­keit auf. Selbst­wirk­sam­keit baut Kompe­tenz auf. Kompe­tenz baut Vertrauen auf – in uns selbst und in unsere Fähig­keit, zukünf­tige Heraus­for­de­run­gen zu meis­tern.

 

Disstress: Wenn Stress seine Richtung verliert

Disstress entsteht, wenn wir eine Situa­tion als bedroh­lich bewer­ten – und gleich­zei­tig keine Stra­te­gie sehen, um damit umzu­ge­hen.  Dann kippt Akti­vie­rung in Ohnmacht.  Wer sich ohn-mäch­tig erlebt bekommt Angst, denn Macht­lo­sig­keit oder Kontroll­ver­lust wider­spre­chen einem unse­rer  funda­men­tals­ten mensch­li­chen Bedürf­nisse: Sicher­heit und Kontrolle. Wenn wir darum ringen, gegen einen als bedroh­lich wahr-genom­men äuße­ren oder inne­ren Reiz anzu­kämp­fen, dann verbrau­chen wir viele Ressour­cen. Dann wird Belas­tung zu Erschöp­fung. Disstress ist kein Zeichen mangeln­der Stärke.  Er ist ein Zeichen fehlen­der Regu­la­ti­ons­mög­lich­kei­ten.

 

Und er zeigt sich über­all, z.B.:

  • Schlaf, der nicht mehr erhol­sam ist
  • innere Unruhe, die nicht mehr weggeht
  • Haut, die reagiert
  • Emotio­nen, die stumpf werden
  • Bezie­hun­gen, die brüchig werden

 

Disstress ist das Ergeb­nis eines Systems, das zu lange ohne Ausgleich läuft.

 

Die leisen Stressoren: Das, was wir nicht sehen – aber täglich spüren

Die gefähr­lichs­ten Stres­so­ren sind nicht die lauten.  Es sind die leisen. Die alten, die subti­len. Die, die meis­ten Menschen lieber nicht ange­hen, weil man sie ja „nicht sieht“, wir aber in jede Situa­tion unse­res Lebens mit hinein­tra­gen, in der wir selbst sind. Z.B.:

  • Die elter­li­chen Erwar­tun­gen aus der Kind­heit, die wir nie hinter­fragt haben.
  • Der Perfek­tio­nis­mus, der uns antreibt und gleich­zei­tig auffrisst.
  • Die Rollen­bil­der, die wir erfül­len wollen, ohne zu merken, dass sie uns nicht gehö­ren.
  • Die inne­ren Konflikte, die wir seit Jahren igno­rie­ren.
  • Die Über­las­tung, die wir als „normal“ abge­spei­chert haben.

 

Diese Stres­so­ren wirken im Hinter­grund. Sie sind wie ein Fass, das sich lang­sam füllt. Und wenn dann ein äuße­rer Stres­sor dazu­kommt, reicht ein Trop­fen – und alles läuft über.

 

Burnout hinter einer Maske an Fröhlichkeit
Innere Stres­so­ren lassen sich einfach hinter Schutz-Masken verber­gen

Warum viele Stressmanagement-Tipps scheitern

Viele Tools sind gut gemeint – aber sie grei­fen zu kurz.  Atem­übun­gen, kurze Pausen, Acht­sam­keit: alles sinn­voll und wirk­sam!  Aber in vielen Fällen sind sie ein Pflas­ter auf eine offene Wunde. Denn Stress entsteht nicht allein durch Reize. Er entsteht durch unsere Bewer­tung. Und unsere Bewer­tung entsteht aus unse­ren Erfah­run­gen, Mustern, Über­zeu­gun­gen. Wenn wir diese Ebene nicht ange­hen, wird Stress selbst erhal­tend, schnell chro­nisch und dann wird jede Tech­nik zur Kompen­sa­tion – nicht zur Lösung.

 

Moderne Stressoren: Wir sind oft selbst die Quelle

Viele Belas­tun­gen des moder­nen Lebens sind selbst­ge­macht.  Nicht, weil wir „schuld“ sind, sondern weil wir uns in Routi­nen einge­rich­tet haben, die uns scha­den:

  • stän­dige Erreich­bar­keit
  • Social-Media-Dauer­be­schal­lung
  • Präsen­tis­mus
  • das Gefühl, immer „on“ sein zu müssen

Niemand zwingt uns dazu.  Wir entschei­den uns – bewusst oder unbe­wusst – für Ablen­kung statt Ausein­an­der­set­zung, für Betäu­bung statt Bewäl­ti­gung. Die inne­ren Stres­so­ren blei­ben.  Wir haben nur gelernt, sie zu über­tö­nen.

 

Wie wir Stress sinnvoll nutzen könnten

Hans Selyes Modell des Allge­mei­nen Adapt­a­ti­ons­syn­droms beschreibt, wie unser Körper auf Belas­tung reagiert:

 

  1. Alarm­phase – Akti­vie­rung, Stress­hor­mone, Fokus
  2. Wider­stands­phase– Versuch, wieder ins Gleich­ge­wicht zu kommen
  3. Erschöp­fungs­phase – wenn Belas­tung zu lange anhält

 

Je länger wir in Phase 1 und 2 blei­ben, desto mehr Erho­lung braucht unser System, um wieder auszu­pen­deln und nicht in Phase 3 abzu­rut­schen… Wie schön wäre es, wenn wir einen ausge­wo­ge­nen und stär­ken­den Umgang mit Stress aufneh­men könn­ten?

 

FLOW – die optimale Zone zwischen Koma und Überdrehen

Was jeder gute Lern­be­glei­ter, ob Eltern, Lehrer, Trai­ner, Coach oder Thera­peut weiß: neue Erfah­run­gen lernen wir nicht auf einmal. Einen Berg­marsch unter­tei­len wir in Etap­pen, einen Mara­thon müssen wir durch wochen­lan­ges Trai­ning vorbe­rei­ten, Schrei­ben lernen wir durch das anfäng­li­che Nach­ma­len von einzel­nen Buch­sta­ben. Auch das alte Yerkes-Dodson-Gesetz zeigt:  Leis­tung entsteht in einer Zone zwischen Unter­for­de­rung und Über­for­de­rung.

Unsere optimale Leistungsfähigkeit liegt zwischen Unterforderung und Überforderung, in Anlehnung an das Jerkes-Dodsen-Gesetz
Unsere opti­male Leis­tungs­fä­hig­keit liegt zwischen Unter­for­de­rung und Über­for­de­rung, in Anleh­nung an das Jerkes-Dodsen-Gesetz

 

Zu wenig Akti­vie­rung → wir kommen nicht in Gang. 

Zu viel Akti­vie­rung → wir verlie­ren den Über­blick. 

 

Dazwi­schen liegt die Zone, in der wir wach­sen und unser volles Poten­zial zur Wirkung brin­gen können.

 

Oder salopp gesagt:  Zwischen „Koma“ und „komplet­ter Reiz­über­flu­tung“ liegt der Bereich, in dem wir unser Leis­tungs-Poten­zial abru­fen.

Diesen Bereich zwischen Unter­for­de­rung und Über­for­de­rung ist der beste Weg etwas zu lernen. Wir nennen Tätig­kei­ten, in denen wir genug Akti­vie­rung haben uns voll und ganz einer Sache hinzu­ge­ben und mit der Tätig­keit verschmel­zen – FLOW. Dieser Zustand, benannt nach dem Ungarn Mihály Csíks­zent­mi­há­lyi, ist bestens geeig­net um Selbst­wirk­sam­keit, Selbst­ver­trauen und Selbst­be­wusst­sein zu fördern. Der FLOW-Bereich sollte also von uns in möglichst vielen Tätig­kei­ten forciert werden, da er die opti­male Leis­tung fördert. Ein Umstand der in vielen Beru­fen oder leider oft auch in der Schule immer noch unbe­kannt zu sein scheint: sinn­ent­leerte Tätig­kei­ten, die entwe­der Desin­ter­esse, Apathie oder Bore­out fördern – oder völlig über­la­dene Arbeits­um­ge­bun­gen, deren Work-Pensum zu Burn­out führt.

 

Take-Away: Aufräumen statt Tool-Sammlung

Wir brau­chen kein weite­res Stress­ma­nage­ment-Tool für die Acht­sam­keits-Praxis. Wir brau­chen Klar­heit.

Stress sinn­voll nutzen bedeu­tet:

  • die eige­nen Bewer­tun­gen verste­hen (Laza­rus)
  • innere Stres­so­ren iden­ti­fi­zie­ren
  • alte Muster aufräu­men
  • adap­tive Coping­stra­te­gien entwi­ckeln
  • Erho­lung ernst nehmen
  • bewusste Entschei­dun­gen tref­fen
  • Selbst­wirk­sam­keit stär­ken

 

Stress verschwin­det nicht.  Aber wir können lernen, ihn zu gestal­ten – statt von ihm gestal­tet zu werden. Nicht mehr Tools sind entschei­dend, sondern mehr Aufräu­men, mehr Bewusst­heit, mehr Selbst­füh­rung.

 

Inter­esse oder gar Emotio­nen geweckt? Gut so! Lassen Sie uns spre­chen und schrei­ben Sie mir eine direkte und konstruk­tive Nach­richt.

 

Weiterführende Literatur

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