Acht­sam­keit gehört zu den meist­ge­brauch­ten Begrif­fen der letz­ten Jahre – und zu den am wenigs­ten präzise verstan­de­nen. Oft wird sie mit Medi­ta­tion gleich­ge­setzt, mit Sitzen in der Stille oder mit dem bewuss­ten Ausblen­den von Gedan­ken. Dabei braucht es für Acht­sam­keit nichts Gros­ses: Sie lässt sich einfach und wirkungs­voll in den Alltag einbauen.

Was Acht­sam­keit bedeu­tet

Acht­sam­keit ist die Fähig­keit, den gegen­wär­ti­gen Moment wahr­zu­neh­men, ohne ihn sofort zu bewer­ten oder zu verän­dern. Das schliesst Gedan­ken, Gefühle und körper­li­che Empfin­dun­gen ein, genauso wie das, was um uns herum geschieht.

Diese Defi­ni­tion geht wesent­lich auf den Mole­ku­lar­bio­lo­gen Jon Kabat-Zinn zurück, der Acht­sam­keit Ende der 1970er-Jahre an der Univer­sity of Massa­chu­setts Medi­cal School wissen­schaft­lich in die Medi­zin inte­grierte. Sein Programm «Mindful­ness-Based Stress Reduc­tion» (MBSR) gilt bis heute als eine der am besten erforsch­ten Formen der Acht­sam­keits­pra­xis und wird welt­weit in Klini­ken, Schu­len und Unter­neh­men einge­setzt.

Wich­tig ist dabei die Unter­schei­dung zu einem verbrei­te­ten Miss­ver­ständ­nis: Acht­sam­keit bedeu­tet nicht, keine Gedan­ken mehr zu haben oder stän­dig ruhig zu sein. Gedan­ken tauchen weiter­hin auf, Gefühle blei­ben da. Acht­sam­keit verän­dert nicht, was auftaucht, sondern wie wir uns dazu verhal­ten. Statt auto­ma­tisch zu reagie­ren, entsteht ein kurzer Zwischen­raum, in dem wir spüren, was gerade ist, bevor wir handeln.

Was sich dadurch verän­dert

Wer Acht­sam­keit regel­mäs­sig übt, bemerkt meist zuerst eine Verän­de­rung im Umgang mit den eige­nen Gedan­ken. Grübel­schlei­fen werden früher erkannt. Das heisst nicht, dass sie verschwin­den – aber wir nehmen sie schnel­ler wahr und können uns eher entschei­den, ob wir ihnen folgen wollen.

Auch im Umgang mit Stress zeigt sich ein Unter­schied. Die auslö­sende Situa­tion bleibt dieselbe, doch die Reak­tion darauf verän­dert sich: Wir reagie­ren weni­ger impul­siv und finden schnel­ler zurück zu einem klaren Kopf.

Diesen Effekt hat unter ande­rem die Neuro­wis­sen­schaft­le­rin Sara Lazar mit ihrem Team an der Harvard Medi­cal School unter­sucht. In einer viel­be­ach­te­ten Studie zeigte sich bereits nach acht Wochen regel­mäs­si­ger Acht­sam­keits­pra­xis eine mess­bare Verän­de­rung im Gehirn – unter ande­rem in der Amyg­dala, die für Stress­re­ak­tio­nen zustän­dig ist – beglei­tet von einem spür­bar gerin­ge­ren Stres­ser­le­ben der Teil­neh­men­den.

Ein drit­ter Effekt betrifft die Wahr­neh­mung selbst: Alltäg­li­che Momente – ein Gespräch, ein Spazier­gang, eine Mahl­zeit – werden inten­si­ver erlebt, weil wir selte­ner im Auto­pi­lot unter­wegs sind. Nicht weil sich diese Momente verän­dern, sondern weil wir öfter tatsäch­lich dabei sind.

Drei einfa­che Übun­gen für den Alltag

Acht­sam­keit erfor­dert keine beson­dere Umge­bung und keine Vorkennt­nisse. Diese drei Übun­gen lassen sich in bestehende Routi­nen einbauen:

Der eine Atem­zug. Bevor du eine E‑Mail öffnest, das Tele­fon abnimmst oder einen Raum betrittst, nimm einen Atem­zug, den du bewusst spürst. Diese kurze Pause reicht aus, um vom Auto­pi­lot in den gegen­wär­ti­gen Moment zu wech­seln.

Ein Sinn, ganz genau. Wähle eine alltäg­li­che Tätig­keit – Kaffee trin­ken, Hände waschen, Trep­pen stei­gen – und richte deine Aufmerk­sam­keit für die Dauer dieser Tätig­keit auf einen einzi­gen Sinn: Was riechst, hörst oder spürst du genau in diesem Moment?

Die Drei-Fragen-Pause. Halte ein- bis zwei­mal am Tag kurz inne und frage dich: Was nehme ich gerade wahr? Was denke ich gerade? Was fühle ich gerade? Es braucht keine perfekte Antwort – das Inne­hal­ten allein reicht.

Und gerade jetzt könn­test du dich fragen: In welchen Momen­ten bist du eigent­lich bereits ganz da?

Meet the Coach

Sue Oehler
Sue Oehler
Zert. Life & Busi­ness Master­coach, für Einzel­per­so­nen und Teams, mit dem Fokus auf innere Klar­heit, Selbst­ver­ant­wor­tung und nach­hal­tige Zufrie­den­heit. Im Coaching beglei­tet sie Menschen in beruf­li­chen und persön­li­chen Über­gangs­pha­sen dabei, inne­zu­hal­ten, sich zu orien­tie­ren und Verän­de­run­gen aus einer klaren, selbst­wirk­sa­men Haltung heraus zu begeg­nen – ohne schnelle Lösun­gen, dafür nach­hal­tig mit Präsenz und Tiefe.