Wer sich fragt, wie er oder sie mehr Work-Life-Balance in den Alltag bringt, bekommt früher oder später densel­ben Ratschlag: Setz Gren­zen. Lern Nein zu sagen. Schütz deine Zeit.

Klingt einleuch­tend. Und trotz­dem: Du nimmst dir vor, beim nächs­ten Mal Nein zu sagen. Du weisst genau, dass du eigent­lich schon zu viel trägst. Und sagst wieder Ja — und fragst dich im Nach­hin­ein, wie das schon wieder passie­ren konnte.

Du bist damit nicht allein. Und du brauchst auch keine bessere Tech­nik.

Wer nach Ratschlä­gen sucht, wie er oder sie Gren­zen setzen soll, stösst schnell auf Formeln: Sag klar, was du brauchst. Kommu­ni­ziere direkt. Bleib bei deinem Nein. Das alles klingt logisch — und schei­tert trotz­dem zuver­läs­sig. Nicht weil die Menschen, die es versu­chen, zu schwach wären. Sondern weil sich etwas Tiefe­res dage­gen­stemmt.

Gren­zen setzen ist weni­ger eine Frage der rich­ti­gen Worte als eine Frage dessen, was wir im Inne­ren für möglich halten.

Was uns wirk­lich im Weg steht

Stell dir vor, jemand fragt dich um einen Gefal­len — obwohl du eigent­lich deine Ener­gie bereits aufge­braucht hast. Noch bevor du antwor­test, läuft im Hinter­grund etwas ab, das sich kaum in Worte fassen lässt. Eine leise Anspan­nung. Das Gefühl, dass ein Nein schwer zu recht­fer­ti­gen wäre. Die Sorge, wie die andere Person reagie­ren könnte.

Das ist keine Schwä­che. Das sind gelernte Muster — Über­zeu­gun­gen, die sich über Jahre gebil­det haben und die wir oft gar nicht als solche erken­nen. Glau­bens­sätze wie Ich darf andere nicht enttäu­schen oder Wenn ich Nein sage, verliere ich die Zunei­gung des ande­ren operie­ren unbe­wusst im Hinter­grund, so dass wir sie gar nicht wie Gedan­ken wahr­neh­men, sondern maxi­mal als vages Gefühl.

Und auf dieses vage Gefühl reagie­ren wir — nicht auf die Situa­tion, die tatsäch­lich vor uns liegt.

People-Plea­sing ist keine Charak­ter­schwä­che

Viele Menschen, die sich schwer­tun, Gren­zen zu setzen, beschrei­ben sich selbst als zu nett, zu nach­gie­big, zu konflikt­scheu. Als ob das ein Persön­lich­keits­man­gel wäre, den man mit etwas mehr Rück­grat behe­ben könnte.

Doch meis­tens ist People-Plea­sing eine Stra­te­gie, die irgend­wann funk­tio­niert hat. Als Kind, als junger Mensch, in einer Umge­bung, in der Harmo­nie wich­tig war — oder in der die eige­nen Bedürf­nisse tatsäch­lich nicht sicher geäus­sert werden konn­ten. Das Muster hat sich bewährt. Es hat Konflikte verhin­dert, Nähe ermög­licht, Sicher­heit geschaf­fen.

Das Problem ist: Was einmal gehol­fen hat, schränkt uns später ein. Der Körper und das Gefühls­sys­tem merken sich, was funk­tio­niert hat — und grei­fen darauf zurück, auch wenn die Situa­tion längst eine andere ist.

Echte Verän­de­rung beginnt nicht mit Tech­ni­ken, sondern mit Verständ­nis. Mit der Frage: Was schützt dieses Muster bei mir? Wann war es nütz­lich? Was wäre für mich verlo­ren, wenn ich anfinge, anders zu handeln?

Die Lücke zwischen Wissen und Tun

Die meis­ten Menschen, die sich Unter­stüt­zung beim Thema Gren­zen suchen, wissen bereits auf einer ratio­na­len Ebene, dass sie zu viel über­neh­men. Sie sehen es. Sie analy­sie­ren es. Und sie tun es trotz­dem wieder.

Das liegt nicht an fehlen­dem Willen. Es liegt daran, dass Wissen und Erle­ben zwei verschie­dene Ebenen sind. Wir können etwas verste­hen, ohne es wirk­lich erlebt zu haben. Und unser Handeln folgt dem Erleb­ten — nicht dem Gedach­ten.

Deshalb ist die Arbeit an Gren­zen so oft eine Arbeit nach innen. Es geht darum, sich selbst genauer kennen­zu­ler­nen. Wahr­zu­neh­men, was in dem Moment passiert, bevor man wieder Ja sagt. Was man fühlt. Was man befürch­tet. Und ob diese Befürch­tung heute noch stimmt.

Das ist ein Prozess — ruhig, manch­mal unbe­quem, und auf seine eigene Art sehr wirkungs­voll.

Gren­zen als Ausdruck von Selbst­kennt­nis

Wenn Menschen anfan­gen, klarer zu werden — über ihre Werte, ihre Bedürf­nisse, über das, was ihnen wirk­lich wich­tig ist —, verän­dert sich auch ihr Verhält­nis zu Gren­zen. Nicht weil sie jetzt besser darin sind, Nein zu sagen. Sondern weil das Nein aus dem Innen heraus­kommt, aus dem, was sie trägt.

Eine Grenze, die dank inne­rer Klar­heit gesetzt wird, braucht keine Recht­fer­ti­gung. Sie muss nicht erklärt, vertei­digt oder entschul­digt werden. Sie entsteht aus dem Wissen: Das bin ich. Das brau­che ich. Das ist mir wich­tig.

Das fühlt sich anders an als ein Nein, das man sich abringt — und über das man sich danach stun­den­lang Gedan­ken macht.

Work-Life-Balance ist letzt­lich auch eine Frage davon, wie gut wir uns selbst kennen. Nicht als Konzept, sondern als gelebte Wirk­lich­keit: Was belebt mich? Was zehrt mich aus? Und was halte ich schon lange für selbst­ver­ständ­lich, weil ich nie gelernt habe, es in Frage zu stel­len?

Impulse zum Inne­hal­ten

  1. Welches Ja hast du zuletzt gege­ben, das sich eigent­lich nach Nein ange­fühlt hat — und was hat dich dazu gebracht, dennoch zuzu­stim­men?
  2. Wenn du in einer Situa­tion, in der du Nein sagen möch­test, kurz inne­hältst: Was genau befürch­test du? Und ist das heute noch so gültig­wie es sich anfühlt?
  3. Gibt es einen Glau­bens­satz, der dir vertraut klingt — wie Ich darf andere nicht belas­ten oder Ich muss erreich­bar sein? Woher könnte er stam­men?
  4. Was wäre anders in deinem Alltag, wenn du deine eige­nen Bedürf­nisse so ernst nehmen würdest wie die der Menschen um dich herum?
  5. Gibt es einen klei­nen Bereich in deinem Leben, in dem du gerade eine Grenze spürst, aber noch zögerst, sie zu zeigen? Was bräuch­test du, um das zu wagen?

Meet the Coach

Sue Oehler
Sue Oehler
Zert. Life & Busi­ness Master­coach, für Einzel­per­so­nen und Teams, mit dem Fokus auf innere Klar­heit, Selbst­ver­ant­wor­tung und nach­hal­tige Zufrie­den­heit. Im Coaching beglei­tet sie Menschen in beruf­li­chen und persön­li­chen Über­gangs­pha­sen dabei, inne­zu­hal­ten, sich zu orien­tie­ren und Verän­de­run­gen aus einer klaren, selbst­wirk­sa­men Haltung heraus zu begeg­nen – ohne schnelle Lösun­gen, dafür nach­hal­tig mit Präsenz und Tiefe.
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