Über Sinn, Erfül­lung und die leise Radi­ka­li­tät der Heldin­nen­reise

Es sind nicht die großen Entschei­dun­gen, die alles verän­dern. Sondern diese leisen Verschie­bun­gen, in denen etwas, das lange getra­gen hat, plötz­lich nicht mehr antwor­tet.

Kein Bruch.
Kein klares Nein.

Nur ein Moment,
in dem man inne­hält – und sich selbst nicht mehr ganz glaubt.

Wir spre­chen oft von Sinn, als wäre er etwas, das gefun­den werden kann.

Ein Ziel.
Ein Ort.
Eine rich­tige Entschei­dung.

Aber Sinn beginnt woan­ders.

Nicht dort, wo wir suchen.
Sondern dort, wo etwas nicht mehr über­gan­gen werden kann.

Die Heldin­nen­reise beginnt nicht mit Aufbruch.

Sie beginnt mit einer Irri­ta­tion,
die sich nicht mehr glät­ten lässt.

Mit dem Gefühl, dass das eigene Leben noch funk­tio­niert –
aber nicht mehr voll­stän­dig trägt.

Dass die Rolle stimmt.
Aber die Reso­nanz leiser wird.

Erste Szene.

Ein Raum, den sie kennt.
Ein Gespräch, das sie führen kann.

Die Sätze sitzen.
Alles ist rich­tig.

Und doch gibt es diesen einen Moment,
kaum länger als ein Atem­zug,
in dem sich etwas verschiebt.

Der Satz, den sie sagt, ist präzise.

Aber er gehört ihr nicht mehr.

Was hier sicht­bar wird, ist kein Mangel an Klar­heit. Es ist ein Bruch in der Passung.

Hier lässt sich – leise – der Gedanke von Pierre Bour­dieu mitle­sen:
Wir bewe­gen uns in Struk­tu­ren, die sich rich­tig anfüh­len, weil wir sie gelernt haben.

Und genau darin liegt ihre Kraft – und ihre Grenze.

Denn sie tragen uns auch dort noch,
wo wir uns längst nicht mehr entspre­chen.

Die nahe­lie­gende Antwort darauf ist Verän­de­rung.

Neu entschei­den.
Neu ausrich­ten.
Neu werden.

Doch auch das bleibt oft an der Ober­flä­che.

Denn es verän­dert das Tun –
nicht unbe­dingt die Bezie­hung zu sich selbst.

Das erklärt auch, warum Coaching genau hier ansetzt.

Nicht als Opti­mie­rungs­for­mat.
Sondern als Gegen­raum zur Logik von Funk­tio­nie­ren –
ein Raum, in dem Wahr­neh­mung wieder möglich wird.

Die eigent­li­che Verschie­bung beginnt leiser.

Nicht im Entschei­den.
Sondern im Wahr­neh­men.

Zweite Szene.

Kein beson­de­rer Moment.
Kein sicht­ba­rer Wende­punkt.

Nur ein Inne­hal­ten.

Und da ist dieses Wissen,
das sich nicht mehr erklä­ren lässt:

So geht es nicht weiter.

Nicht aus Angst.
Nicht aus Zwei­fel.

Sondern aus Stim­mig­keit.

In moder­nen Gesell­schaf­ten ist das schwer zu grei­fen.

Denn Sinn ist kein Verspre­chen mehr.
Er muss herge­stellt werden.

Wie es etwa bei Niklas Luhmann ange­legt ist:
Wir wählen, entschei­den, gestal­ten –
und stehen gleich­zei­tig vor unend­li­chen Möglich­kei­ten.

Was wie Frei­heit wirkt,
kann zur Über­for­de­rung werden.

Und genau deshalb über­ge­hen wir oft das, was keine Begrün­dung braucht.

Das, was einfach da ist.

Man könnte es die Löwin nennen.

Nicht als Figur.
Sondern als Form von Klar­heit.

Still.
Und nicht verhan­del­bar.

Sie fragt nicht:
Was ist sinn­voll?

Sondern nur:
Stimmt das?

Sinn entsteht nicht, wenn wir die rich­tige Entschei­dung tref­fen.

Sondern wenn wir aufhö­ren, gegen dieses Wissen zu arbei­ten.

Erfül­lung ist kein Ziel.

Sie entsteht, wenn etwas in Über­ein­stim­mung kommt.

Das ist die eigent­li­che Bewe­gung:

Nicht „mehr“ werden.
Sondern weni­ger über­ge­hen.

Denn Sinn ist nichts, das wir finden.

Sondern etwas, das bleibt,
wenn wir aufhö­ren, uns selbst zu verlas­sen.

Meet the Coach

Claudia Leonessa Jesse
Clau­dia Leonessa Jesse
Syste­mi­sche Coachin und Bera­te­rin, die private Klient*innen ebenso wie Teams und Orga­ni­sa­tio­nen dabei beglei­tet, einge­fah­rene Muster zu durch­bre­chen und eigene Lösun­gen zu entwi­ckeln. Ihr Ansatz wurzelt im posi­ti­ven Menschen­bild der Huma­nis­ti­schen Psycho­lo­gie – nicht Ratschläge, sondern Reso­nanz, Klar­heit und Echt­heit stehen im Mittel­punkt.
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