Über Fami­lie, Karriere – und die stille Wucht des Allein­er­zie­hens

Das Bild zu diesem Arti­kel ist eine Zeich­nung von Peppe D’An­gelo. Er hat mich vor vielen Jahren so gese­hen.

Dieses Bild berührt mich bis heute:
weil darin etwas sicht­bar wird,
das ich selbst lange nicht benen­nen konnte.

Eine Frau.
Aufge­rich­tet – und gleich­zei­tig fragil.
Fast wie aus Linien zusam­men­ge­hal­ten.
Nicht monu­men­tal.
Nicht perfekt.

Eher jemand,
der gelernt hat,
trotz Unsi­cher­heit stehen zu blei­ben und weiter­zu­ge­hen.

Und viel­leicht ist genau das ein Bild für viele Menschen,
die Verant­wor­tung nicht theo­re­tisch orga­ni­sie­ren,
sondern täglich tragen müssen.

Beson­ders für Allein­er­zie­hende.


Wenn über Fami­lie und Karriere gespro­chen wird, klingt das oft wie ein Orga­ni­sa­ti­ons­pro­blem.
Zeit­ma­nage­ment.
Work-Life-Balance.
Verein­bar­keit.

Aber Allein­er­zie­hend­sein ist keine Frage besse­rer Planung.

Es ist eine exis­ten­ti­elle Verant­wor­tung.

Denn Verant­wor­tung endet nicht,
wenn die Kinder größer werden.

Sie verän­dert nur ihre Form.

Meine Kinder sind heute 23 und 25.
Und trotz­dem bleibt da dieses tiefe Gefühl von Verant­wor­tung:
dass sie weiter­hin gut in ihr Leben kommen.
Ihre Ausbil­dun­gen und Studien abschlie­ßen können.
Sich entfal­ten dürfen.
Möglich­kei­ten haben.

Viel­leicht verste­hen das viele Menschen nicht:
Eltern­schaft hört emotio­nal nicht mit der Voll­jäh­rig­keit auf.

Die Sorge verän­dert sich.
Die Gesprä­che verän­dern sich.
Die Abhän­gig­kei­ten werden weni­ger.

Aber das innere Mittra­gen bleibt.


Und gleich­zei­tig gab es für mich immer einen zentra­len Gedan­ken: Meine Kinder soll­ten nicht unter dem Status „allein­er­zie­hend” leiden müssen.

Sie soll­ten nicht weni­ger Möglich­kei­ten haben.
Nicht weni­ger Bildung.
Nicht weni­ger Kultur.
Nicht weni­ger Zukunft.

Dieser Anspruch klingt zunächst selbst­ver­ständ­lich.
Aber gesell­schaft­lich ist er es nicht.

Denn Karrie­re­wege sind in vielen Berei­chen immer noch auf Menschen zuge­schnit­ten, die ein stabi­les Auffang­sys­tem im Hinter­grund haben:
Zeit.
Entlas­tung.
Geteilte Verant­wor­tung.

Allein­er­zie­hende bewe­gen sich dage­gen oft in einer struk­tu­rel­len Asym­me­trie.

Nicht weil ihnen Kompe­tenz fehlt. Sondern weil ihre Kräfte perma­nent auf mehrere Exis­ten­zen gleich­zei­tig verteilt werden müssen.


Als meine Kinder klein waren, war Karriere im klas­si­schen Sinne für mich gar nicht möglich.

Zumin­dest nicht so, wie Leis­tungs­ge­sell­schaft Karriere defi­niert:
linear,
verfüg­bar,
stra­te­gisch plan­bar.

Es ging zunächst um Stabi­li­tät.
Um Sicher­heit.
Darum, alles irgend­wie zusam­men­zu­hal­ten.

Und zur Wahr­heit des Allein­er­zie­hens gehört auch,
über Unter­stüt­zung zu spre­chen.
Oder über das, was häufig fehlt.

Nicht nur finan­zi­ell.
Sondern struk­tu­rell.
Mental.
Gesell­schaft­lich.

Ich erin­nere mich noch gut an das Gespräch, in dem ich meinem dama­li­gen Chef sagte, dass ich schwan­ger bin.

Seine erste Sorge galt nicht mir.
Nicht meinem Kind.
Sondern dem Projekt, das ich damals leitete.

Und die Frage, ob man das nicht „rück­gän­gig machen” könne,
hat sich bei mir tief einge­brannt.

Heute, Jahr­zehnte später, ist gesell­schaft­lich vieles anders gewor­den. Und dennoch begeg­net Frauen bis heute oft dieselbe impli­zite Botschaft:
Wer sich für Kinder entschei­det,
entschei­det sich gegen Karriere.

Als wären Fürsorge, Mutter­schaft und Ambi­tion Gegen­sätze.

Dabei liegt die eigent­li­che Frage ganz woan­ders:
Warum sind unsere Arbeits­wel­ten noch immer so stark auf Lebens­läufe ausge­rich­tet, hinter denen meist ein unsicht­ba­res Unter­stüt­zungs­netz steht?

Der Spagat ist geblie­ben.
Nur spre­chen wir heute offe­ner darüber.


Der Sozio­loge Niklas Luhmann beschrieb moderne Gesell­schaf­ten als funk­tio­nal ausdif­fe­ren­ziert:
Arbeit folgt ihrer eige­nen Logik.
Fami­lie eben­falls.

Das Problem:
Menschen müssen zwischen diesen Syste­men perma­nent vermit­teln.

Allein­er­zie­hende tun genau das —
oft gleich­zei­tig,
oft erschöpft,
oft unsicht­bar.

Sie sind emotio­nale Stabi­li­tät, Exis­tenz­si­che­rung, Orga­ni­sa­tion,
Krisen­ma­nage­ment und Zukunfts­ar­chi­tek­tur in einer Person.


Was mich rück­bli­ckend beschäf­tigt:
wie selbst­ver­ständ­lich erwar­tet wird,
dass Menschen unter dieser Last weiter­hin funk­tio­nie­ren.

Freund­lich.
Belast­bar.
Profes­sio­nell.
Emotio­nal verfüg­bar.

Und möglichst ohne Wider­sprü­che.

Dabei entsteht aus dieser Dauer­ver­ant­wor­tung häufig etwas,
das gesell­schaft­lich kaum Spra­che bekommt:
eine Form perma­nen­ter inne­rer Alarm­be­reit­schaft.

Nicht Schwä­che.
Nicht mangelnde Resi­li­enz.

Sondern Verant­wor­tungs­ver­dich­tung.

Dieses Gefühl, niemals ganz aus dem System austre­ten zu können.
Immer mitzu­den­ken.
Immer mitzu­tra­gen.
Immer ein Sicher­heits­netz sein zu müssen.

Selbst dann,
wenn man selbst längst müde ist.


Viel­leicht liegt genau darin auch eine beson­dere Form von Stärke.
Nicht die laute,
heroi­sche Stärke.

Sondern eine stille Kraft,
die entsteht,
wenn Aufge­ben keine reale Option ist.

Coaching darf deshalb aus meiner Sicht nicht nur Selbst­op­ti­mie­rung liefern.
Nicht die nächste Stra­te­gie,
um noch mehr auszu­hal­ten.

Sondern Räume,
in denen Menschen wieder spüren dürfen,
dass sie selbst eben­falls exis­tie­ren.

Mit Gren­zen.
Mit Erschöp­fung.
Mit Sehn­sucht.
Mit eige­nen Träu­men.

Denn wer dauer­haft nur trägt,
verliert irgend­wann die Verbin­dung zu sich selbst.


Viel­leicht hat Peppe d’An­gelo damals genau das gezeich­net:
keine perfekte Frau.
Keine Heldin.

Sondern einen Menschen,
der gleich­zei­tig trägt und getra­gen werden möchte.

Und genau dort beginnt für mich die ehrlichste Form von Stärke. Und der Anspruch an Coaching und der Unter­schied, den ein Coaching machen kann.

Meet the Coach

Claudia Leonessa Jesse
Clau­dia Leonessa Jesse
Syste­mi­sche Coachin und Bera­te­rin, die private Klient*innen ebenso wie Teams und Orga­ni­sa­tio­nen dabei beglei­tet, einge­fah­rene Muster zu durch­bre­chen und eigene Lösun­gen zu entwi­ckeln. Ihr Ansatz wurzelt im posi­ti­ven Menschen­bild der Huma­nis­ti­schen Psycho­lo­gie – nicht Ratschläge, sondern Reso­nanz, Klar­heit und Echt­heit stehen im Mittel­punkt.
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