Burnout beginnt nicht mit einem Zusammenbruch. Es beginnt mit kleinen Signalen, die wir übersehen: ein verspannter Nacken, der schon längst dazugehört. Ein Herz, das schneller schlägt, aber wir registrieren es kaum. Ein Magen, der rumort, den wir ignorieren. Viele Angebote zur Burnout-Prävention konzentrieren sich auf Arbeitsbelastung oder Zeit- und Selbstmanagement. Doch echte Früherkennung beginnt woanders: nämlich bei der Fähigkeit, die Signale unseres eigenen Körpers wahrzunehmen und richtig zu deuten. Diese Fähigkeit heißt Interozeption, und sie ist trainierbar.
Was ist Interozeption – und warum ist sie relevant?
Interozeption ist die Wahrnehmung innerer Körpersignale. Während wir unsere Umgebung durch unsere fünf Sinne erleben, sendet unser Körper ständig Informationen über seinen inneren Zustand: Herzfrequenz, Atemtiefe, Magen- und Darmtätigkeit, Temperatur, Muskelspannung. Diese Signale erreichen unser Gehirn, insbesondere eine kleine Hirnregion namens Insula, die sie verarbeitet und in emotionales und körperliches Wohlbefinden oder Unwohlsein übersetzt.1 2
Für Burnout-Prävention ist Interozeption zentral, weil sie uns ermöglicht, Überlastung früh zu erkennen. Ein Mensch mit ausgeprägter Interozeption nimmt wahr: „Mein Körper ist angespannt, meine Atemfrequenz erhöht sich, ich fühle mich gehetzt“ und kann darauf reagieren, bevor ein Burnout entsteht. Ein Mensch mit schwacher Interozeption bemerkt diese Warnsignale oft erst, wenn sie schon mittendrin stecken.3
Studien zeigen: Menschen, die ihre Körpersignale bewusst wahrnehmen und deuten lernen, entwickeln bessere Selbstregulation, weniger chronischen Stress und resilientere Reaktionsmuster.4 5
Nicht alle nehmen Körpersignale gleich wahr
Die gute Nachricht: Es gibt nicht den einen richtigen Weg, Körpersignale wahrzunehmen. Es gibt unterschiedliche Interoception-Profile.
Manche Menschen nehmen Körpersignale sehr deutlich wahr, manchmal sogar so deutlich, dass jede Empfindung bewusst registriert wird. Andere Menschen bemerken Signale erst spät oder gar nicht, bis sie massiv werden. Wieder andere nehmen zwar etwas wahr, können aber lange nicht einordnen, was es bedeutet.
Diese Unterschiede sind nicht universell verteilt, zeigen sich jedoch häufiger bei Menschen mit bestimmten neurodivergenten Ausprägungen. Menschen mit Autismus berichten etwa tendenziell von unter- oder über-responsiven Profilen: Manche bemerken lange nicht, dass sie überbelastet sind; andere werden von jedem Körpersignal überwältigt. Menschen mit ADHS berichten oft davon, dass sie Körpersignale übersehen – Hunger, Durst, Überbelastung – bis es zu spät ist. Menschen mit hochsensibler Ausprägung nehmen feinere Unterschiede in ihrer Körperwahrnehmung wahr, was präzise Signalisierung ermöglicht, aber auch zu Überreizung führen kann.6 7 8
Diese Unterschiede sind neurologisch bedingt. Sie sind weder persönliche Schwächen noch etwas, das „nicht sein darf“. Sie sind neurodiverse Variationen des menschlichen Nervensystems. Wichtig: Viele Menschen erleben das auch, ohne diagnostiziert zu sein oder von ihrer neurologischen Ausprägung zu wissen.
Strukturelle Mehrfachbelastung verschärft das Burnout-Risiko
Es gibt einen weiteren Faktor. Menschen, deren Nervensystem bereits mit zusätzlichen Anforderungen kämpft, weil sie sich beruflich oder sozial anpassen müssen, können ein erhöhtes Burnout-Risiko haben. Das betrifft neurodivergente Menschen, die sich in neurotypischen Arbeitskontexten „maskieren” (ihre natürliche Reaktionsweise unterdrücken), ebenso wie queere Menschen, die in heteronormativ geprägten Umgebungen ihre Identität moderieren müssen.
Masking kostet Energie. Die Forschung ist hier eindeutig: Menschen, die täglich ihre natürliche Reaktionsweise unterdrücken, berichten von erheblichem Energieverbrauch, verschärfter emotionaler Dysregulation und paradoxerweise schwächerer Körperwahrnehmung, weil sie mit der ständigen Anpassung beschäftigt sind.9 10 11 Hinzu kommt: Für Menschen in mehrfach marginalisierten Positionen (etwa neurodivergent und queer) addiert sich diese Belastung. Die WHO hat Burnout 2022 offiziell als Erkrankung anerkannt und die Prävention sollte daher auch strukturelle Faktoren integrieren.
Das heißt konkret: Burnout-Prävention kann nicht nur eine individuelle Aufgabe sein („Lerne, dich besser wahrzunehmen“), sondern sollte auch organisationale Sicherheit schaffen, in der Menschen authentisch sein können, ohne zu maskieren.
Warum Interozeption-Training für (alle) Menschen relevant ist
Hier schließt sich der Kreis: Wenn Burnout sich über schleichende, übersehene Körpersignale entwickelt, und wenn manche Menschen diese Signale schwerer erkennen, dann ist Interozeption-Training ein direkter Präventionshebel.
Eine weitere gute Nachricht: Interozeption ist trainierbar. Das Nervensystem ist plastisch. Menschen können lernen, ihre Körpersignale bewusster wahrzunehmen, sie richtig zu deuten und darauf zu reagieren, unabhängig davon, wie ihre neurobiologische Startposition ist.12 13
Das ist besonders wichtig für Menschen, deren Körperwahrnehmung vom Alltag überladen wird: Sie können gezielt trainieren, Warnsignale früher zu bemerken. Menschen mit hochsensibler Ausprägung können lernen, ihre feine Wahrnehmung als Ressource zu nutzen, statt sich von ihr überfordert zu fühlen. Menschen mit unter-responsiven Profilen können bewusste Techniken entwickeln, um Signale deutlicher wahrzunehmen.
Coaching als Werkzeug zur Stärkung der Interozeption
Wie kann Interozeption konkret trainiert werden? Ein großer Teil findet durch körper-fokussierte Achtsamkeit statt. Im Coaching heißt das oft: Somatisches Coaching.14 Somatisches Coaching nutzt den Körper als Informationsquelle. Techniken umfassen zum Beispiel:
- Bodyscans: Eine systematische Aufmerksamkeit durch den Körper lenken: vom Kopf bis zu den Zehen. Das trainiert die grundlegende Fähigkeit, interne Signale zu registrieren.15
- Atemarbeit: Der Atem ist eines der wenigen autonomen Prozesse, auf die wir bewusst zugreifen können. Seine Veränderung signalisiert oft emotionale oder physische Zustände. Atemanker helfen, diese Signale früher zu erkennen. Hier ist insbesondere bei neurodivergenten Menschen Vorsicht geboten, da Atemübungen, wenn zu intensiv praktiziert oder ohne emotionale Regulierungsstabilität, den Zustand auch verschlechtern und beispielsweise eine Panikattacke oder Retraumatisierung auslösen können.12 Günstig sind hingegen kurze, sanfte Atemübungen (30 bis 90 Sekunden), Naseatmung und die Kombination mit Ressourcentraining.
- Ressourcenaktivierung: Coach und Klient*in identifizieren körperliche Zustände, die sich „gut“ anfühlen: Sicherheit, Klarheit, Energie. Diese bewusst zu aktivieren, trainiert die Wahrnehmung positiver Körpersignale und stärkt die Resilienz.
- Emotionale und sensorische Differenzierung: Menschen lernen, zwischen verschiedenen Körpersignalen zu unterscheiden, nicht nur „angespannt“, sondern: „Meine Schultern sind angespannt, mein Atem ist flach, mein Herz rast.“ Diese Präzision ist der erste Schritt zur gezielten Reaktion.16
Affirmatives Coaching arbeitet nicht pathologisierend. Es schafft einen Raum, in dem der Körper als Informationsquelle ernst genommen wird, ohne Vorwürfe, ohne Druck zur Perfektion. Das bedeutet auch: Das Coaching passt sich an. Keine Überreizung durch zu viele Sinnesreize, flexibles Tempo, klare Kommunikation, Option, die Augen offen oder geschlossen zu halten. Kleine Adjustierungen, die große Unterschiede machen.16 17
Reflexion: Wie ist deine eigene Körperwahrnehmung?
Am Ende eine Frage für dich selbst: Wie nimmst du selbst deine Körpersignale wahr? Vielleicht nimmst du sie sehr deutlich wahr, vielleicht erst spät – beides ist völlig valide. Fallen dir Anzeichen von Überbelastung früh auf oder bekommst du sie erst mit, wenn es kritisch wird? Gibt es körperliche Signale, die du deutlich spürst und andere, die dir entgehen?
Es gibt keine „richtige“ Antwort, nur deine Realität. Und diese Realität ist Ausgangspunkt für einen gezielten nächsten Schritt. Viele Menschen profitieren davon, ihre Körperwahrnehmung bewusst zu stärken. Das kann durch Selbstreflexion geschehen, durch Journaling, durch regelmäßige Achtsamkeitspraxis oder durch Coaching, das diesen Prozess professionell begleitet.
Der Punkt ist: Du musst Burnout nicht erleben, um es zu verhindern. Du brauchst nur die Fähigkeit, deinen Körper früh genug zu hören.
Du interessierst dich für ein Coaching? Auf coachverzeichnis.com findest du passende Coaches, die für Burnout-Prävention sensibilisiert sind. Weitere Informationen zu mir findest du auf meinem Profil oder auf hannahsophiewelte.de.
Quellen
- Richter, F. (2021). Interozeption und kardiale Sensitivität. Dissertation, Universität Köln. https://kups.ub.uni-koeln.de/52794/2/Dissertation_F_Richter.pdf
- Insula-Funktion bei Körperwahrnehmung und Emotionsregulation: UKW Forschung Neurobiologie. (2026). Neuronale Schaltkreise für Interozeption bei Angsterkrankungen. https://www.ukw.de/forschung-lehre/neurobiologie/forschung/neuronale-schaltkreise-fuer-interozeption-bei-angsterkrankungen/
- East West College. (2019). Interoception: How Body Awareness can Prevent Burnout. https://www.eastwestcollege.com/interoception-how-body-awareness-can-prevent-burnout/
- Price, C. J. et al. (2024). Interoceptive Awareness Can Help You Fight Burnout. Massage Magazine. https://www.massagemag.com/interoceptive-awareness-109157/
- IASP. (2021). The Strange Case of Interoception and Resilience. International Association for the Study of Pain. https://www.iasp-pain.org/publications/relief-news/article/interoception-resilience/
- Neurodivergent Insights. (2023). Autism and Interoception. https://neurodivergentinsights.com/autism-interoception/
- Neurodivergent Insights. (2023). Autism, ADHD, and Interoception Profiles. https://neurodivergentinsights.com/autism-adhd-interoception-profiles/
- Rula. (2025). Interoception, ADHD, and why it’s hard to tune into your body. https://www.rula.com/blog/interoception-adhd/
- Cleary et al. (2023). Autism, Discrimination and Masking: Disrupting a Recipe for Burnout. https://researchoutput.csu.edu.au/ws/portalfiles/portal/446012754/445506435_Published_article.pdf
- RG Insurer. (2024). Beyond Accommodation: Advancing Neurodiversity as a Competitive Advantage. https://www.rgare.com/knowledge-center/article/beyond-accommodation–advancing-neurodiversity-as-a-competitive-advantage-in-the-workplace
- Therapy Space. (2025). Why Masking (Autism) is Exhausting. https://www.thetherapyspace.co/blog/why-masking-autism-is-exhausting
- Institut Traumaintegration. (2025). Wie die richtige Atmung Dein Nervensystem beeinflusst. https://institut-traumaintegration.ch/blog/trauma-verarbeiten-wie-die-richtige-atmung-dein-nervensystem-beeinflusst
- Kelly Mahler. Interoceptive Awareness & Neurodiversity. https://www.kelly-mahler.com/what-is-interoception/interoception-and-neurodiversity/
- Landsiedel Seminare. (2025). Somatisches Coaching: Eine Zusammenarbeit von Körper und Geist. https://www.landsiedel-seminare.de/coaching-welt/wissen/coaching-methoden/somatisches-coaching.php
- Kelly Mahler. (2025). Interoception and Daily Life: Body Awareness Drives Participation. https://www.kelly-mahler.com/resources/blog/interoception-and-daily-life-body-awareness-drives-participation/
- ICF. (2024). Supporting Neurodivergent Clients – Inclusive Communication in Coaching. https://coachingfederation.org/blog/inclusive-communication-in-coaching-supporting-neurodivergent-clients/
- Coaching Focus. (2025). Coach’s Toolkit: Adapting Strategies for Neurodiverse Clients. https://www.coaching-focus.com/blog/coachs-toolkit-adapting-strategies-for-neurodiverse-clients