“Tränen haben etwas Heili­ges. Sie sind kein Zeichen von Schwä­che, sondern von Kraft. Sie spre­chen bered­ter als zehn­tau­send Zungen.”
– Washing­ton Irving

Der Kloß im Hals ist ein alter Bekann­ter. Wir haben gelernt, ihn runter­zu­schlu­cken. Beson­ders im Job oder wenn wir funk­tio­nie­ren müssen, gilt das feuchte Auge als System­feh­ler. Wir flüch­ten auf die Toilette oder warten, bis wir allein im Auto sitzen, um bloß keine Risse in der Fassade zu zeigen.

Irving nennt das Kind beim Namen: Das Unter­drü­cken ist die eigent­li­che Schwä­che. Es kostet unfass­bar viel Ener­gie, den Deckel auf einem kochen­den Topf zu halten. Diese Ener­gie fehlt dir dann für das eigent­li­che Problem. Wer weint, kapi­tu­liert nicht. Er lässt den Druck ab, damit der Kessel nicht explo­diert.

Beob­achte ein Kind, das hinfällt. Es weint, wird getrös­tet, und rennt zwei Minu­ten später schon wieder los. Kinder haben diese Weis­heit noch nicht verlernt: Gefühle kommen, dürfen raus, und dann gehen sie wieder. Ohne Drama, ohne Scham, ohne die lähmende Frage “Was denken die ande­ren jetzt von mir?”

Irgend­wann haben wir gelernt, dass Tränen ein Problem sind. “India­ner kennen keinen Schmerz”, “Heul nicht rum”, “Sei kein Baby”. Sätze, die sich wie Zement um unsere natür­lichste Reak­tion gelegt haben. Wir haben verlernt, was Kinder noch wissen: dass Weinen nicht das Ende von Stärke ist, sondern der Anfang von Heilung.

Tränen sind kein Beweis dafür, dass du zerbrichst. Sie sind der Beweis, dass du noch fühlst. Die wirk­li­che Gefahr droht nicht dem, der kurz weint und dann weiter­macht, sondern dem, der inner­lich verstei­nert.

Was genau glaubst du würde einstür­zen, wenn du für fünf Minu­ten die Kontrolle abgibst und den Tränen freien Lauf lässt?