“Wenn man den Zweig biegt, neigt sich der Baum.”
– Vergil

Wir zerren oft am Stamm. Wir wollen das ganze Leben auf einmal herum­rei­ßen. Den komplet­ten Lebens­stil ändern, die Bezie­hung retten, den Karrie­re­wech­sel erzwin­gen. Wir stem­men uns mit aller Kraft gegen das massive, träge Gewicht unse­rer Vergan­gen­heit und wundern uns, dass sich kaum etwas bewegt. Es ist ein erschöp­fen­der Kampf gegen die Physik.

Vergil liefert hier die Anlei­tung zur fast mühe­lo­sen Verän­de­rung. Er igno­riert den schwe­ren Stamm. Er schaut auf den Zweig. Der Zweig ist die winzige, unschein­bare Hand­lung von heute Morgen. Der Griff zum Smart­phone noch vor dem Aufste­hen. Der eine Satz, den du runter­ge­schluckt hast, statt ihn auszu­spre­chen. Die fünf Minu­ten, die du früher losge­gan­gen bist.

Du hältst diese Momente für bedeu­tungs­los. Das ist der Irrtum. Sie sind die Rich­tungs­vor­gabe für das große Ganze. Der Baum wächst nicht dort­hin, wo du ihn in deinen Träu­men haben willst, sondern dort­hin, wo die Summe deiner tägli­chen, mikro­sko­pisch klei­nen Entschei­dun­gen ihn hinbiegt. Du kannst keinen gera­den Baum erwar­ten, wenn du jeden Tag krumme Zweige formst.

Welche winzige Gewohn­heit biegst du jeden Tag unbe­wusst in eine Rich­tung, in die dein Leben auf keinen Fall wach­sen soll?