“Du liebst mich so sehr, dass du mich in die Tasche stecken willst. Doch dort würde ich keine Luft mehr bekom­men und ster­ben.”
– D.H. Lawrence

Es klingt nach dem ulti­ma­ti­ven Liebes­be­weis. Jeman­den so nah bei sich haben zu wollen, dass kein Blatt Papier mehr dazwi­schen passt. Wir nennen es Fürsorge, wir nennen es “Beschüt­zen”. Du willst den Part­ner oder das Kind vor den Gefah­ren der Welt bewah­ren, also machst du sie klein, hand­lich und verstaust sie sicher in deiner Nähe.

Lawrence entlarvt diese roman­ti­sche Vorstel­lung als einen schlei­chen­den Ersti­ckungs­tod. Die Tasche ist kein siche­rer Hafen. Sie ist ein dunk­ler, luft­lee­rer Raum voller Stoff und Fusseln, ohne Aussicht und ohne Platz zum Wach­sen. Wer in die Tasche gesteckt wird, wird vom eigen­stän­di­gen Menschen zum Besitz­stück degra­diert. Er ist sicher, ja. Aber er lebt nicht mehr.

Oft ist diese erdrü­ckende Nähe nur eine hübsche Verpa­ckung für die eigene Unsi­cher­heit. Deine Angst vor Verlust maskiert sich als über­trie­bene Fürsorge. Doch Liebe, die nicht atmen lässt, ist keine Liebe, sondern Geisel­haft. Wahre Zunei­gung muss den schmerz­haf­ten Mut aufbrin­gen, den ande­ren der Welt auszu­set­zen, damit er er selbst blei­ben kann.

Wen machst du gerade klein und hand­lich, nur damit du sicher sein kannst, dass er dir nicht abhan­den­kommt?