Von zwei Coaches, die Resilienz nicht als Burnout-Prophylaxe verstehen, sondern als Haltung. Und als Handwerk.
Resilienz ist das Wort, das derzeit in jeder zweiten Führungskräfte-Schulung fällt und in keinem HR-Strategiepapier fehlen darf. Meistens klingt es nach einem Schutzmechanismus und nach Defensivspiel. Nach: Bloß nicht umkippen, wenn es schwer wird.
Jens Klocke und Hartmut Müller-Gerbes sehen das anders. Die beiden systemischen Coaches und Kommunikationsprofis – Jens als langjähriger TV-Autor und Moderatoren-Coach hinter der Kamera, Hartmut als Journalist und ehemaliger Sprecher von Peer Steinbrück davor – arbeiten seit Jahren mit Führungskräften, Teams und Einzelpersonen, die unter Druck stehen. Unter echtem Druck, nicht der Seminar-Druck, sondern der, bei dem Entscheidungen Konsequenzen haben, Körpersprache verrät und Konflikte schnell eskalieren.
In ihrer Arbeit – unter anderem als Vertragspartner bei der Haufe Akademie – haben sie ihr eigenes Modell entwickelt, das Resilienz nicht in klassische Tugend-Kategorien presst, sondern in sieben Haltungen beschreibt. Sieben Säulen mit ungewöhnlichen Namen und mit einem ungewöhnlichen Anspruch: nicht schützen, sondern befähigen.
Die sieben Säulen – und warum sie funktionieren
1. Ghost
Nicht kämpfen, nicht flüchten, sondern beobachtend zuhören. Ghost beschreibt die Fähigkeit, sich aus aufgeladenen Situationen zurückzuziehen, ohne als Mensch zu verschwinden. Im Business bedeutet das: sichtbar präsent sein und gleichzeitig nicht jede Provokation annehmen. Wer schweigen kann, hat mehr Macht als der, der immer antwortet.
Für Jens, der jahrelang in komplexen TV-Produktionen unterwegs war, ist Ghost eine zentrale Kompetenz: „Die besten Moderatoren, die ich gecoacht habe, hatten alle eines gemeinsam – sie können Stille aushalten. Und Stille erzeugen.”
2. Flow
Flow ist kein Zufall. Es ist eine erlernbare Haltung zur eigenen Arbeit, gleichzeitig ist es der Zustand, in dem Kompetenz und Herausforderung im Gleichgewicht sind. In der Resilienzarbeit geht es dabei nicht nur darum, Flow zu erleben, sondern ihn gezielt herzustellen. Welche Bedingungen brauche ich dafür? Was raubt mir den Flow und warum lasse ich das zu?
Hartmut bringt hier seine Erfahrung aus der Krisenkommunikation ein: „Im Pressebriefing vor hundert Journalisten, die hungrig auf den Skandal, den Rücktritt, das Fettnäpfchen des CEO warten, hat man keine Zeit, auf den Flow zu warten. Man muss lernen, ihn anzuschalten.”
3. Polish
Resilienz braucht Schärfe. Polish steht für die Fähigkeit, die eigenen Stärken nicht nur zu kennen, sondern kontinuierlich zu verfeinern. Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Viele Führungskräfte hören auf, an sich zu arbeiten oder Schulungen und Fortbildungen zu besuchen, sobald sie eine bestimmte Position erreicht haben. Polish ist die Gegenbewegung: das Handwerk täglich ein bisschen besser machen. Vielleicht auch gerade dann, wenn niemand zuschaut.
4. Blindspots
Wer seine blinden Flecken nicht kennt, fährt auf Sicht und wundert sich, wenn er immer wieder die gleichen Unfälle baut. Blindspots ist die wohl unbequemste Säule des Modells. Sie verlangt eine Art strukturierter Selbstfremdheit: Wo wirke ich anders, als ich es beabsichtige? Welche Muster zeige ich, ohne es zu merken?
Jens und Hartmut arbeiten in ihren Workshops intensiv mit Videofeedback und Zweier-Coaching, weil zwei Perspektiven – hinter und vor der Kamera – mehr Blindspots aufdecken als eine. „Du kannst dir selbst nicht zuschauen”, beschreibt es Jens. „Deshalb brauchst du jemanden, der dir zeigt, was du nicht siehst.”
5. Remix
Krisen erfordern keine neuen Ressourcen. Oft braucht es eine neue Kombination der vorhandenen. Remix steht für die kreative Rekombination von Kompetenzen, Erfahrungen und Perspektiven. Es ist das Gegenteil von starrem Lösungsdenken nach dem Motto: Das hat bisher gut funktioniert, das aktuelle Problem löse ich genauso wie die vorherigen. Die systemischen Coaches sagen dazu: „Du hast die Ressourcen zur Lösung in dir, du hast sie nur noch nicht entdeckt.” Wie das geht, wissen beide aus vielen hundert Coachings mit Menschen, die führen.
Im Business-Kontext heißt das: Welche Fähigkeiten habe ich, die ich noch nicht auf dieses Problem angewendet habe? Welche Erfahrungen aus einem anderen Lebensbereich könnten hier eine Rolle spielen? Remix macht Resilienz kreativ.
6. Analog
Bildschirme lügen. Nicht absichtlich, dennoch zeigen sie nicht das ganze Bild. Analog steht im Modell für aktives Zuhören, für direkte Kommunikation und körperliche Präsenz. Für das Gespräch im Flur, das keine E‑Mail ersetzt. Für die Fähigkeit, im Raum wirklich anwesend zu sein – und zwar nicht als Performance, sondern als Haltung.
Hartmut, der als Pressesprecher und Kommunikator erlebt hat, wie viele Krisen durch fehlende direkte Kommunikation entstehen, ist überzeugt: „Die meisten Konflikte, die mir begegnet sind, hätten sich nicht entwickelt, wenn die Beteiligten öfter in denselben Raum gegangen wären.”
7. Out of the Box
Die siebte Säule ist keine Einladung zum Kreativitätsseminar. Out of the Box meint im Resilienzkontext die Fähigkeit, das eigene Modell der Welt zu hinterfragen – und zwar dann, wenn es am stabilsten erscheint. Nicht im Chaos, sondern in der Komfortzone. Wer wartet, bis ihn die Krise zum Umdenken zwingt, ist zu spät dran.
Für Jens ist das eine Parallele zur Fernseharbeit: „Die besten Sendungen entstanden immer dann, wenn jemand im Team gefragt hat: Warum machen wir das eigentlich so?”
Zwei Kameraperspektiven. Ein Modell.
Was das Modell von Jens Klocke und Hartmut Müller-Gerbes auszeichnet, ist nicht nur seine inhaltliche Tiefe. Es ist vielmehr die Art, wie es in der Praxis vermittelt wird. Die beiden zertifizierten Change Manager arbeiten konsequent im Tandem: Jens als kreativer Autor hinter der Kamera, Hartmut aus der Journalisten- und Pressesprecherperspektive. Zwei Blickwinkel auf dieselbe Person. Zwei Feedbackkanäle, die sich ergänzen, statt zu wiederholen.
Das ist kein didaktisches Schmankerl, sondern ihre erfolgreiche Methode. Denn Resilienz ist keine Theorie, die man sich anlesen kann. Sie entsteht im Feedback und aus der Energie, die aus der Reibung mit den eigenen eingeschliffenen Verhaltensweisen entsteht.
Resilienz als Offensivspiel
Am Ende ist es eine Frage der Haltung. Defensive Resilienz schützt vor dem Schlimmsten. Offensive Resilienz – das Modell, das Jens und Hartmut vertreten – macht Menschen handlungsfähiger, klarer und wirksamer. Nicht trotz Druck. Sondern durch den Umgang mit ihm.
Ghost, Flow, Polish, Blindspots, Remix, Analog, Out of the Box. Sieben Säulen und sieben Einladungen, Resilienz nicht als Notfallplan zu denken, sondern als Praxis.
Et kütt wie et kütt, sagen sie im Rheinland. Resilienz ist, die Ziele gleichzeitig im Blick zu haben und zu erreichen.

