Immer wieder höre und lese ich: „Ich sehe keinen Sinn in meiner Arbeit.“. Und oft ist das ehrlich gemeint. Menschen sind erschöpft, entfrem­det oder inner­lich auf Distanz zu dem gegan­gen, was sie jeden Tag tun. Sie funk­tio­nie­ren noch, aber sie spüren nicht mehr, wofür. Dann wirkt Arbeit plötz­lich leer.

Ich glaube: In vielen Fällen fehlt der Sinn nicht wirk­lich. Er ist nicht verschwun­den. Er ist eher über­la­gert. Verdeckt von Druck, von Erwar­tun­gen, von Dauer­stress und von Bildern davon, wie sinn­volle Arbeit angeb­lich ausse­hen müsste.

In den sozia­len Medien spre­chen wir viel über Purpose, Beru­fung, Wirk­sam­keit und das große Warum. Das hat etwas Verlo­cken­des. Gleich­zei­tig setzt es Menschen unter Druck. Denn wenn Sinn immer etwas Großes, Glän­zen­des oder Welt­be­we­gen­des sein muss, dann fällt durch dieses Raster fast alles durch, was unse­ren Alltag tatsäch­lich trägt.

Ein Baum fragt nicht nach seinem Purpose. Er ist Teil eines Systems. Er steht in Bezie­hung zu seiner Umge­bung und erfüllt darin seine Rolle. Verbun­den mit dem Wald durch Wurzeln, Blät­ter, Boten­stoffe in der Luft und das Myzel der Pilze unter seinen Füßen. Und diese Verbin­dung macht ihn wirk­sam. Viel­leicht ist das ein hilf­rei­cher Gedanke für uns Menschen: Sinn ist nicht immer etwas, das wir spek­ta­ku­lär erzeu­gen müssen. Oft ist er schon da, aber wir haben verlernt, ihn wahr­zu­neh­men.

Ein zentra­ler Punkt im Coaching ist deshalb nicht, Sinn künst­lich zu konstru­ie­ren. Es geht eher darum, wieder in Verbin­dung zu kommen. Mit der eige­nen Wirkung. Mit den Menschen, für die man etwas tut. Mit dem, was im Alltag bereits Bedeu­tung trägt.

Warum geht uns dieses Gefühl so oft verlo­ren?

Ein Grund ist, dass wir Sinn mit Erfolg verwech­seln. Viele Menschen haben unbe­wusst die Glei­chung im Kopf: Wenn ich erfolg­reich genug bin, dann ist meine Arbeit sinn­voll. Also hängen sie Sinn an Status, Sicht­bar­keit, Geld oder Aner­ken­nung. Nur funk­tio­niert das selten dauer­haft. Denn all diese Dinge können da sein und trotz­dem bleibt innen Leere.

Ich habe einmal mit einem Menschen im IT-Support eines sozia­len Unter­neh­mens gespro­chen. Kein Job, der gesell­schaft­lich stän­dig gefei­ert wird. Keine Bühne, keine große Aufmerk­sam­keit. Und doch war seine Arbeit hoch wirk­sam. Er hielt Kolle­gin­nen und Kolle­gen den Rücken frei, die täglich mit Kindern und Jugend­li­chen arbei­ten. Weil Tech­nik funk­tio­nierte, konn­ten andere ihre Arbeit gut machen. Das ist Sinn. Nicht laut. Aber klar.

Ähnlich war es in einem ande­ren Gespräch mit einer Coachin und Faci­li­ta­to­rin. Sie beglei­tet Verän­de­rung, schafft Verbin­dung und öffnet Räume für Entwick­lung. Aber selbst sie sagte irgend­wann sinn­ge­mäß: Es sind nicht nur die großen Inter­ven­tio­nen, die meine Arbeit sinn­voll machen. Es ist auch der Kaffee, das Wasser, der Snack, das Lächeln, die Atmo­sphäre. Alles, was Menschen das Ankom­men erleich­tert und Begeg­nung möglich macht. Auch darin steckt Wirk­sam­keit.

Das führt zu einer viel­leicht unbe­que­men Frage: Wo bist du wirk­sam, auch wenn es niemand beson­ders hono­riert?

Ein zwei­ter Grund ist, dass wir Sinn oft nur im Großen suchen. Der Job soll die Welt retten. Die Aufgabe soll ideal passen. Das eigene Tun soll maxi­mal stim­mig, sicht­bar und bedeut­sam sein. Das klingt erst­mal edel, kippt aber schnell in Über­for­de­rung. Wer Sinn nur im Außer­ge­wöhn­li­chen sucht, über­sieht leicht das Tragende, das Alltäg­li­che und das konkret Hilf­rei­che.

Gerade in Arbeits­kon­tex­ten kann das gefähr­lich werden. Ich habe Orga­ni­sa­tio­nen erlebt, in denen Menschen mit echter Begeis­te­rung gestar­tet sind. Sie woll­ten etwas bewe­gen, sie iden­ti­fi­zier­ten sich stark mit der Vision, die Ener­gie war hoch. Doch dann kamen wirt­schaft­li­che Schwie­rig­kei­ten, Druck und Unsi­cher­heit dazu. Statt klug nach­zu­steu­ern, wurden Erwar­tun­gen verschärft. Es gab mehr Über­stun­den, mehr Schuld­zu­wei­sun­gen, mehr innere Härte. Plötz­lich wurde Sinn nicht mehr erlebt, sondern einge­for­dert. Und was einmal getra­gen hat, wurde erst zur Last und schließ­lich zur Margi­na­lie.

Das wirft eine entschei­dende Frage auf: Steht das, was dir wich­tig ist, noch in einem realis­ti­schen Verhält­nis zu deinen Ressour­cen, Gren­zen und Hand­lungs­spiel­räu­men?

Ein drit­ter Grund, warum Menschen den Sinn in ihrer Arbeit verlie­ren, ist der innere Druck, der aus all den Erwar­tun­gen entsteht. Ich sollte mehr leis­ten. Ich sollte moti­vier­ter sein. Ich sollte dank­ba­rer sein. Ich sollte endlich meine Beru­fung kennen. Das klingt erst­mal harm­los, wirkt aber oft wie ein stän­di­ger inne­rer Druck.

Unter diesem Druck kann kaum etwas Leben­di­ges entste­hen. Wer stän­dig bewer­tet, ob das eigene Leben bedeu­tend genug ist, verliert den Kontakt zu dem, was bereits da ist. Sinn ist kein To-do. Er ist kein Status­sym­bol. Und er ist auch nicht einfach ein Ziel, das man abhakt. Viel öfter ist Sinn ein Bezie­hungs­er­le­ben. Das Gefühl: Ich gehöre dazu. Ich trage etwas bei. Das, was ich tue, macht einen Unter­schied. Viel­leicht keinen riesi­gen. Aber einen echten.

Und viel­leicht ist genau das die nächste Frage: Welche Erwar­tun­gen trägst du noch mit dir herum, die dir den Blick auf das verstel­len, was längst Bedeu­tung hat?

Wie Coaching helfen kann

Coaching liefert dir nicht deinen Sinn. Niemand sagt dir von außen, was der Sinn deines Lebens ist. Aber Coaching kann helfen, den Nebel zu lich­ten und klarer zu sehen, was dir wirk­lich Bedeu­tung gibt. Es verschiebt den Fokus weg von abstrak­ter Sinn­su­che und hin zu konkre­tem Spüren.

Eine Frage, die ich in diesem Zusam­men­hang stark finde, lautet: Wo spürst du jetzt schon, dass du wirk­sam bist, auch wenn es klein wirkt?

Diese Frage verän­dert etwas. Sie holt dich aus dem Mangel­den­ken heraus. Plötz­lich geht es nicht mehr nur darum, was fehlt. Sondern darum, was bereits leben­dig ist. Oft tauchen dann kleine Momente auf: ein Gespräch, das jeman­dem gehol­fen hat. Eine Aufgabe, die Ruhe in ein System gebracht hat. Eine Situa­tion, in der jemand gemerkt hat: Das hier war wich­tig.

Genau da lässt sich anset­zen.

Eine einfa­che Übung ist, drei Momente aufzu­schrei­ben, in denen du gespürt hast: Das hier war nicht egal. Das müssen keine großen Erfolge sein. Im Gegen­teil. Häufig liegt genau dort ein Schlüs­sel, wo wir sonst acht­los vorbei­ge­hen.

Eine zweite hilf­rei­che Frage nenne ich manch­mal die Press­luft­ham­mer-Frage: Was würdest du wegstem­men, wenn du eine Sache ändern könn­test?

Denn Sinn fehlt nicht nur dort, wo etwas nicht passt. Er wird oft aktiv blockiert. Von sinn­lo­sen Routi­nen. Von Meetings, die Ener­gie ziehen. Von Gewohn­hei­ten, die klein halten. Von Kontex­ten, in denen niemand mehr atmen kann. Manch­mal ist der nächste Schritt nicht, etwas Neues zu finden. Sondern etwas Stören­des zu entfer­nen.

Und viel­leicht ist dann die entschei­dende Frage: Woran misst du den Wert deiner Arbeit – an dem, was sicht­bar aner­kannt wird, oder an dem, was tatsäch­lich wirkt?

Denn die Unter­schei­dung zwischen Erfolg und Wirk­sam­keit verän­dert den Blick auf Arbeit. Erfolg ist oft sicht­bar. Wirk­sam­keit eher nicht. Erfolg bekommt Zahlen, Titel und Applaus. Wirk­sam­keit zeigt sich manch­mal nur darin, dass etwas leich­ter wird, mensch­li­cher oder klarer. Wer diese Form von Wirkung wieder ernst nimmt, erlebt Arbeit oft anders.

Viel­leicht geht es also gar nicht zuerst darum, Sinn zu finden. Viel­leicht geht es darum, ihn wieder zu leben. Im Klei­nen. Im Konkre­ten. In echter Verbin­dung mit dem, was du tust und wem es dient.

Das ist weni­ger glamou­rös als die Suche nach der einen großen Beru­fung. Aber es ist trag­fä­hi­ger. Ehrli­cher. Und meis­tens näher an dem, was Menschen wirk­lich hilft.

Meet the Coach

Hanjo Meinhardt
Hanjo Mein­hardt
Hanjo Mein­hardt beglei­tet als Coach und Faci­li­ta­tor Menschen und Teams in Phasen der Verän­de­rung. Sein Ansatz „Wald. Wild. Wirk­sam.“ nutzt die Natur als Erfah­rungs­raum, um vom Grübeln ins Tun zu kommen. Er bietet Unter­stüt­zung bei beruf­li­cher Neuori­en­tie­rung, Entschei­dungs­fra­gen und Team­ent­wick­lung an – sowohl online als auch als Walk & Talk in der Natur.
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