Oder, was Johann Sebas­tian Bach uns über Ambi­gui­täts­to­le­ranz in der Führung lehren kann.

Viel­leicht ist nicht die Unsi­cher­heit das eigent­li­che Problem unse­rer Zeit. Sondern unsere Unge­duld mit ihr.

Führung steht heute unter einem enor­men Entschei­dungs­druck. Trans­for­ma­tion, Digi­ta­li­sie­rung, künst­li­che Intel­li­genz, Nach­hal­tig­keit, Fach­kräf­te­man­gel oder geopo­li­ti­sche Krisen – vieles verän­dert sich gleich­zei­tig. Führungs­kräfte sollen Orien­tie­rung geben, Sicher­heit vermit­teln und Entschei­dun­gen tref­fen. Möglichst schnell.

Die Fähig­keit zur schnel­len Entschei­dung gilt vieler­orts noch immer als Zeichen guter Führung. Wer zögert, wirkt unsi­cher. Wer Fragen offen­lässt, riskiert den Vorwurf mangeln­der Klar­heit. Geschwin­dig­keit wird leicht mit Kompe­tenz verwech­selt.

Dabei lohnt es sich, einen Moment inne­zu­hal­ten.

Denn nicht jede Situa­tion verlangt nach einer schnel­len Antwort. Manche verlan­gen zunächst nach einem tiefe­ren Verständ­nis der Frage.

Der Sozio­loge Niklas Luhmann hat einen Gedan­ken geprägt, der bis heute zu den Grund­pfei­lern der Orga­ni­sa­ti­ons- und System­theo­rie gehört: die Reduk­tion von Komple­xi­tät. Die Welt, so Luhmann, ist unend­lich komplex. Kein Mensch, keine Orga­ni­sa­tion kann alle Infor­ma­tio­nen gleich­zei­tig wahr­neh­men oder verar­bei­ten. Um hand­lungs­fä­hig zu blei­ben, müssen wir auswäh­len. Jede Entschei­dung ist deshalb zugleich eine Entschei­dung gegen unzäh­lige andere Möglich­kei­ten.

Für Orga­ni­sa­tio­nen ist diese Reduk­tion von Komple­xi­tät keine Schwä­che, sondern eine Voraus­set­zung ihres Funk­tio­nie­rens. Entschei­dun­gen schaf­fen Orien­tie­rung. Prozesse entste­hen. Verant­wor­tung wird verteilt. Ohne Komple­xi­täts­re­duk­tion kämen Orga­ni­sa­tio­nen zum Still­stand.

Luhmann beschreibt damit etwas Wesent­li­ches. Und doch stellt sich aus der Perspek­tive von Führung und Coaching eine weitere Frage:

Was geschieht mit der Komple­xi­tät, bevor wir sie redu­zie­ren?

Denn Führung findet nicht nur in Orga­ni­sa­tio­nen statt. Sie findet zwischen Menschen statt. Zwischen Erwar­tun­gen und Erfah­run­gen. Zwischen Verant­wor­tung und Zwei­fel. Zwischen dem Wunsch nach Klar­heit und der Ahnung, dass es manch­mal keine eindeu­tige Antwort gibt.

Gerade dort beginnt ein Span­nungs­feld, das sich weder durch Prozesse noch durch Orga­ni­gramme voll­stän­dig auflö­sen lässt. Eine erfah­rene Führungs­kraft kennt Situa­tio­nen, in denen zwei Mitar­bei­tende glei­cher­ma­ßen über­zeu­gende Argu­mente vertre­ten. In denen wirt­schaft­li­che Vernunft und mensch­li­che Fürsorge mitein­an­der ringen. In denen jede Entschei­dung rich­tig und gleich­zei­tig unvoll­stän­dig erscheint.

Die Versu­chung ist groß, diese Span­nung möglichst schnell zu been­den.
Eine Entschei­dung schafft schließ­lich Entlas­tung.
Doch Entlas­tung ist nicht immer gleich­be­deu­tend mit Erkennt­nis.

Darin liegt hier ein blin­der Fleck vieler Führungs­ver­ständ­nisse. Wir haben gelernt, Komple­xi­tät möglichst effi­zi­ent zu redu­zie­ren. Deut­lich selte­ner lernen wir, sie für eine Weile auszu­hal­ten. Dabei ist genau das eine Fähig­keit, die in einer zuneh­mend dyna­mi­schen und wider­sprüch­li­chen Welt an Bedeu­tung gewinnt.

Ambi­gui­täts­to­le­ranz bedeu­tet nicht, Unent­schlos­sen­heit zu kulti­vie­ren. Sie bedeu­tet auch nicht, Verant­wor­tung zu vermei­den oder Entschei­dun­gen endlos hinaus­zu­schie­ben. Sie beschreibt viel­mehr die Fähig­keit, Mehr­deu­tig­keit auszu­hal­ten, ohne sie vorschnell aufzu­lö­sen. Unter­schied­li­che Perspek­ti­ven dürfen zunächst neben­ein­an­der bestehen. Wider­sprü­che müssen nicht sofort verschwin­den. Unsi­cher­heit wird nicht als Schei­tern erlebt, sondern als Teil eines Denk- und Entschei­dungs­pro­zes­ses.

Deshalb braucht moderne Führung eine Ergän­zung zu dem, was die System­theo­rie so präzise beschreibt.

Orga­ni­sa­tio­nen müssen Komple­xi­tät redu­zie­ren.
Menschen müssen sie zunächst halten können.

Genau in diesem Zwischen­raum entsteht für mich Ambi­gui­täts­to­le­ranz. Und genau dort beginnt auch die beson­dere Aufgabe von Coaching.

Coaching als Raum für Komple­xi­tät

Wenn Orga­ni­sa­tio­nen Komple­xi­tät redu­zie­ren müssen, stellt sich eine andere Frage:

Wo wird sie gehal­ten?

Denn Entschei­dun­gen entste­hen nicht im luft­lee­ren Raum. Sie werden von Menschen getrof­fen. Menschen, die Verant­wor­tung tragen. Menschen, die zwei­feln. Menschen, die wider­sprüch­li­che Erwar­tun­gen mitein­an­der in Einklang brin­gen müssen.

Hier öffnet sich ein Raum, den die System­theo­rie bewusst nicht in den Mittel­punkt stellt. Nicht, weil sie ihn über­sieht, sondern weil ihr Erkennt­nis­in­ter­esse ein ande­res ist. Sie fragt danach, wie soziale Systeme funk­tio­nie­ren. Coaching hinge­gen rich­tet den Blick auf den Menschen, der in diesen Syste­men handelt.

Ambi­gui­täts­to­le­ranz beginnt bereits dort, wo wir unter­schied­li­che Perspek­ti­ven nicht gegen­ein­an­der ausspie­len.

Niklas Luhmann und Carl Rogers geben keine konkur­rie­ren­den Antwor­ten. Sie stel­len unter­schied­li­che Fragen.

Luhmann fragt: Wie blei­ben Orga­ni­sa­tio­nen unter Bedin­gun­gen hoher Komple­xi­tät hand­lungs­fä­hig?
Rogers fragt: Unter welchen Bedin­gun­gen können Menschen wach­sen und stim­mige Entschei­dun­gen tref­fen?

Beide Perspek­ti­ven sind notwen­dig.

Syste­mi­sches Coaching hilft, die Dyna­mi­ken eines Systems zu verste­hen.
Perso­nen­zen­trier­tes Coaching hilft, die Dyna­mi­ken im Menschen wahr­zu­neh­men.
Gute Coaching-Prozesse verbin­den beides.

Auch das ist eine Form von Ambi­gui­täts­to­le­ranz. Nicht zwischen unter­schied­li­chen Sicht­wei­sen wählen zu müssen, sondern sie mitein­an­der in Bezie­hung setzen zu können.

Aus perso­nen­zen­trier­ter Sicht geht es zunächst nicht darum, Wider­sprü­che möglichst schnell aufzu­lö­sen. Es geht darum, ihnen mit Offen­heit zu begeg­nen.

Carl Rogers beschrieb die Erfah­rung, dass Entwick­lung dort entsteht, wo Menschen sich ange­nom­men fühlen – nicht trotz ihrer Ambi­va­lenz, sondern mit ihr. Echt­heit, Empa­thie und bedin­gungs­freie Wert­schät­zung schaf­fen einen Raum, in dem Erfah­run­gen nicht vorschnell bewer­tet oder korri­giert werden müssen. Dieser Gedanke reicht weit über thera­peu­ti­sche Prozesse hinaus. Er eröff­net auch für Führung eine neue Perspek­tive.

Viel­leicht braucht Führung heute weni­ger Antwor­ten.
Viel­leicht braucht sie zunächst mehr Reso­nanz.

Reso­nanz bedeu­tet in diesem Zusam­men­hang nicht Zustim­mung. Reso­nanz bedeu­tet, unter­schied­li­chen Perspek­ti­ven einen Raum zu geben, in dem sie wahr­ge­nom­men werden können, bevor sie bewer­tet werden.

Im Coaching zeigt sich immer wieder, dass Führungs­kräfte selten an einem Mangel an Wissen schei­tern. Häufig kennen sie die verfüg­ba­ren Hand­lungs­op­tio­nen sehr genau. Was ihnen fehlt, ist nicht Infor­ma­tion, sondern ein Ort, an dem unter­schied­li­che Perspek­ti­ven gleich­zei­tig bestehen dürfen.

Da ist die Verant­wor­tung gegen­über den Mitar­bei­ten­den.
Da ist der wirt­schaft­li­che Druck.
Da sind persön­li­che Werte.
Da ist die Sorge, eine falsche Entschei­dung zu tref­fen.

Und oft haben all diese Stim­men ihre Berech­ti­gung.

Ambi­gui­täts­to­le­ranz bedeu­tet dann nicht, sich möglichst schnell für eine dieser Stim­men zu entschei­den. Sie bedeu­tet zunächst, ihnen zuzu­hö­ren. Nicht jede innere Span­nung muss sofort aufge­löst werden. Manche möchte zunächst verstan­den werden.

Genau hier liegt eine der beson­de­ren Stär­ken von Coaching. Es ist nicht in erster Linie ein Instru­ment zur Problem­lö­sung. Es ist ein Denk­raum. Ein Reso­nanz­raum. Ein Raum, in dem Komple­xi­tät für eine begrenzte Zeit gehal­ten werden darf.

Diese Haltung verän­dert den Coaching­pro­zess grund­le­gend. Nicht die schnelle Antwort steht im Mittel­punkt, sondern die Quali­tät der Wahr­neh­mung. Aus vorschnel­len Urtei­len werden Hypo­the­sen. Aus schein­ba­ren Gewiss­hei­ten werden Fragen. Aus Entwe­der-oder-Konflik­ten entste­hen Möglich­kei­ten, die zuvor nicht sicht­bar waren.

In der Praxis geschieht das häufig durch erstaun­lich einfa­che Inter­ven­tio­nen.

Ein Perspek­ti­ven­wech­sel lädt dazu ein, dieselbe Situa­tion aus einem ande­ren Blick­win­kel zu betrach­ten. Nicht mit dem Ziel, die bishe­rige Sicht­weise zu erset­zen, sondern sie zu erwei­tern.

Die bewusste Verta­gung einer schnel­len Lösung schafft Zeit. Nicht als Ausdruck von Unsi­cher­heit, sondern als Ausdruck von Verant­wor­tung. Manche Entschei­dun­gen gewin­nen an Quali­tät, wenn sie nicht unter dem unmit­tel­ba­ren Druck der Eindeu­tig­keit getrof­fen werden.

Auch die Arbeit mit einer Stim­men­kon­fe­renz eröff­net neue Perspek­ti­ven. Unter­schied­li­che innere Stim­men – etwa die Stimme der Verant­wor­tung, der Fürsorge, der Wirt­schaft­lich­keit oder des Mutes – kommen mitein­an­der ins Gespräch. Ziel ist nicht, eine Gewin­ne­rin zu küren. Ziel ist es, die innere Poly­pho­nie über­haupt wahr­zu­neh­men.

Oft verän­dert sich dadurch nicht sofort die Situa­tion. Aber die Person, die ihr begeg­net.

Genau darin liegt der Beitrag von Coaching in Bezug zur Ambi­gui­täts­to­le­ranz. Es redu­ziert Komple­xi­tät nicht vorschnell. Es stärkt die Fähig­keit, sie für eine Weile auszu­hal­ten – bis aus der Span­nung eine Entschei­dung entste­hen kann, die nicht nur funk­tio­nal, sondern auch mensch­lich stim­mig ist.

Die Kunst der Fuge

An dieser Stelle lohnt sich ein Blick in die Musik.

Johann Sebas­tian Bachs Kunst der Fuge gehört zu den faszi­nie­rends­ten Werken der Musik­ge­schichte. Nicht, weil sie nach Eindeu­tig­keit strebt. Sondern weil sie zeigt, dass Ordnung nicht aus Gleich­för­mig­keit entsteht, sondern aus dem Zusam­men­spiel unter­schied­li­cher Stim­men.

In einer Fuge besitzt keine Stimme die Wahr­heit.
Jede folgt ihrer eige­nen Linie.
Mal tritt sie hervor.
Mal nimmt sie sich zurück.
Mal antwor­tet sie einer ande­ren Stimme.

Keine wird ausge­löscht.
Keine muss verschwin­den, damit Harmo­nie entste­hen kann.

Eine Fuge löst ihre Stim­men nicht auf.
Sie hält sie in Bezie­hung.

Viel­leicht liegt darin ein Bild für Führung.

Auch in Orga­ni­sa­tio­nen begeg­nen sich unter­schied­li­che Stim­men. Die Stimme der Wirt­schaft­lich­keit. Die Stimme der Inno­va­tion. Die Stimme der Fürsorge. Die Stimme der Erfah­rung. Die Stimme des Risi­kos. Die Stimme des Mutes.

Die Heraus­for­de­rung besteht nicht darin, möglichst schnell eine dieser Stim­men zur Siege­rin zu erklä­ren. Die Heraus­for­de­rung besteht darin, sie mitein­an­der ins Gespräch zu brin­gen.

Nicht jede Span­nung ist ein Fehler. Manche Span­nun­gen sind Ausdruck von Leben­dig­keit.

Ambi­gui­täts­to­le­ranz bedeu­tet dann nicht, Wider­sprü­che zu besei­ti­gen. Sie bedeu­tet, sie so lange halten zu können, bis aus ihnen etwas Neues entste­hen kann.

Viel­leicht ist genau das die eigent­li­che Aufgabe von Führung.

Nicht Komple­xi­tät möglichst früh zu been­den.
Sondern ihr zunächst einen Reso­nanz­raum zu geben.

Entschei­dun­gen blei­ben notwen­dig. Doch ihre Quali­tät verän­dert sich, wenn sie nicht aus dem Reflex entste­hen, Unsi­cher­heit möglichst schnell zu been­den, sondern aus dem Bemü­hen, Wirk­lich­keit in ihrer Viel­stim­mig­keit wahr­zu­neh­men.

Coaching kann einen solchen Reso­nanz­raum eröff­nen.
Nicht als Ort ferti­ger Antwor­ten.
Sondern als Ort, an dem Denken lang­sa­mer werden darf.
An dem unter­schied­li­che Perspek­ti­ven neben­ein­an­der bestehen können.
An dem Komple­xi­tät nicht sofort redu­ziert werden muss, sondern zunächst gehal­ten werden darf.

Darin liegt sein eigent­li­cher Beitrag zur Führung.

Denn gute Führung braucht beides.
Sie braucht Orien­tie­rung. Und sie braucht Reso­nanz.

Gute Führung erkennt den Unter­schied zwischen dem Moment, in dem Komple­xi­tät Orien­tie­rung braucht, und dem Moment, in dem sie zunächst Reso­nanz braucht.

Viel­leicht ist Geduld deshalb keine passive Haltung.
Sondern eine Form von Führung.

Rainer Maria Rilke schrieb in seinen Brie­fen an einen jungen Dich­ter, man solle Geduld haben gegen alles Unge­löste und die Fragen lieben. Nicht, weil die Antwor­ten unwich­tig wären. Sondern weil wir – oft ohne es zu bemer­ken – eines Tages in die Antwor­ten hinein­le­ben.

Viel­leicht gilt das auch für Führung.

Nicht jede Frage verlangt nach einer sofor­ti­gen Antwort.
Manche verlangt zunächst danach, ausge­hal­ten zu werden.

Viel­leicht besteht genau darin die Kunst der Fuge.

Meet the Coach

Claudia Leonessa Jesse
Clau­dia Leonessa Jesse
Syste­mi­sche Coachin und Bera­te­rin, die private Klient*innen ebenso wie Teams und Orga­ni­sa­tio­nen dabei beglei­tet, einge­fah­rene Muster zu durch­bre­chen und eigene Lösun­gen zu entwi­ckeln. Ihr Ansatz wurzelt im posi­ti­ven Menschen­bild der Huma­nis­ti­schen Psycho­lo­gie – nicht Ratschläge, sondern Reso­nanz, Klar­heit und Echt­heit stehen im Mittel­punkt.
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