Ein Abtei­lungs­lei­ter eines mittel­stän­di­schen Unter­neh­mens schaut auf eine Video­auf­zeich­nung seines letz­ten Team­mee­tings. Was er sieht, lässt ihn den Kopf schüt­teln: Er unter­bricht seine Mitar­bei­ter, fährt ihnen über den Mund, domi­niert jede Gesprächs­runde. Sein Kommen­tar: „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen: Der in dem Film, das bin ich nicht.”

Er weiß es besser. Aber er hat es nicht gewusst, bis er es sah.

Das ist kein Einzel­fall. Es ist das zentrale Para­dox moder­ner Führung: Die meis­ten Menschen mit Verant­wor­tung glau­ben, sich selbst gut zu kennen. Die Forschung zeigt, dass sie damit meis­tens falsch liegen.

Eine Zahl, die unbe­quem ist

Die Orga­ni­sa­ti­ons­psy­cho­lo­gin Tasha Eurich hat in einer der bislang umfang­reichs­ten wissen­schaft­li­chen Studien zum Thema Selbst­wahr­neh­mung rund 5.000 Perso­nen in zehn sepa­ra­ten Unter­su­chun­gen befragt und beob­ach­tet. Ihr Befund: 95 Prozent der Teil­neh­mer hiel­ten sich für selbst­re­flek­tiert und selbst­be­wusst. Tatsäch­lich erfüll­ten nur 10 bis 15 Prozent die Krite­rien dafür.

Der Rest lebt in einer gut gemein­ten Illu­sion.

Das Problem liegt nicht in mangeln­der Intel­li­genz oder fehlen­dem Ehrgeiz. Viele Führungs­kräfte reflek­tie­ren ihr Handeln. Sie führen Tage­buch, holen Feed­back ein, besu­chen Semi­nare. Und trotz­dem bleibt ihr Selbst­bild schief, weil sie die falsche Art von Selbst­re­fle­xion betrei­ben.

Zwei Arten, sich selbst zu kennen. Und warum eine davon nicht reicht.

Eurichs Forschung unter­schei­det zwei Dimen­sio­nen von Selbst­kennt­nis, die zwar zusam­men­ge­hö­rig klin­gen, aber kaum mitein­an­der zusam­men­hän­gen.

Innere Selbst­wahr­neh­mung ist das, was die meis­ten unter „sich kennen” verste­hen: die eige­nen Werte, Stär­ken, Schwä­chen, Emotio­nen, Antriebe. Wer hier stark ist, weiß, was ihn moti­viert, was ihn trig­gert und was ihm wich­tig ist.

Äußere Selbst­wahr­neh­mung dage­gen ist die Fähig­keit zu verste­hen, wie andere einen tatsäch­lich erle­ben. Nicht wie man glaubt, wahr­ge­nom­men zu werden, sondern wie man es wirk­lich wird. Diese Dimen­sion ist selte­ner und wird syste­ma­tisch unter­schätzt.

Der entschei­dende Befund: Wer in der einen Dimen­sion stark ist, ist es nicht auto­ma­tisch in der ande­ren. Die Korre­la­tion ist nahezu null. Jemand kann sich ausge­zeich­net selbst kennen und trotz­dem keine Ahnung haben, wie er auf sein Team wirkt. Das gilt auch umge­kehrt.

Wer nur nach innen schaut, läuft Gefahr, in einer Echo-Kammer des eige­nen Selbst­bilds zu verhar­ren. Wer beide Dimen­sio­nen kulti­viert, führt nach­weis­lich anders: mit mehr Empa­thie, klare­rer Kommu­ni­ka­tion und besse­ren Ergeb­nis­sen für sein Team.

Das Para­dox der Erfah­rung

Erfah­rung macht Führungs­kräfte nicht zwin­gend selbst­be­wuss­ter. Sie macht sie oft blin­der.

Eurichs Daten zeigen, dass die Genau­ig­keit der Selbst­wahr­neh­mung mit wach­sen­der Senio­ri­tät tenden­zi­ell abnimmt. Je erfah­re­ner und einfluss­rei­cher eine Führungs­kraft ist, desto selte­ner bekommt sie ehrli­ches Feed­back und desto selte­ner fordert sie es aktiv ein. Die Umge­bung passt sich an. Kritik bleibt aus. Das Selbst­bild gefriert auf einem Stand ein, der mit der Reali­tät immer weni­ger zu tun hat.

Was früher als Stärke funk­tio­niert hat, kann in einem neuen Kontext zur Schwä­che werden. Wer das nicht sieht, entwi­ckelt sich am Bedarf vorbei.

Warum klas­si­sche Selbst­re­fle­xion oft nicht hilft

Die meis­ten Führungs­kräfte, die sich selbst besser kennen­ler­nen wollen, stel­len sich die falsche Frage. Sie fragen: Warum reagiere ich so? Warum fühle ich mich in bestimm­ten Situa­tio­nen schlecht? Warum komme ich mit diesem Kolle­gen nicht klar?

Das klingt nach Refle­xion. Ist es auch. Aber Eurichs Forschung zeigt, dass „Warum”-Fragen selten zu echter Erkennt­nis führen, weil das Gehirn sie nicht ehrlich beant­wor­tet. Statt­des­sen konstru­iert es über­zeu­gende Erklä­run­gen, die das Selbst­bild schüt­zen, nicht heraus­for­dern.

Hoch­selbst­re­flek­tierte Perso­nen stel­len laut Eurichs Daten häufi­ger „Was”-Fragen: Was sind die Situa­tio­nen, die mich frus­trie­ren? Was braucht mein Team gerade von mir? Was kann ich beim nächs­ten Mal anders machen?

„Was”-Fragen blei­ben offen, zukunfts­ori­en­tiert und hand­lungs­nah. „Warum”-Fragen laden zum Grübeln ein. Grübeln ist nicht dasselbe wie Verste­hen.

Liebe­volle Kriti­ker

Wirk­lich selbst­be­wusste Führungs­kräfte suchen laut Eurich aktiv nach Feed­back von Menschen, die sie mögen und ihnen gleich­zei­tig die Wahr­heit sagen. Sie nennt diese Perso­nen „liebe­volle Kriti­ker”: Menschen mit gutem Willen und der Bereit­schaft, unan­ge­nehme Dinge auszu­spre­chen.

Das ist selte­ner als gedacht. Die meis­ten Führungs­kräfte umge­ben sich entwe­der mit Jasa­gern oder mit Kriti­kern, denen das Wohl­wol­len fehlt. Beides hilft nicht. Nur die Kombi­na­tion aus echter Zunei­gung und ehrli­cher Rück­mel­dung erzeugt Entwick­lung.

Wer nach einem schwie­ri­gen Meeting fragt „Wie war ich?”, bekommt selten etwas Verwert­ba­res. Wer fragt „Was hätte ich sagen können, damit die Diskus­sion produk­ti­ver verläuft?”, öffnet eine ganz andere Tür.

Was Busi­ness Coaching leis­tet

Genau hier liegt der Unter­schied zwischen einem Coaching-Prozess und allem, was man allein, durch Bücher oder in Grup­pen­se­mi­na­ren errei­chen kann.

Ein erfah­re­ner Coach arbei­tet an beiden Dimen­sio­nen gleich­zei­tig. Er hilft der Führungs­kraft, das innere Erle­ben zu sortie­ren: Werte, Antriebe, blinde Flecken, Verhal­tens­mus­ter. Zugleich schafft er einen Raum, in dem das äußere Bild sicher und konstruk­tiv gespie­gelt werden kann.

Das ist keine Nabel­schau. Wer als Führungs­kraft nicht weiß, wie er wirkt, trifft Entschei­dun­gen auf der Grund­lage eines verzerr­ten Bildes der Reali­tät. Er führt das Team, das er zu haben glaubt, nicht das, das tatsäch­lich vor ihm sitzt.

Studien zeigen, dass Führungs­kräfte, die regel­mä­ßig an ihrer Selbst­wahr­neh­mung arbei­ten, nicht nur persön­lich zufrie­de­ner sind, sondern auch mess­bar bessere Ergeb­nisse erzie­len: weni­ger Fluk­tua­tion im Team, höhere Mitar­bei­ter­zu­frie­den­heit, stabi­lere Entschei­dungs­qua­li­tät.

Vier Fragen, die du dir als Führungs­kraft stel­len kannst

Nicht jede Erkennt­nis braucht ein Coaching-Programm. Manch­mal reicht ein ehrli­cher Blick, wenn man weiß, wohin man schauen soll. Hier sind vier Fragen, die sich in der Praxis als beson­ders aufschluss­reich erwie­sen haben:

1. In welcher Situa­tion der letz­ten Wochen habe ich anders reagiert, als ich es mir im Nach­hin­ein gewünscht hätte? Was hätte ich statt­des­sen tun können?
Diese Frage umgeht das Grübeln und öffnet direkt den Hand­lungs­spiel­raum.

2. Welche drei Menschen in meinem Umfeld würden mich am ehrlichs­ten einschät­zen? Wann habe ich zuletzt wirk­lich nach ihrer Meinung gefragt?
Viele Führungs­kräfte kennen die Antwort auf den zwei­ten Teil: Es ist zu lange her.

3. Was sagen mir andere über meine Stär­ken? Stimmt das mit dem über­ein, was ich selbst glaube?
Abwei­chun­gen zwischen Fremd- und Selbst­bild sind keine Pein­lich­keit. Sie sind Erkennt­nis­quelle.

4. In welchen Situa­tio­nen über­ra­sche ich mich selbst? Was sagt mir das?
Über­ra­schun­gen über das eigene Verhal­ten sind Einla­dun­gen zur Neugier, keine Anlässe zur Scham.

Selbst­kennt­nis ist kein Ziel. Sie ist eine Haltung.

Es gibt keine Führungs­kraft, die irgend­wann „fertig” selbst­re­flek­tiert ist. Wer das glaubt, hat aufge­hört zu schauen. Der Weg zur Selbst­kennt­nis endet nicht. Das ist keine schlechte Nach­richt. Es bedeu­tet, dass es immer etwas zu entde­cken gibt.

Die Frage ist nicht, ob man sich selbst kennt. Die Frage ist, ob man bereit ist, sich kennen­zu­ler­nen: immer wieder, in immer neuen Situa­tio­nen, mit immer ehrli­che­ren Gesprächs­part­nern.

Führung beginnt nicht mit Stra­te­gie. Sie beginnt damit, ehrlich hinzu­schauen.

Auf coachverzeichnis.com findest du erfah­rene Busi­ness Coaches, die auf Persön­lich­keits­ent­wick­lung und Führungs­kräf­te­coa­ching spezia­li­siert sind. Nutze die Suche, um einen passen­den Coach für dein Anlie­gen zu finden.

FAQ

Wie viele Führungs­kräfte schät­zen sich selbst wirk­lich realis­tisch ein?

Erschre­ckend wenige. Die Orga­ni­sa­ti­ons­psy­cho­lo­gin Tasha Eurich hat in einer der bislang umfang­reichs­ten Studien zur Selbst­wahr­neh­mung rund 5.000 Perso­nen in zehn sepa­ra­ten Unter­su­chun­gen befragt und beob­ach­tet. Ihr Befund: 95 Prozent der Teil­neh­mer hiel­ten sich für selbst­re­flek­tiert – tatsäch­lich erfüll­ten nur 10 bis 15 Prozent die wissen­schaft­li­chen Krite­rien dafür. Das Problem liegt nicht in mangeln­der Intel­li­genz oder fehlen­dem Ehrgeiz. Viele Führungs­kräfte reflek­tie­ren aktiv und holen Feed­back ein – trotz­dem bleibt ihr Selbst­bild schief, weil sie die falsche Art von Selbst­re­fle­xion betrei­ben.

Was ist der Unter­schied zwischen inne­rer und äuße­rer Selbst­wahr­neh­mung?

Innere Selbst­wahr­neh­mung umfasst die eige­nen Werte, Stär­ken, Schwä­chen, Emotio­nen und Antriebe. Äußere Selbst­wahr­neh­mung ist die Fähig­keit zu verste­hen, wie andere einen tatsäch­lich erle­ben – nicht wie man glaubt, wahr­ge­nom­men zu werden, sondern wie man es wirk­lich wird. Der entschei­dende Befund: Wer in der einen Dimen­sion stark ist, ist es nicht auto­ma­tisch in der ande­ren. Die Korre­la­tion ist nahezu null. Jemand kann sich ausge­zeich­net selbst kennen und trotz­dem keine Ahnung haben, wie er auf sein Team wirkt. Wer beide Dimen­sio­nen kulti­viert, führt nach­weis­lich mit mehr Empa­thie und besse­ren Ergeb­nis­sen.

Warum macht Erfah­rung Führungs­kräfte nicht auto­ma­tisch selbst­be­wuss­ter?

Erfah­rung macht Führungs­kräfte oft nicht selbst­be­wuss­ter – sie macht sie blin­der. Tasha Eurichs Daten zeigen, dass die Genau­ig­keit der Selbst­wahr­neh­mung mit wach­sen­der Senio­ri­tät tenden­zi­ell abnimmt. Je einfluss­rei­cher eine Führungs­kraft ist, desto selte­ner bekommt und fordert sie ehrli­ches Feed­back ein. Die Umge­bung passt sich an, Kritik bleibt aus, das Selbst­bild gefriert auf einem Stand ein, der mit der Reali­tät immer weni­ger zu tun hat. Was früher als Stärke funk­tio­niert hat, kann in einem neuen Kontext zur Schwä­che werden – unsicht­bar für denje­ni­gen, der aufge­hört hat zu schauen.

Warum helfen „Warum”-Fragen bei Selbst­re­fle­xion oft nicht weiter?

Viele Führungs­kräfte stel­len sich bei der Selbst­re­fle­xion die falsche Frage: Warum reagiere ich so? Das klingt nach Refle­xion – führt aber laut Eurichs Forschung selten zu echter Erkennt­nis, weil das Gehirn „Warum”-Fragen nicht ehrlich beant­wor­tet. Statt­des­sen konstru­iert es Erklä­run­gen, die das Selbst­bild schüt­zen, nicht heraus­for­dern. Hoch­selbst­re­flek­tierte Perso­nen stel­len häufi­ger „Was”-Fragen: Was sind die Situa­tio­nen, die mich frus­trie­ren? Was braucht mein Team gerade? Was kann ich beim nächs­ten Mal anders machen? Diese Fragen blei­ben offen, zukunfts­ori­en­tiert und hand­lungs­nah – statt ins Grübeln zu führen.

Was sind „liebe­volle Kriti­ker” und warum sind sie für Führungs­kräfte so wert­voll?

„Liebe­volle Kriti­ker” sind Menschen mit echtem Wohl­wol­len und gleich­zei­ti­ger Bereit­schaft, unan­ge­nehme Dinge auszu­spre­chen. Wirk­lich selbst­be­wusste Führungs­kräfte suchen aktiv nach Feed­back von genau diesen Perso­nen. Die meis­ten umge­ben sich entwe­der mit Jasa­gern oder mit Kriti­kern ohne Wohl­wol­len – beides hilft nicht. Nur die Kombi­na­tion aus Zunei­gung und ehrli­cher Rück­mel­dung erzeugt Entwick­lung. Entschei­dend ist auch die Quali­tät der Frage: statt „Wie war ich?” lieber „Was hätte ich sagen können, damit die Diskus­sion produk­ti­ver verläuft?” Auf coachverzeichnis.com findest du erfah­rene Busi­ness Coaches, die auf Persön­lich­keits­ent­wick­lung und Führungs­kräf­te­coa­ching spezia­li­siert sind.

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Eberhard Kuhl
Eber­hard Kuhl
Eber­hard Kuhl ist der Grün­der von coachverzeichnis.com. Er ist Unter­neh­mens­be­ra­ter und Coach mit Sitz in Daut­phe­tal, Hessen, und betreibt die Platt­form seit August 2025.
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