“Wer nicht bereit ist, alles aufzugeben, kann niemals wirklich neu anfangen.”
– Frei nach Franz von Assisi
Es ist das Jahr 1206 in Assisi. Ein junger Mann aus einer stinkreichen Kaufmannsfamilie wird von seinem Vater auf dem Marktplatz vor den Bischof gezerrt. Der Sohn hat das elterliche Tuch verkauft, um eine alte Ruine aufzubauen. Der Vater tobt, fordert sein Geld und seinen Status zurück. Was dann passiert, ist einer der brutalsten psychologischen Befreiungsschläge der Geschichte.
Franziskus diskutiert nicht. Er fängt nicht an zu verhandeln. Er zieht sich aus. Er legt sein prächtiges Gewand, sein Hemd, seine Hosen auf den Boden, bis er völlig nackt vor der versammelten Stadtelite steht. Er schiebt die Kleider zu seinem Vater rüber und sagt sinngemäß: “Hier hast du alles zurück. Ich gehöre nicht mehr zu deinem System.”
Wir suchen heute nach Sinn und Erfüllung, indem wir Yoga-Retreats buchen und Podcasts hören. Aber wir behalten unsere teuren Gewänder an. Wir wollen die innere Freiheit, aber wir klammern uns panisch an die Erwartungen unserer Familie, an unseren Status, an unseren Jobtitel. Wir wollen ausbrechen, aber bloß niemanden vor den Kopf stoßen.
Franziskus hat uns vor 800 Jahren gezeigt, was echte Sinnfindung kostet. Sie kostet dein Image. Der erste Schritt zu einem erfüllten Leben ist die schonungslose Demontage der fremden Erwartungen, die du dir wie ein viel zu enges Kleidungsstück angezogen hast. Solange du Angst hast, nackt und dumm vor den Augen der anderen dazustehen, bist du nicht frei. Du verwaltest nur den Erwartungsdruck der anderen.
In dieser Woche schauen wir uns die Überlebensstrategien dieses Radikalen an. Wir küssen das Hässliche, bauen Ruinen auf, schließen Frieden mit den Wölfen und erkennen, warum uns unser Besitz eigentlich als Geisel hält.
Welches teure Gewand der fremden Erwartungen weigerst du dich hartnäckig auszuziehen, obwohl du darin kaum noch atmen kannst?

